Zoran Drvenkar – Still (Buch & Hörbuch, gelesen von Christoph Maria Herbst)

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Zoran Drvenkar - Still (Buch, Cover © Eder & Bach)Ein weiteres Mal präsentieren wir Euch eine Doppelrezension eines Titels – Zoran Drvenkars neuen Thriller „Still“, der in gedruckter Form bei Eder & Bach, einem neuen Verlag mit einem autorenfreundlichen und leserfreundlichen Konzept (mehr dazu hier im Interview mit dem Börsenblatt), veröffentlicht wurde. Die Hörbuchversion erschien bei Der Audio Verlag als vollständige Lesung mit Christoph Maria Herbst als Sprecher.

Drvenkar, auch im Dreh-, Kinder- und Jugendbuchsektor aktiv, bleibt seiner Linie, die er in seinen eher – um es mal so auszudrücken – erwachsenenkompatiblen Thrillern (er selbst lehnt Kategorisierungen jedweder Art bekanntlich ab) bislang verfolgt hat, weitestgehend treu. Dies äußert sich beispielsweise durch die alte Rechtschreibung, auf die der Autor ebenso großen Wert legt wie auf die typischen Halbgeviertstriche bei der wörtlichen Rede. Doch viel entscheidender und durch und durch drvenkar-typischer ist: einmal mehr wird die – dieses Mal in einem kalten Winter irgendwo in den brandenburgischen Wäldern spielende – Geschichte aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt, ebenfalls in verschiedenen Personen im grammatikalischen Sinn.

Derer gibt es in „Still“ drei:

Die „Sie“-Perspektive erzählt in der dritten Person von vier Männern, die ein perfides Spiel spielen – sie sehen sich, nun, wo der Winter wieder beginnt, in einer Mission, die aus Hunger und Disziplin besteht, und für die sie Kinder entführen. Spuren? Die verwischt der Schnee. Die begräbt das Eis. Alles bleibt nebulös.

Der „Ich“-Erzähler, dessen Part den Großteil des Buchvolumens einnimmt, ist ein verzweifelter, aber entschlossener Mann, ein Lehrer, der seine Tochter sucht und dabei in eine Rolle schlüpft, die ihn an seine eigenen Grenzen bring:. Er versucht, unter dem falschen Namen Mika Stellar, Anschluss an eine Gruppe von Männern, die er der Entführung verdächtigt, zu finden – und somit den Weg zu seinem Kind. Er erschleicht sich die Akzeptanz der Gruppe, gaukelt den Männern vor, ja, auch er begehre das kindliche Fleisch. Auch das seiner Tochter. Doch er ist nicht der, der er zu sein vorgibt. Er ist der, der seine Tochter rächen will.

Die dritte Erzählperspektive ist das „Du“, das sich an das Mädchen Lucia richtet. Lucia, von der man Kapitel für Kapitel mehr erfährt, ist vor sechs Jahren ihren Entführern entkommen und lebte ab dem Zeitpunkt, an dem sie gefunden wurde, in einem Pflegeheim – seitdem sind ihre Lippen versiegelt. Tag für Tag sitzt sie regungslos und schweigend am Fenster und starrt nach draußen. Sie scheint auf den Moment zu warten, an dem man ihr ihre Erinnerung wieder bringt. Und dieser Moment scheint nun gekommen.

Und hiermit wäre beinahe schon zu viel erzählt, weswegen der Verfasser dieser Zeilen die Angabe des Inhalts an genau dieser Stelle beendet. Beenden muss.

Ist man mit Drvenkars Stil bislang nicht vertraut gewesen, könnte der Einstieg in „Still“ etwas schwer fallen, doch sobald man sich an die doch sehr eigenständige, anfangs verwirrende Art des Erzählens, die den Leser sehr nah an die Settings und die Charaktere heranführt, gewöhnt hat, kann man sich eine andere Erzählform als diese gar nicht mehr vorstellen, denn die Perspektivwechsel lassen „Still“ erst zu dem werden, was es ist: Ein höllisch intensiver, schonungsloser, unter die Haut gehender Thriller, dessen Tentakeln aus den Buchseiten herauszuschnellen scheinen, um den Leser mitten in die Story hinein zu ziehen. Keine imaginäre Glasscheibe für den Leser. Kein imaginärer Freisitz, von dem aus er das Geschehen verfolgt. Nein, man begleitet Mika Stellar, man wird direkt mit den Männern konfrontiert, man bekommt die Kinder zu Gesicht, und auch Lucia wird dem Beobachter auf eine erzählerisch raffinierte Weise immer näher gebracht.

Ohne zu übertreiben, auch nach dem bewussten Verfliegenlassen der ersten Euphorie, kann man es kaum anders sagen: Der 1967 im heute kroatischen Križevci geborene, seit seinem dritten Lebensjahr in Deutschland lebende Schriftsteller hat seine Schreibkunst mit vorliegendem Titel perfektioniert. Denn noch nie war ein Buch aus Drvenkars Feder trotz seiner komplex anmutenden Struktur, die in oftmals starkem Kontrast zu seinen meist kurzen und prägnanten Sätzen steht, so flüssig lesbar wie dieses. Dass die über 400 Seiten so flink gelesen sind, liegt allerdings nicht nur an der (auch durch das stimmungsvolle Cover perfekt widergespiegelten) atmosphärischen Dichte und dem im positiven Sinn zu verstehenden gnadenlosen Würgegriff des Thrillers, sondern auch daran, dass die Kapitel sehr luftig arrangiert sind. Zwischen den einzelnen Perspektiven findet sich stets eine Doppelleerseite, auf welcher lediglich „Du“, „Ich“ oder „Sie“ aufgedruckt ist, bevor die Erzählung einsetzt. Dieses Luftholen in optischer/typographischer Form ist auch notwendig, um die Lektüre ohne Sedativa zu überstehen.

Denkt man, man habe mit den drei Thrillern „Du bist zu schnell“, „sorry“ und „Du“ schon harten Tobak zu lesen bekommen, hat man die Rechnung nicht mit „Still“ gemacht, denn jenes Werk ist das wohl markerschütterndste, spannendste, krasseste, beklemmendste und heftigste Werk des Autors. Hierbei fasziniert es, wie clever er die Fährten immer wieder falsch legt – kaum hat man für sich selbst deduziert und gefolgert, was nun geschieht, was geschehen war, was geschehen wird und wer nun wer ist, sieht es einige Seiten später schon wieder ganz anders aus – und letztendlich bleibt einem beim Schluss schlichtweg sowohl Spucke als auch Atem weg. Und diese Paukenschläge treffen den Leser mit voller Wucht. Ganz ohne Effekthascherei. Ohne Höherschnellerweiter. Ohne ein einziges Gramm Fett.

Zoran Drvenkar - Still (Hörbuch, Cover © Der Audio Verlag)Doch nicht nur der Autor wächst mit „Still“ über sich hinaus, denn in der Hörbuchversion wurde mit Christoph Maria Herbst ein Sprecher ausgewählt, der erneut mit einer weiteren Facette zu überraschen weiß. Kannte man den für seine urkomischen Rollen berüchtigten Schauspieler hörbuchsprechend eher aus dem Comedy- und Kinderbuchbereich, wusste er bereits mit dem sehr menschelnden „Ich und die Menschen“ (Matt Haig) sowie dem brutal-trockenen „Spademan“ (Adam Sternbergh) zu zeigen, welch ungeheures Potential in ihm steckt. Bei „Still“ staunt man nicht schlecht und traut seinen Ohren kaum ob des gerade Gehörten, denn Herbst liest dieses Hörbuch derart eindringlich und schaurig, mit einer Direktheit und mit Unmengen an Gefühl, mit Verzweiflung, mit Hass und zuweilen mit Eiseskälte in der Stimme, dass all die Szenen nahezu plastisch wirken. Dem Hörer – so abgedroschen ein solcher Satz auch klingen mag – gefriert das Blut regelrecht in den Adern.

Die Profilstärke, die Herbst den einzelnen Figuren verleiht, ist beeindruckend – vor dem inneren Auge werden Silhouetten Stück für Stück zu real wirkenden Charakteren, und wenn er die beißende Kälte der winterlichen Luft und des gnadenlos temperaturschmerzenden Schnees schildert, beginnt man selbst zu frieren und fühlt sich versucht, sich noch eine weitere Decke über die Schultern zu legen. Besonders packend gelingt dem Sprecher allerdings die Laut-Leise-Dynamik – in wenigen Fällen ist das Lesen beinahe ein Schreien, dann wieder, sehr häufig, wenn es ’still‘ wird, ein Flüstern, und inmitten dieser Extreme findet Herbst zahllose Nuancen – je nach dem, wie es die Geschichte gerade verlangt. Das Gespür für die jeweiligen Situationen, das er dabei an den Tag legt, spricht für viel Empathie und für ein außergewöhnliches Erzähltalent. Ja, womöglich hat der gebürtige Wuppertaler hier eines seiner besten Hörbücher überhaupt eingelesen.

Ganz gleich, für welche Version man sich entscheidet: „Still“ dürfte der wohl stärkste Drvenkar-Thriller bis dato sein und dürfte all denen munden, die gerne in die tiefsten menschlichen Abgründe blicken und ihre Protagonisten am liebsten auf dem Grat zwischen Gut und Böse wandern sehen. Denn das ist „Still“: Eine Gratwanderung. Auf einem Grat, der so schmal ist wie die Schnur dünn, welche vor lauter Spannung jederzeit zu zerreißen droht.

Cover © Eder & Bach (Buch), Der Audio Verlag (Hörbuch)

 

Wertung: 14/15 dpt


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 6 min
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