Ausgelöscht (Mediabook A) (Spielfilm, Blu-ray + DVD)

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Walter Hills Neo-Western „Ausgelöscht“ kam 1987 in die Kinos. Ein Jahr, in dem Western nicht eben Konjunktur hatten. Zwar hatten Lawrence Kasdans „Silverado“ und Clint Eastwoods „Pale Rider“ für ein mildes Flackern im Saloon gesorgt, doch dauerte es noch drei Jahre bis Kevin Costner höchst erfolgreich mit dem Wolf tanzte und noch zwei Jahre mehr bis der unermüdliche Eastwood mit „Erbarmungslos“ einen grandiosen Abgesang und eine ebenso formidable Würdigung des Genres schuf.

1987 war Sam Peckinpah bereits seit drei Jahren tot und erlebte eine Renaissance im asiatischen Kino. Nicht nur Ringo Lams und vor allem John Woos Werke sind Verbeugungen und Weiterführungen der Arbeiten Peckinpahs. Sein gelehrigster (westlicher) Schüler Walter Hill ging dabei zu Unrecht ein wenig unter.
Dabei ist „Ausgelöscht“ ein packendes Todesballett, ein Film über „Professionals“, Freundschaft und wie Verrat alles zersrtört. Mit einer glänzenden Besetzung. Nick Nolte und Powers Boothe geben die ehemals befreundeten Gegenspieler. Nolte als bis obenhin zugeknöpfter Cop in dunklen Klamotten, den Stock mit Ehrenkodices bis zum Anschlag im Allerwertesten versenkt, Boothe den hedonistischen Flaneur im weißen Anzug, der sich gerne an die guten alten BFF-Zeiten erinnert, aber ansonsten skrupellos sein eigenes Drogensüppchen kocht. Beziehungsweise kochen lässt.

Dazwischen der wie immer charismatische Michael Ironside als Befehlshaber eines Stoßtrupps Zombie-Soldaten (offiziell gilt jedes Mitglied der Einsatzgruppe als tot), die im Regierungsauftrag das Drogennest von Boothe ausheben sollen. Im Team befinden sich unter anderem Clancy Brown und der Vorzeigepsychopath mit Zahnlücke William Forsythe. Diesmal sogar als durchaus positiver Charakter. Prollig und lärmend zwar, aber letztlich nett. Wenn er nicht gerade jemand umbringt.

Der Film spielt dies- und jenseits der mexikanischen Grenze, Texas Ranger Jack Benteen möchte seinem ehemaligen Kumpel und jetzigen Drogenbaron Cash(!) Bailey das Handwerk legen. Entweder durch freiwillige Selbstaufgabe oder fremdbestimmten Exitus. Man muss kein Einstein sein, um zu ahnen, worauf es hinauslaufen wird.

Zwischen den Beiden steht die mexikanische Sängerin Sarita Cisneros, die Männerhopping von Benteen zu Bailey und zurück betreibt. Und dabei gerne die falsche Entscheidung trifft. Das Frauenbild des Films ist problematisch. Maria Conchita Alonso ist nichts weiter als eine von Männern dominierte Fantasie, letztlich ohne Bedeutung für das Fortschreiten der Handlung. Ihre Rolle besitzt reine Alibifunktion. Wen wundert’s, stammt das Original-Skript doch von Rechtsausleger John Milius, der, bei allen möglichen Meriten, nicht für seine starken Frauenfiguren bekannt ist.

It’s a man’s world und da herrschen Regeln und Gesetzmäßigkeiten. Die allerdings gerne aufgebrochen werden. Dafür sorgt schon die Besetzung mit Michael Ironside. So gibt es klare Konflikte, vorübergehende Allianzen, Verrat, Aktion und Reaktion, kurzes Innehalten, um Statements abzugeben und einen Showdown in Mexiko, der als hervorragende Hommage an Sam Peckinpahs „The Wild Bunch“ in Szene gesetzt ist. Plus Duell Mann gegen Mann und ein konsequentes, zynisches und mitleidloses Ende. Denn Jack Benteen weiß genau, er kann zwar seinen eigenen Kampf bis zum bitteren Finale führen, der Kampf gegen die Drogen ist längst verloren.
„Ausgelöscht“ gleicht mittlerweile mehr denn je einer Liebeserklärung ans klassische (Männer)-Action-Kino. Hier gibt es keine betäubenden Schnittgewitter, sondern präzis gesetzte Schnitte, die Dialogregie folgt dem Motto, „Der Worte sind genug gewechselt, jetzt lasst uns Taten sehen“. Überflüssiger Beziehungsballast und seelische Bürden aus der Vergangenheit sind Tumbleweeds im Wind. Drehbuch und Regie setzen Grundkenntnisse in populärer Kultur voraus und dass die Zuschauer wissen wie Menschen ticken, welche Bürden Freundschaften mit sich bringen und warum Jack Benteen stoisch weitermacht, auch wenn gerade sein Freund und Mentor den endlichen Weg alles Irdischen gegangen ist. Tränen stören beim Zielen.

So ist „Ausgelöscht“ ein gleichermaßen actionreicher wie wehmütiger Film. Von Profis, mit Profis und für Profis.
Die Aufarbeitung fürs Heimkino ist ganz ordentlich. Die Blu ray-Version ist ansprechend scharf, während der Film auf DVD etwas glattgebügelter aussieht. Welche Ausgabe man vorzieht liegt im Auge des Betrachters. Der deutsche Ton besitzt leider erhebliche Schwankungen. Klingt stellenweise als hätte man Passagen der VHS-Ausgabe ins fertige Produkt eingebaut. Nicht die feine Art, aber verschmerzbar.

Walter Hill, der meist etwas Pech mit der Rezeption seiner Western hatte – der grandiose „Long Riders“ kam vermutlich zum falschen Zeitpunkt raus, „Geronimo“ und „Wild Bill“ waren zu sperrig fürs Wolfstanz verwöhnte Publikum – liefert mit „Ausgelöscht“ wieder kompetente Arbeit ab. Im Anschluss gleich die „Long Riders“, „The Wild Bunch“ und „Die gefürchteten Vier“ („The Professionals“!) einlegen. Passt!

Cover & Szenenfotos © Koch Media

  • Titel: Ausgelöscht
  • Originaltitel: Extreme Prejudice
  • Produktionsland und -jahr: USA, 1986
  • Genre:
    Neo-Western, Krimi, Söldner
  • Erschienen: 08.08.2019
  • Label: Koch Media
  • Spielzeit:
    96 Minuten auf  DVD
    101
    Minuten auf Blu-Ray
  • Darsteller:
    Nick Nolte
    Powers Boothe
    Michael Ironside
    Rip Torn
    Maria Conchita Alonso
    William Forsythe
    Clancy Brown
    Matt Mulhern
    Larry B. Scott

  • Regie:
    Walter Hill
  • Drehbuch:
    John Milius
    Harry Kleiner
  • Kamera:
    Matthew F. Leonetti
  • Musik:
    Jerry Goldsmith
  • Extras:
    Teaser und Trailer, Making of, Interview mit Regisseur Walter Hill, Bildergalerie, Booklet
  • Technische Details (DVD)
    Video:
    1.85:1 (16:9)
    Sprachen/Ton
    :
    D, E, Dolby Digital 2.0
    Untertitel:
    D
  • Technische Details (Blu-Ray)
    Video:
    1.85:1 (16:9)
    Sprachen/Ton
    :
    D, E, DTS-HD Master Audio 2.0
    Untertitel: 
    D
  • FSK: 18
  • Sonstige Informationen:
    Produktlink
    Erwerbsmöglichkeiten

Wertung: 11/15 schweißnasse Showdowns


Über den Autor

Jochen König


Jochens Nerd-Schreibtisch

Stationen: Aufgewachsen in Siegen, weitergezogen nach Münster, dann nach Berlin und wieder zurück nach Idyllistan, sprich Münster. Meinen ersten Roman „Mitternachtsblues“ (sowie diverse Sachbücher mit Beiträgen von mir) gibt es tatsächlich noch zu kaufen; ob man die Hörspiele aus meiner Berliner Zeit noch empfangen kann, ist eher zweifelhaft. Ansonsten bin ich Sachbearbeiter, Teilzeit-Buchhändler und war sieben Jahre für die, sogar mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnete, Krimi-Couch tätig.

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von Jochen König Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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