„Cleanen Sie den künftigen Minister“

Das Archiv des Teufels
© Gmeiner

München, 1952. Nach sieben Jahren in Deutschland sitzt Major Robert Bennett vom Counter Intelligent Corps in dem Flugzeug, das ihn nach Hamburg fliegen soll. Von dort winkt die langersehnte Heimreise nach Amerika per Schiff. Das Flugzeug steht bereits auf der Startbahn, doch die Rotoren werden wieder abgestellt und Bennett in das Hauptquartier des CIC bestellt, wo er von seinem Chef Floyd Morgan einen heiklen Auftrag erhält. Konrad Adenauer, der deutsche Kanzler, bittet die Amerikaner persönlich um Hilfe. Er will Siegfried Heiderer zum Minister erklären, aber dafür muss dieser eine blütenweiße Akte haben. Nachdem schon Hans Globke, ein Mitverfasser der Nürnberger Rassengesetze, zu Adenauers wichtigstem Berater, auch in Personalfragen, aufstieg, kann man sich in der Regierung keinen weiteren ranghohen Nazi leisten. Dies würde Russlands Diktator Stalin auf den Plan rufen, der die Amerikaner schon länger verdächtigt, mit Hilfe der Deutschen gegen Russland agieren zu wollen. Ein dritter Weltkrieg wäre ziemlich sicher ein atomarer, daher soll Bennett den künftigen Minister cleanen, was er in vielen anderen Fällen schon erfolgreich erledigte.

Adenauer tut sein Bestes, und er wird versuchen, die Nazis im Zaum zu halten, dennoch ist die Demokratie brüchig. Jeder zweite Richter hat unter Hitler Unrecht gesprochen. Wir haben ihnen die Persilscheine zu Tausenden ausgestellt. Unsere Strategie ist gefährlich, aber die einzige Möglichkeit.

Doch hier liegt der Fall anders. Nicht nur, dass Heiderer, der „Schächter von Lemberg“, an jenem grausamen Massaker in der Ukraine im Jahr 1941 maßgeblich beteiligt war; er soll auch die Ermordung von Ted Bennett, Roberts jüngerem Bruder befohlen haben. Ted gilt seit Jahren als verschollen, seine Leiche wurde nie gefunden. Beweise, dass Heiderer ein brutaler Nazischerge war, sollen angeblich in einem geheimnisvollen Archiv zu finden sein. Dies müsste Bennett finden, um es verschwinden zu lassen. Dann wäre Heiderer sauber und könnte vereidigt werden. Doch dagegen kämpft auch das Ministerium für Staatssicherheit, das die junge Agentin Anna Münzinger auf Bennett ansetzt. Sie hatte schon einige Nazis in Westberlin in ihre Gewalt und anschließend nach Ostberlin gebracht, bevor sie von Amerikanern reaktiviert werden konnten. Jetzt soll Bennett sie zu dem mysteriösen Archiv führen, damit man anschließend Heiderer entführen und ihm den Prozess machen kann.

Stalin glaubt, wir wollen ihm die DDR, Polen und Tschechien wegnehmen. Er glaubt, wir wollen ein Deutschland in den Grenzen von 1939. Er glaubt, dass wir in Korea schon mal üben.

Die Jagd führt über Breslau nach Lemberg, wobei Bennett und Münzinger bald merken, dass sie nur Marionetten in einem großen Spiel sind. Verraten und auf sich allein gestellt, schließen sich die beiden Klassenfeinde notgedrungen zusammen.

Deutschland als Bollwerk gegen den Kommunismus

So schnell geht Politik. Gegen Hitler war Stalin noch der große Verbündete, jetzt ist der Kommunismus die größte Gefahr für die freie Welt. Die Amerikaner wollen Deutschland als Bollwerk gegen den Kommunismus und sind dabei zu jeder Schandtat bereit. So werden bis Ende der 1940er Jahre über vierhundert Personen mit klarer NS-Vergangenheit im deutschen Nachrichtendienst von der CIA geduldet, da diese auf das Wissen ihrer deutschen Kollegen über Osteuropa angewiesen sind. So ist ein zentrales Thema dieses Romans – neben der Angst vor einem atomaren Weltkrieg – die Tatsache, dass viele Nazigrößen unbehelligt nach dem Krieg einfach weitermachen konnten; vereinzelt sogar Minister im Kabinett von Adenauer wurden.

Sie sind Gefangener der Deutschen Demokratischen Republik. Sie werden schwerer Kriegsverbrechen beschuldigt. Ich werde Sie verhören und darüber Protokoll führen lassen. Mit Ihrer Bereitschaft zur Kooperation können Sie das Strafmaß, dass Ihnen droht, erheblich beeinflussen. Und Sie können damit Reue zeigen.“ „Ich verlange einen Anwalt.“ „Sie haben mich falsch verstanden.

Die jeweiligen Sichtweisen der Amerikaner und der Russen werden über die beiden Protagonisten gespiegelt, wobei diese sich notgedrungen näherkommen. So darf man den Roman auch ans Anreiz verstehen, nicht auf die politischen Systeme eines Landes zu schauen, sondern auf den einzelnen Menschen. Die Zeit des Kalten Krieges wird lebhaft und anschaulich eingefangen, es gibt etliche Überraschungen und einige Actionszenen. Letztendlich aber geht es wie bei jedem Spionageroman vorrangig um die Frage, wem man vertrauen kann? In einer Welt, die auf Lügen und Verrat aufgebaut ist, kann jede Fehleinschätzung tödliche Konsequenzen haben. Das wissen auch Bennett und Münzinger.

  • Autor: Martin Conrath
  • Titel: Das Archiv des Teufels
  • Verlag: Gmeiner
  • Umfang: 375 Seiten
  • Einband: Taschenbuch
  • Erschienen: September 2021
  • ISBN: 978-3-8392-0007-0
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite


Wertung: 13/15 dpt


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