Tess Sharpe – Tödliche Freundinnen (Buch)

Ein fulminantes Actionspektakel

Die Sweet-Sixteen-Party von Chloe Harper nimmt einen dramatischen Verlauf, an dessen Ende Toby Dunne nicht mehr leben wird. Zwei Jahre später verschwindet Chloe von der Bildfläche und weitere Jahre später bittet ihr Vater die Privatdetektivin Nat Parker nach seiner Tochter zu suchen. Parker kann ihren Aufenthaltsort zwar ungefähr ermitteln, stirbt jedoch an Krebs. Kurz vor ihrem Tod überträgt sie die Agentur und den Fall an ihre Mitarbeiterin Mel Tillman, die sich jetzt, sechs Jahre nach Chloes verschwinden, auf die Reise begibt. Ein ungewöhnlicher Auftrag für Mel, denn sie war nicht nur an Tobys Ableben maßgeblich beteiligt, sondern zudem die Geliebte von Chloe, was in dem kleinen Kaff namens Harper’s Bluff niemand wissen durfte.

„Als queeres Mädchen in einer Kleinstadt wie hier lernt man es, Geheimnisse zu bewahren. Vor allem, wenn man mit einem Mädchen schläft, nach dessen Familie die Stadt benannt ist.“

In den tiefen Wäldern von British Columbia trifft Mel auf Chloe, die offenbar einen anderen Menschen erwartet hatte, denn sie ist bewaffnet. Mel kann Chloe zu einer Rückkehr nach Kalifornien überreden, doch ihr kleines Flugzeug stürzt ab. Beide überleben, aber damit beginnt eine dramatische Jagd, denn die einflussreiche Familie Newell ist hinter den beiden her. Toby dealte nicht nur für Rick Newell, sondern hatte etwas Wertvolles bei sich, wofür die Familie bereit ist über Leichen zu gehen. Dies ist den beiden Freundinnen durchaus bewusst, denn vor Jahren ermordete Newell Junior eine ihrer engsten Freundinnen. 

Frauenpower und Liebe

Bei dem in der Gegenwart spielenden Erzählstrang sind die beiden Protagonistinnen vierundzwanzig Jahre jung. Chloe, die einige Jahre in der Wildnis lebte, weiß sich dort bestens zu verteidigen wie Mel schmerzhaft erfahren muss. Wer den Film-Klassiker „Rambo“ kennt, wird eine ungefähre Vorstellung haben. Dabei sprengt die Autorin Tess Sharpe das ebenso weitverbreitete wie überholte Klischee, dass nur Männer besonders hart sein können. Wären die Hauptfiguren zwei junge Kerle, man würde ihr Handeln wohl sofort „akzeptieren“, überwindet man jedoch dieses veraltete Denkmuster, passt der Roman schon besser. Es geht von Beginn an abgebrüht zur Sache. Nach dem Flugzeugabsturz hat Mel ein Messer in ihrem Bein stecken, welches sie herauszieht, um anschließend die Leiche der Flugbegleiterin aus der Maschine zu bergen. Zwar lernt man in jedem Erste-Hilfe-Kurs, dass man genau dies nicht machen soll, weil so der Wundkanal geöffnet wird, aber sie ist halt hart im Nehmen.

Der Plot bildet eine wüste Geschichte, die trotz knalliger Action hohe Aufmerksamkeit erfordert. Die einzelnen Kapitel springen in der Zeit – durchaus gekonnt arrangiert – wild hin und her, die diesbezüglichen Angaben sind daher unbedingt zu beachten. Apropos Kapitel: Das Buch ist in fünf Teile gegliedert, die wie folgt beziffert sind: „1-2-3-IV-V“. Nun ja, es passt irgendwie zum Gesamteindruck. Die Familie der Newells, welche an tumbe Südstaaten-Hillbillys erinnern, ist besonders skrupellos und sich untereinander nicht grün. Diesbezüglich gibt es zum Finale eine schöne Überraschung. Überhaupt gibt es zahlreiche Wendungen, die für Aha-Effekte sorgen. Nicht selten wird man von der Autorin aufs Glatteis geführt und wenngleich die Handlung konstruiert ist bis der Arzt kommt, ist diese in sich nachvollziehbar. Der Begriff Popcornkino trifft es gut, also wenig hinterfragen und genießen und dabei – wie gesagt – auf die „Zeitangaben“ achten.

„Mel spürte, wie ihre Angst schwächer wird, denn – ja! – der Typ ist supertot, was wahrscheinlich gut ist, wenn man alle Umstände in Betracht zieht.“

Neben turbulenter Action und einem verzwickten Plot, spielt neben Frauenpower die Liebe eine wichtige Rolle. Hier zwischen zwei jungen Frauen, die als Jugendliche nicht wissen, wie sie damit (öffentlich) umgehen sollen. Da Chloe ohne Mels Wissen für Jahre verschwand, ist die Situation auch nach dem Wiedersehen angespannt und dies nicht nur, weil es plötzlich um Leben und Tod geht. Wer mit Thrillern dieser Machart keine Probleme hat, sollte zugreifen und wird bestens unterhalten. Dass zahlreiche Kraftausdrücke und eine gewisse Jugendsprache dazugehören sollte angesichts des Personaltableaus klar sein. Für Freunde wohlformulierter Worte und feingeistiger Diskussionen ist der Roman hingegen gänzlich ungeeignet, wurde für diese Zielgruppe aber auch nicht geschrieben. 

  • Autorin: Tess Sharpe
  • Titel: Tödliche Freundinnen
  • Originaltitel: No Body, No Crime. Aus dem amerikanischen Englisch von Stefan Lux
  • Verlag: Suhrkamp
  • Umfang: 363 Seiten
  • Einband: Taschenbuch
  • Erschienen: März 2026
  • ISBN:  978-3-518-47532-4
  • Produktseite

Wertung: 11/15 dpt

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