Siri Hustvedt – Ghost Stories. Ein Buch der Erinnerung (Buch)

Cover © Rowohlt Hardcover

Siri in aller Munde: An der US-amerikanischen Schriftstellerin führt aktuell kein Weg vorbei. Ihr neuer autobiografischer Roman „Ghost Stories“ plus Lesetour wird medial weltweit besprochen und der Dokumentarfilm „Siri Hustvedt – Dance Around the Self“ feierte im April 2026 auf der Berlinale Premiere und läuft noch vereinzelt in den Kinos.

Worum geht es im Buch?
Das Buch ist kein klassischer Roman, sondern besteht aus autobiographischen Versatzstücken und essayistischen Betrachtungen. Zentrales Thema ist Siri Hustvedts Beziehung zu Paul Auster, mit dem sie über 40 Jahre verheiratet war. Seines Zeichens ebenfalls Autor, galten die beiden als legendäres Schriftsteller-Paar aus Brooklyn.

Ende 2022 wurde bei Paul Auster Krebs diagnostiziert und er verstarb im April 2024 – also vor ziemlich genau zwei Jahren – in der Bibliothek der gemeinsamen Wohnung. So viel zu den Fakten. Siri Hustvedts Buch ist natürlich so viel mehr: Sie offenbart in zärtlichem Ton viele intime Details ihrer Liebe zu Paul, Insider-Witze der beiden und ihre Kennenlern-Story im New Yorker Nachtleben. Sie kramt in ihrem Gedächtnis und buchstäblich in ihrer Paul-Erinnerungskiste: Darin befinden sich zum Beispiel Briefe, die Siri schrieb, um Paul zurückzugewinnen, als er beschloss, zu seiner ersten Ehefrau zurückzukehren. Diese sind in „Ghost Stories“ nun allen Leser*innen zugänglich – und werden von der Autorin kommentiert.

Was Intimität angeht, zieht Siri wirklich keine Grenzen und lässt alle Leser*innen an den Erinnerungen an Paul und ihre Ehe teilhaben: am Sex, am schrecklichen Verlauf seiner Krankheit und am Familienleben. Sie erzählt von Sophie, der gemeinsamen Tochter, die als Sängerin in Europa bekannt wird, und von Daniel, Pauls Sohn aus erster Ehe, dessen Drogensucht über Jahre hinweg große Kreise zog.

Besonders interessant sind die Abschnitte über ihre eigenen und Pauls Bücher und Arbeitsweise sowie die damit einhergehenden Schreibgewohnheiten, die im Hause Hustvedt-Auster herrschten: Die beiden pflegten eine literarisch-symbiotische Beziehung ohnegleichen und Siri erwähnt im Buch, dass jede Anmerkung, jede gegenseitige Kritik, die sie einander gaben, stets in die aktuelle Arbeit einfloss. Jeder Kritikpunkt wurde ernst genommen und umgesetzt. Sie schätzten das Feedback des anderen, lasen sich gegenseitig stundenlang die eigenen Texte vor und beflügelten sich zu neuen literarischen Höhen.

Wer wird „Ghost Stories“ gern lesen und wer eher nicht?
Wer bereits Bücher von Siri Hustvedt oder Paul Auster gelesen hat, wird auch dieses lieben. Nicht nur, weil es wirklich intime Einblicke in das Leben der beiden bietet, sondern auch weil literarische Figuren aus ihren Werken auftauchen. Der Stil ist mitunter essayistisch und erinnert an andere Essays von Siri. (Zuletzt: Mütter, Väter und Täter. Essays. Rowohlt, Hamburg 2023). Überhaupt kommen Fans von Textcollagen auf ihre Kosten: Neben den erwähnten Briefen von Siri an Paul, dürfen wir auch E-Mails lesen, die den Krankheitsverlauf von Paul Auster schildern und an Freunde des Paares verschickt worden sind. Es werden Songtexte von Tochter Sophie zitiert und sogar Paul Auster kommt zu Wort: Abgedruckt sind die letzten Texte des Autors – Briefe an seinen Enkel Miles, dessen Geburt er gerade noch erleben durfte.

Wer kürzlich ein Familienmitglied oder anderen geliebten Menschen (an eine Krebserkrankung) verloren hat, sollte sich überlegen, ob das Buch jetzt das richtige ist. Siris Schilderungen gehen mitunter sehr ins Detail. Überhaupt sind die Themen Tod und Sterbebegleitung omnipräsent und was für einige Leser*innen eine tröstliche Wirkung hat, sorgt bei anderen vielleicht dafür, eigene Wunden aufzureißen. Ihr solltet auf jeden Fall Taschentücher parat halten! Aber Siri Hustvedt wäre nicht Siri Hustvedt, wenn ihre mitreißende Sprache, das Buch nicht wieder zum Pageturner machte und ihr Humor beim Lesen kein Lächeln entlockte. Das Gefühl, einer Freundin zuzuhören, stellt sich auch bei der Lektüre von „Ghost Stories“ wieder ein.

Verwunderlich finde ich dennoch, dass gerade dieses Buch medial so präsent ist: Auch wenn es literarisch gesehen mehr ist als Schreibtherapie für die Autorin – es bleibt zu hoffen, das der Medienrummel dazu führt, auch mal einen anderen Roman der brillanten Siri Hustvedt zur Hand zu nehmen. („Die gleißende Welt“, „Was ich liebte“ etc.) Einen, in dem Paul Auster nicht von der Presse als „Co-Autor“ gefeiert wird. Denn das hatte Siri noch nie nötig.

  • Autorin: Siri Hustvedt
  • Titel: Ghost Stories. Ein Buch der Erinnerung
  • Originaltitel: Ghost Stories. A Memoir.
  • Übersetzer: Uli Aumüller, Grete Osterwald
  • Verlag: Rowohlt
  • Erschienen: 13.03.2026
  • Einband: Hardcover mit Lesebändchen
  • Seiten: 400
  • ISBN: 978-3-498-00788-1
  • Sonstige Informationen:
  • Produktseite

Wertung: 14/15 dpt

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