
Dieser Roman der schottischen Autorin Elspeth Barker gilt in Insiderkreisen als moderner Klassiker. Tatsächlich besitzt „O Caledonia“ alle Voraussetzungen, um diesem Legendenstatus gerecht zu werden:
Trotz des enormen Erfolges blieb es das erste und einzige Buch der Autorin.
Barkers Sprache ist ein wahres Ereignis, ihr sinnlicher Erzählstil ist absolut mitreißend, egal ob sie Naturgewalten beschreibt oder das Seelenleben ihrer Protagonistin.
Das Setting ist atemberaubend. Der Plot ist in Auchnasaugh angesiedelt, einem fiktiven Dorf, hoch oben im Norden Schottlands, dessen reales Vorbild auf Drumtochty Castle zurückgehen soll. Die Landschaft ist dermaßen unwirtlich, wild und rau, dass man sich bei der Lektüre um Jahrhunderte zurückgeworfen fühlt, obwohl wir uns tatsächlich in den frühen 50er Jahren des 19. Jahrhunderts befinden.
Und last but not least – mit ihrer Hauptfigur Jane hat Barker eine starke Protagonistin geschaffen, eine, die sich allen Klischees ebenso wirkungsvoll widersetzt wie den hartnäckigen pädagogischen Bemühungen ihrer Umgebung, sie dem klassischen Frauenbild ihrer Zeit anzupassen.
Von klein auf ist Jane die geborene Außenseiterin. Sie liebt es allein zu sein, zu lesen und alte Sprachen zu lernen. Den erzieherischen Versuchen ihrer Mutter Vera, aus ihr ein „richtiges Mädchen“ zu machen, begegnet sie mit störrischem Trotz. Sie flieht in die Phantasiewelt ihrer Bücher und baut sich durch ihr „ungehöriges“ grobes Verhalten einen Schutzwall.
Die Eltern Vera und Hecor kümmern sich eher oberflächig um die ständig wachsende Kinderschar. Jane leidet unter dem lieblosen Verhalten der Mutter, die im Grunde kein Interesse für die Interessen ihrer Kinder zeigt. Es geht nur darum, die Kinder ans System anzupassen, an das, was als Norm gilt. Dass hinter dieser Norm eine repressive, manchmal auch grausame, Realität steckt, wird der heranwachsenden Jane mit dem Älterwerden zunehmend bewusst. Barker platziert ihre Schlüsselszenen sehr subtil, fast so als spielten sie nur eine zu vernachlässigende Rolle, wodurch ihr Echo besonders nachhaltig wirkt.
Sehr früh spürt Jane, dass es eine gefährliche Kluft zwischen männlichem und weiblich toleriertem Verhalten gibt. Während Jungs respektive Männern sexuelles Selbstbewusstsein bis hin zur Übergriffigkeit erlaubt wird, ist sexuelle Selbstbestimmung für Mädchen beziehungsweise Frauen absolut tabu.
So lebt z.B. im Haushalt der Familie auch die ältere, verwitwete und mittellose Tante Lila. Deren Anwesenheit ist Janes Mutter Vera von Anfang an ein Dorn im Auge. Jane ist die einzige in der Familie, die Sympathie für die exzentrische Frau empfindet. Als offenbar wird, dass Lila trotz ihres hohen Alters sexuell aktiv ist, wird sie von Vera wegen dieses „anstößigen Fehlverhaltens“ aus dem Haus geworfen.
Alle Ereignisse werden durch die auktoriale Erzählstimme aus Janes Perspektive wiedergegeben. Dadurch blickt man in die verletzliche Seele der Heranwachsenden, die sich in einem ständigen Konflikt befindet. Einerseits ringt Jane um die Liebe und Aufmerksamkeit ihrer Familie, andererseits strebt sie nach Selbstbestimmung und Unabhängigkeit. Diese zwei Pole gehen nicht zusammen und werden zum tragischen Konflikt, der ihr kurzes Leben dominiert. Immer wieder wird Jane in ihrem Wunsch nach Liebe enttäuscht. Die Grausamkeit der Menschen, die sich vor allem in ihrem Verhalten den Tieren und der Natur gegenüber offenbart, lässt sie von den Menschen generell abrücken.
Regelmäßig bezieht Barker ausführliche Naturbeschreibungen in den Handlungsablauf ein. Der Wechsel der Jahreszeiten, die langen, extrem ungemütlichen Wintermonate, üben direkten Einfluss auf das Empfinden der Bewohner von Auchnasaugh aus und spiegeln Janes Seelenleben.
Der Winter kam über das Tal; Mitte Oktober fiel der erste
dünne Schnee, den der nasse Wind eine Stunde später fortgeleckt hatte. (…) Die
kahlen Buchen und Eschen zitterten; das Gras war verdorrt vom Frost, Kiefer und
Aurakie standen schwarz und mächtig. Nur die rote Erde der Hügelwege behielt
ihre Farbe; die Pfützen sahen wie Blutlachen aus.
Von allen Jahreszeiten liebte Janet diese am meisten.
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Auch wird Jane von Barker wiederholt in die Nähe eines Naturwesens gerückt, das sich an der Freiheit des Windes und der Vögel orientiert.
Das tödliche Ende der Protagonistin, dessen Inszenierung überrascht, obwohl man von Beginn darauf vorbereitet ist, schenkt der Heldin des Romans einen Sieg der Kompromisslosigkeit. Man kann darüber spekulieren, ob Barker damit ihrer Gesellschaftskritik eine gewisse Resignation hinzufügt oder ob im Tod ihrer Figur auch eine Weigerung der Autorin liegt, Jane letztendlich doch erwachsen, also ein angepasstes Mitglied der Gesellschaft, werden zu lassen.
Der Titel „O Caledonia“ geht übrigens auf ein Gedicht Sir Walter Scotts zurück, womit die Autorin sich direkt auf die Romantik und das schottische Erbe der Dichtkunst bezieht.
O
Caledonia! stern and wild,
Meet nurse
for a poetic child!
(zu deutsch: „Oh Kaledonien! Rau und wild,/ Der Dichtung Kind zur Wärterin bestellt!“) lauten die Zeilen, die Barker ihrem Roman vorangestellt hat. Mit diesem Zitat öffnet sie der Interpretation ihres Romans die Tür zu einer weiteren Ebene. Die Freiheits- und Unabhängigkeitsliebe Janes erhält einen universellen Wert, wie sie auch der Kunst, hier der Poesie, zu Grunde liegt.
Große Klassiker-Leseempfehlung!
- Autorin: Elspeth Barker
- Titel: O Caledonia
- Übersetzerin: Verena von Koskull
- Originaltitel: O Caledonia
- Verlag: Berlin Verlag
- Erschienen: April 2026
- Einband: Gebundene Ausgabe
- Seiten: 240 Seiten
- ISBN: 978-3827015112

Wertung: 14/15 dpt







