Susanne Schädlich – Briefe ohne Unterschrift: Wie eine BBC-Sendung die DDR herausforderte (Sachbuch)

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Susanne Schädlich - Briefe ohne Unterschrift (Cover © Knaus)Die DDR mag seit langem tot sein. Doch ihre Vergangenheit bietet wiederholt Material für spannende Enthüllungen und Entdeckungen. Wie die, von denen Susanne Schädlich in ihrem Buch »Briefe ohne Unterschrift: Wie eine BBC Sendung die DDR herausforderte« berichtet.

Die Autorin wurde 1965 in Jena geboren und ist als Übersetzerin und Schriftstellerin aktiv. Für ihre Biografie »Westwärts, so weit es nur geht« erhielt sie 2015 den Seume Literaturpreis. Sie lebt in Berlin.

Die Entstehungsgeschichte von »Briefe ohne Unterschrift« ist mindestens genauso spannend wie das, worüber das Buch berichtet. Es dreht sich um eine BBC-Sendung, die in ihrem deutschsprachigen Radioprogramm von 1949 bis 1974 anonyme Schreiben von DDR-Bürgern vorlesen lässt. Dieses Programm geriet seit seiner Einstellung in Vergessenheit, bis die Autorin Susanne Schädlich durch Zufall darauf aufmerksam wurde und eine mühsame, aber auch lohnende Recherchearbeit unternahm. Das Ergebnis ihrer Arbeit liegt jetzt in diesem Band vor.

Es liest sich spannend, was die Schriftstellerin schildert. Eine Radiosendung, die ihre Zuhörer aus der DDR dazu ermutigte, ihnen Briefe zu schreiben und diese an wöchentlich wechselnde tote Briefkästen zu schicken. Eine Sendung, die diese Korrespondenz dann vorlas und so den DDR-Bürgern eine Möglichkeit bot, ihre Meinung kundzutun. Und mit ihrem Wirken die Mächtigen der Deutschen Demokratischen Republik so sehr ärgert, dass diese ihren Machtapparat in Bewegung setzte, um diejenigen Bürger aufzuspüren und zu drangsalieren, die es wagten, sie zu kritisieren.

Im Mittelpunkt von »Briefe ohne Unterschrift« stehen eben die titelgebenden Briefe. Aber auch andere Schriftstücke werden ausführlich wiedergegeben. So werden zum Beispiel Berichte der berüchtigten IMs, der Spitzel der Stasi, mit der die DDR das eigene Volk ausspionierte, zitiert.

Es ist interessant, was diese Dokumente einem verraten und wie hoch her es teilweise ging. Denn mitunter griffen sich die Briefeschreiber untereinander an. Diese Schriftstücke zu lesen, ist aufregend.

Gleichzeitig muss man auch berücksichtigen, dass diese Radiosendung nur ein Mal die Woche lief und so, anders, als man es heute gewohnt ist, eine direkte, zeitnahe Reaktion nicht möglich war. Vor allem eben deshalb nicht, da der Schriftverkehr von der DDR in die damalige BRD, in die toten Briefkästen, langsam ablief. Ebenso war das Briefeschreiben ein Wettlauf gegen die Staatszensur, die versuchte, jegliche Meinung, die sich nicht mit der Vorgegebenen deckte, aufzuspüren und auszumerzen.

Man erfährt viel über das damalige Leben und darüber, wie das weltpolitische Geschehen gesehen wurde. Interessant ist dabei, dass nicht nur der DDR gegenüber kritische Stimmen zu Wort kamen, sondern ebenso solche, die an der Radiosendung selbst kein gutes Haar ließen. Wobei die BBC-Sendung negative Kritik, wie zum Beispiel, dass sie anderslautende Meinungen nicht senden würde, elegant ins Leere laufen ließ, eben indem Sie diese Sichtweisen doch vorlas.

Höhepunkt des spannend geschriebenen Buches ist dabei das Schicksal von Karl-Heinz Borchardt. An ihm zeigt Susanne Schädlich exemplarisch, wie die DDR im Laufe der Jahre immer brutaler gegen diejenigen vorging, die diese BBC-Sendung hörten und ihre nicht DDR-genehme Meinung laut äußerten. Als jemand, der offen zugab, »Briefe ohne Unterschrift« zu hören, wurde er im Laufe der Jahre wiederholt drangsaliert und sogar ein Mal unter fadenscheinigen Argumenten inhaftiert. Über mehrere Kapitel hinweg wird sein Lebenslauf geschildert und das auf eine Art und Weise, die einem nahe geht. Besser hätte die Autorin dem Leser den Unrechtsstaat Deutsche Demokratische Republik nicht näher bringen können.

Auf jeden Fall ist dieses Buch ein Must-Have und jedem nur wärmstens zu empfehlen. Unbedingt kaufen!

Cover © Knaus Verlag

Wertung: 15/15 dpt

  • Autor: Susanne Schädlich
  • Titel:„Briefe ohne Unterschrift“: Wie eine BBC-Sendung die DDR herausforderte
  • Verlag: Knaus Verlag
  • Erschienen: 03/2017
  • Einband: Gebunden
  • Seiten: 288
  • ISBN: 978-3-8135-0749-2
  • Sonstige Informationen:
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Über den Autor

Götz Piesbergen


Ich darf mich vorstellen? Wunderbärchen! :D

Mein Name ist Götz Piesbergen, wobei ich in den Weiten des World Wide Web auch noch ein paar andere Pseudonyme verwende. Ich bin ein Vielschreiber und Vielleser, der quasi alles verschlingt, was Buchstaben hat (hmm, lecker! :D). Und da ich zu den Leuten gehöre, die ihre Meinung im Netz gerne kundtun, bespreche ich auch die Sachen, die ich lese oder zocke oder sehe.

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von Götz Piesbergen Artikel-Lesezeit: ca. 2 min
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