Booknerds – Zehn Jahre – Rückblick von Jochen König


Booknerds – Zehn Jahre – Rückblick von Jochen König

Eine Dekade Booknerds.de ist eine imponierende Leistung. Obwohl ich vor acht Jahren meinen ersten Text für das Magazin verfasst habe, habe ich die Geburtsstunde(n) intensiv miterlebt. Chris und ich schrieben in der gleichen Redaktion für Musikreviews.de über Jahre Musik-Kritiken. Als Chris sich mit dem Gedanken trug eine Seite zu gründen, die genre- und medienübergreifend nicht nur musikalische Erzeugnisse im Fokus haben sollte, begann ein reger virtueller Austausch, der nächtelang bis zu Chris‘ Umzug nach Berlin andauerte. Dabei war nicht nur Booknerds Thema, sondern ein buntes Spektrum von Betrachtungen über die TeDi-Warenwirtschaftswelt bis zur aktuellen Weltlage.

Szene aus “Borderlands”

Chris schied bei Musikreviews aus und kümmerte sich tatkräftig um sein nerdiges Internetbaby. Die Seite wuchs und gedieh. 2014, als mein erstes Engagement bei der Krimi-Couch endete, begann meine aktive Zeit bei Booknerds. Mit einem Schwenk von der Literaturkritik hin zu Film- und Fernsehschaffen. Die erste Rezension galt am 23.04.2014 der exzellenten Dominique Manotti und ihrem Roman „Ausbruch“. Eine Autorin, die ich jedem Leseinteressierten nur wärmstens ans Herz legen kann. Bereits vier Tage später waren flimmernde Bilder dran. Im wahrsten Wortsinn, denn „Borderlands“ war ein Found-Footage-Film, die Wackelkamera gehört zum Pflichtprogramm. „Borderlands“ ist eines besseren Werken des Genres, dessen Reiz sich mir, bis auf wenige Ausnahmen („The Bay“ von Barry Levinson etwa), nie richtig erschlossen hat. Schon das „Blair Witch Project“ nervte durch hysterisches Gezappel, statt Angst und Grauen zu erzeugen. Die Marketingstrategie zum Film war indes genial.

So summierten sich Buch- und Filmbesprechungen, mit der wunderbaren Fanney Kristjáns Snjólaugardóttir (aka Kjass), die mir ihr Album aus Island zuschickte, kam 2022 die erste Musikbesprechung hinzu. Gäbe es mehr von, wenn ich nicht, im Gegensatz zu Chris, noch für Musikreviews.de tätig wäre.

Über die Jahre kamen wir mit klasse Menschen zumindest virtuell in Kontakt. Sei es Frau Winhart von Koch Media (mittlerweile Plaion Pictures), die Herrschaften bei Voll:kontakt, die engagierten Macher von Turbine Medien, Camera Obscura, Rapid Eye Movies und etliche mehr. Da sitzt auch schon mal die Versorgung mit fantastischen Mediabooks drin. Toll ist die Zusammenarbeit mit Heike Glück von Glücksstern, die mir über die letzten acht Jahre großartiges (Fernseh)-Material zukommen ließ (und super Urlaubstipps bereithielt). So durften wir Endeavour Morse, seinen kanadischen Kollegen Murdoch, Grantchester, Brokenwood, die Private Eyes aus Toronto und vieles mehr kennenlernen. Der junge Inspector Morse hat mittlerweile ebenso viele Staffeln auf dem Buckel wie ich Jahre bei Booknerds. Insgesamt muss man feststellen, dass die Bereitstellung von Medien aller Art hervorragend klappte und klappt.

Meine erste Leipziger Buchmesse fand mit einer Booknerds-Akkreditierung statt. Ein Event, der viel Spaß gemacht hat und mir unter anderem die sehr eigene Welt des Cosplays nahebrachte. Inklusive kundiger Erläuterung der lieben Kollegin Bergschneider.

Zehn Jahre sind vorüber, und im Moment sieht es, dank einer Flut kreativer neuer Mitarbeiter und Dominics hervorragender Arbeit als Chef vom Ganzen so aus, als wäre dies nur ein erster Schritt.

Zum Abschluss eine kleine, unvollständige Liste meiner Booknerds-Topps und Flops. Wobei die Flops sehr erträglich waren. Da habe ich woanders Schlimmeres rezensiert.

Die Tops:

Die drei Romane von Willi Achten. Die Themenkreise sind Rache, Coming Of Age und das vertrackte Wesen der sogenannten Heimat. Achten beherrscht sein Metier, schreibt spannend, poetisch und gibt seinen Lesern viel Raum zum Nachdenken.

Electra Glide In Blue“, „Schlock, das Bananenmonster“, „Ausgelöscht“, „Harte Ziele“, „Lisa und der Teufel“, „Opera“, „Kentucky Fried Movie“ und alle Italo-Western. Liebevoll restaurierte Filmgeschichte, teilweise in tollen Mediabooks mit feinstem Bonusmaterial.

Thelma“ ist eine visuell atemberaubende Mischung aus Coming Of Age und Horror.

Mandy“ mit einem der letzten Soundtracks des großartigen Johann Johannsen. Nicolas als rächender Gott in einem psychedelischen Universum, dessen Göttin Andrea Riceborough ist. Oder eine überdimensionierte Kettensäge.

Gerald Kersh – „Die Toten schauen zu“ ist eines der traurigsten, erschreckendsten und wichtigsten Bücher, die ich kenne. Kershs fiktionale Verarbeitung des Massakers von Lidice, infolge des tödlichen Attentats 1942 auf Reinhard Heydrich, ist eine Reise ans Ende der Nacht, die lange schmerzhaft nachwirkt.

Lone Wolf And Cub“: Wenn etwas die Bezeichnung Kult verdient hat, dann diese Filmreihe. Der mürrische Samurai, der mit seinem Sohn in einem waffenbestückten Kinderwagen durch Japan zieht, ist einer der coolsten Filmfiguren ever. Die perfekte Umsetzung einer legendären Graphic Novel. Traumhaftes Bewegungskino.

Das sind nur ein paar der vielen Highlights, die ich in den letzten acht Jahren besprechen durfte. Es gibt noch weit mehr zu entdecken…

Die Flops:

Louise Welsh – „Verdacht ist ein unheimlicher Nachbar

Louise Welsh hat nicht nur das fantastische „Alphabet der Knochen“ geschrieben, einen atmosphärischen, klugen, mehrbödigen Thriller mit feinen King Crimson-Verweisen, sondern leider auch diese Gurke. Ein hysterisches Hipster Horrörchen mit unglaubwürdigem Berlin-Setting und holpriger Übersetzung. „Alphabet der Knochen“ bleibt eine dicke Empfehlung (wie auch Welshs weitere Bücher).

Dario Argentos „Dracula

Noch so ein Vertreter, der mich todtraurig macht. Der Regisseur, der unvergessliche Filmerlebnisse schuf (nicht im negativen Sinne), macht aus Dracula eine Bühnenshow, die Peter Steiners Theaterstadl näher ist als Hammer Horror. Mit CGI-Effekten, die Asylum-Niveau solide erscheinen lassen. Immerhin mit einem kauzigen Rutger Hauer-Kurzauftritt.  Lieber noch einmal „Stendhal Syndrome“ gucken, oder einen der Siebziger-Jahre-Klassiker.

Robocroc“ – Das Syfy-Channel Gebräu ist purer Schrott.  Was die Titelfigur angeht, sogar im Wortsinn. Corin Nemec, ehemals bekannt als „Parker Lewis, der Coole von der Schule“, agiert nicht cool, sondern im gelangweilten Autopilot-Modus. Dia- und Monologe sind allerdings zum Niederknien: “Sollten Sie dieses Stück Haut, das Staatseigentum ist, und das Sie sich widerrechtlich angeeignet haben, jemandem zeigen, dann werden Sie beide nach Artikel 27b der nationalen Sicherheitsbestimmungen strafrechtlich verfolgt”.

Es hielt sich aber in Grenzen mit den Durchfällen. Und kleine Momente der Glückseligkeit ließen sich auch bei den Gurken finden.

Acht von zehn Jahren. Und es bereitet immer noch Spaß für Booknerds zu schreiben. Alles bleibt im Werden. Darauf einen Dujardin.

Jochen König, November 2022


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