
Gemeinsame Rezension der booknerds-Redakteurinnen Karoline Siep und Britta Röder
Karoline: Seitdem ich Rezensionen schreibe, ist mir wohl keine Besprechung so schwer gefallen, wie die zu Marina Vujčićs Roman „Sicheres Haus“. Umso wichtiger ist es, sie zu schreiben, darüber zu sprechen, laut zu werden oder zu bleiben.
Britta: Wie sehr dieser Roman eine besondere Bühne verdient, darüber waren wir beide uns ja sofort einig, als wir uns das erste Mal über ihn austauschten. So entstand die Idee, eine gemeinsame Rezension zu schreiben, auch um zusammen laut zu sein. Das hat natürlich vor allem auch mit der Aktualität des Themas zu tun. Angeheizt durch spektakuläre Fälle (z.B. um Gisèle Pelicot, Collien Fernandes) steht das Thema „Häusliche Gewalt“ respektive „Gewalt gegen Frauen“ derzeit wie seit langem nicht mehr im medialen Fokus. Aber obwohl Zahlen und Fakten den Kritiker:innen patriarchaler Strukturen Recht geben, schlagen ihnen im öffentlichen Diskurs noch immer – und teilweise wieder verstärkt – die altbekannten, überholten Narrative entgegen. Noch immer greift die klassische Täter-Opfer-Umkehr, noch immer hält sich die Vorstellung hartnäckig „Gewalt innerhalb einer Beziehung“ sei irgendwie Privatsache, führende Politiker extremrechter Parteien propagieren misogyne Rollenbilder und ein Bundeskanzler instrumentalisiert das Thema sogar missbräuchlich für die Migrationsdebatte, womit er sich dem wesentlichen Sachverhalt total verweigert.
Karoline: Dabei häufen sich die Schlagzeilen ja nicht erst seit gestern. Aber neu ist, dass inzwischen endlich auch Massenmedien die Taten benennen als das was sie sind: Femizide. Morde oder Gewalt mit Todesfolge, die sich gezielt gegen Frauen richten.
Egal, ob es sich um Gewalt mit Todesfolge (Femizide) handelt oder andere Formen der Gewalt gegen Frauen, z.B. durch Mißbrauch wie bei Pelicot und Ulmen, ganz ganz oft, wenn nicht sogar meistens, kommen die Täter aus dem engsten Umfeld. Bei Pelicot und Ulmen waren die (angeklagten) Täter die engsten Bezugspersonen der Opfer: die eigenen Ehemänner. Und erst vor wenigen Tagen wurde ein Netzwerk bekannt, auf dem sich Täter (ja, ich gender hier bewusst nicht), Tipps dazu holen konnten, wie sie Frauen betäuben und vergewaltigen könnten.
In Marina Vujčićs Buch jedoch ist eine Frau die Täterin. So scheint es zumindest, denn die Protagonistin Lada Lončar sitzt in Kroatien im Gefängnis, da sie ihren Mann umgebracht hat. Was eigentlich nicht möglich sein sollte, denn im kroatischen gibt es kein Wort für „MörderIN“.
Britta: Von dieser Besonderheit in der kroatischen Sprache wusste ich bisher gar nichts. Was mich zu Beginn der Lektüre erschütterte, war die Erkenntnis, dass hier eine Frau „Täterin“ genannt wird, obwohl sehr schnell offensichtlich wird, wie sehr sie das eigentliche Opfer ist. Und dass für diese von einem Täter bedrohte Frau erst das Gefängnis ein sicheres Haus darstellt. Vujčić protokolliert dadurch nicht nur ein „Einzelschicksal“, sondern vor allem ein gesamtgesellschaftliches Versagen.
Karoline: Lada wünscht sich jemanden, der ihre Geschichte erzählt und nicht die ihres alkoholkranken und narzisstischen Mannes und genau dieser Aufgabe nimmt Vujčić sich an. Sie lässt Lada die Geschichte in Rückblenden erzählen. Gleichzeitig gibt sie Einblicke in das Gefängnisleben und die ausweglose Situation, in der Lada sich nun befindet. Besonders eindrücklich wird die Erzählweise dadurch, dass die zweite Person Singular verwendet wird, und Lada sowohl die Lesenden wie auch ihren Mann direkt per DU anspricht.
Lada beginnt die Geschichte mit dem Kennenlernen, der romantischen Honeymoon-Phase, der Wolke 7 – oder auch, wenn man hinter die Fassaden blickt: dem Lovebombing, der ersten Entfremdung von Freunden und Familie, den ersten Verboten, Besitzansprüchen und Wutausbrüchen, den ersten perfiden Manipulationen. Die Gewalt spitzt sich über die Jahre immer weiter zu und die Erzählung lässt kein noch so grausames Detail aus. Vujčićs beantwortet auch die Frage, warum Lada nicht einfach geht, wie sie manipuliert wird, wie ihr soziales Netzwerk aufgelöst wird.
Britta: Genau das, wie Vujčić diese Etappen der sogannten „Liebesgeschichte“ skizziert, hat mich stark mitgenommen. Sie stellt dar, wie langsam die Einflussnahme voranschreitet, wie schleichend der Täter Ladas Richtwerte verschiebt, so dass sie irgendwann dem eigenen inneren Kompass nicht mehr traut. Quasi unbemerkt gerät Lada in die Falle. Ich finde, die Autorin räumt dadurch auch mit einem Vorurteil auf: Lada ist nicht prädestiniert zum Opfer zu werden. Sie ist keine besonders labile, leicht zu beeinflussende Frau. Im Gegenteil: Lada spiegelt eine ganze Generation junger, moderner Frauen. Sie führt ein selbstbestimmtes Leben bevor sie den Täter trifft. Erst durch ihn gerät sie zunehmend unter Druck. Das, was Lada passiert, könnte eigentlich so gut wie jeder Frau passieren.
Karoline: Was mich da noch viel wütender gemacht hat, als die Gewalt die durch den Mann ausgeht, ist die Reaktion von Ladas Eltern und Schwester auf ihre Hilfsgesuche. In Ladas Auseinandersetzung damit wird auch deutlich, wie wichtig es ist, dass Eltern ihren Kindern ein gesundes Selbstbewusstsein vermitteln und ihnen, auch als Erwachsene klar machen, dass das Elternhaus sie immer mit offenen Armen empfängt – egal welchen Fehler das Kind ihrer Meinung nach gemacht hat. Dass Lada sehr früh Glaubenssätze vermittelt bekommen hat, die dazu beigetragen haben, dass sie sich nicht aus der Beziehung lösen konnte, lässt sich zum Beispiel auch daran erkennen, dass sie noch im Gefängnis und obwohl sie weiß, dass sie andernfalls selbst gestorben wäre, sich selbst zu einem kleinen Teil die Schuld gibt.
Aber auch die Mitinsassinen, mit denen Lada sich eine Zelle teilt, glänzen nicht gerade mit Selbstreflexion. Obwohl sie alle selbst (oder vielleicht genau deswegen), auf die eine oder andere Art Gewalt durch Männer erfahren habe, werten sie Ladas Schweigen über ihre Tat als Arroganz und auch sie stellen die bekannte Frage: „Warum bist du nicht einfach gegangen?“.
Britta: Genau das finde ich in diesem Roman so wichtig. Vujčić blickt nicht nur auf das Verhältnis zwischen Opfer und Täter – obwohl sie das natürlich sehr authentisch macht – sie zeigt uns die Reaktion der dieses Szenario umgebenden Gesellschaft und deren Versagen, da nicht nur niemand dem Opfer zur Hilfe kommt, sondern im Gegenteil der Täter sogar strukturelle Unterstützung erfährt. Ich glaube, das hat mich stellenweise sogar noch wütender gemacht.
Karoline: Nicht wütend, dafür fassungslos hinterlassen haben mich die Informationen über das kroatische Sozialgesetz, das ganz offensichtlich dazu führt, dass Frauen umso mehr in Gefahr sind, sobald sie sich wegen häuslicher Gewalt an eine Behörde gewendet haben. So oder so, dass Lada nach dieser Meldung und dem wie die Tat ablief überhaupt verurteilt wurde, hat mich mehr als schockiert. Für mich (als juristische Laiin) erfüllte das jeden Bestandteil von Notwehr.
Lada selbst formuliert diese Fassungslosigkeit folgendermaßen:
„Dir ist noch nicht bewusst, dass du dich nur von seinem Missbrauch befreit hast, aber dass du jetzt Gefahr läufst, vom System missbraucht zu werden, dass sich nun deiner angenommen hat. Das System ist dein neuer Herr.“
Britta: Eine besondere Stärke in Vujčićs Erzählen liegt in ihrer sprachlichen Zurückhaltung. Charaktere und Settings werden immer nur so weit dargestellt ,wie sie für die Rekapitulation der Geschehnisse notwendig sind. Vujčić verzichtet auf unnötige dramatische Effekte. Die eigentlichen Grausamkeiten werden fast nüchtern, dokumentarisch wiedergegeben, wodurch ihnen nichts von ihrer Wucht genommen wird. Das Individuelle wird dabei nicht vernachlässigt, es betont die Authentizität der Handlung, aber das Exemplarische wird in den Vordergrund geschoben.
Karoline: Dieses Buch hat mich mit seiner Rohheit, Echtheit und Realitätsnähe schwer beeindruckt und mich lange beschäftigt – eigentlich tut es das immer noch. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass die Autorin enorm gut recherchiert und den schleichenden Kreislauf der Gewalt extrem gut dargestellt hat. Lada wollte nicht in die Femizid-Statistik fallen, hat sich gewehrt und wurde dafür bestraft. Das ist real. Ich bin mir nicht sicher, ob es mehr wird, oder ob es nur mehr Aufmerksamkeit gibt – aber es muss aufhören. Und gerade deswegen sollte dieses Buch von möglichst vielen Menschen gelesen werden. Die Autorin hat dies in ihrer Danksagung sehr treffend formuliert:
„Ich danke auch allen künftigen Leserinnen und Lesern, die bereit sind, die diesem Roman zugrundeliegende Geschichte nicht als einen literarischen Fall zu betrachten, sondern als eine Realität, die uns alle betrifft.“
- Autorin: Marina Vujčić
- Titel: Sicheres Haus
- Originaltitel: Sigurna kuca
- Übersetzer: Mascha Dabić
- Verlag: Residenz Verlag
- Erschienen: Februar 2026
- Einband: Gebundene Ausgabe
- Seiten: 280 Seiten
- ISBN: 978-3701718207

Wertung: 14/15 dpt








