Louise Welsh – Verdacht ist ein unheimlicher Nachbar (Buch)

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Louise Welsh - Verdacht ist ein unheimlicher Nachbar„Das Alphabet der Knochen“ ist ein hervorragender Roman, der manchen Genre-Liebhaber freilich ratlos zurückließ, behandelte Louise Welsh den Thriller-Part doch auf höchst eigenwillige Weise. Voller literarischer und popkultureller Verweise sorgte „Das Alphabet der Knochen“ für ein intensives Lesevergnügen, dessen Handlungsorte mitentscheidend für die Atmosphäre der Unsicherheit und der Täuschungen waren, mit denen sich der Protagonist Dr. Murray Watson zwangsläufig befassen musste. Um Unsicherheiten des Lebens, vergessene Verbrechen und das Stolpern durch einen Alltag voller Fußangeln geht es auch in Louise Welshs aktuellem Buch „The Girl On the Stairs“, hierzulande unter dem Titel „Verdacht ist ein unheimlicher Nachbar“ erschienen (Der Titel „Das Mädchen auf der Treppe“ ist anscheinend für Horst Schimanski und Tangerine Dream reserviert).

Im Gegensatz zum „Das Alphabet der Knochen“ ist der Roman allerdings ein mittleres Desaster, bei dem nicht ganz klar wird, wie weit das Misslingen der wenig überzeugenden, holprigen Übersetzung anzulasten ist.

Die hochschwangere Jane Logan verlässt London, um in Berlin mit ihrer Lebensgefährtin Petra zusammenzuziehen. Doch die Eingewöhnung  fällt ihr schwer. Freundin Petra lässt Jane, die der deutschen Sprache kaum mächtig ist, berufsbedingt oft allein.  Bald fühlt sie sich wie ein Fremdkörper an einem Ort, der ihr zunehmend unheimlicher wird. Ein lautstarker Streit zwischen einem Vater und seiner Tochter, die nebenan wohnen, steigert dieses Gefühl sogar noch. Als Jane die dreizehnjährige Anna im Hausflur trifft, mit einem Hämatom im Gesicht, vermutet sie direkt Misshandlung dahinter und versucht das Mädchen vor ihrem Vater, dem Arzt (und Hausbesitzer) Alban Mann zu schützen.

Leichter gesagt als getan, denn Anna entzieht sich Janes Zugriff und Beweise gegen Mann fehlen. Selbst als sich Gerüchte verdichten, dass Mann seine Gattin, die Mutter Annas, erwürgt hat, steht Jane scheinbar auf verlorenem Posten, während sich immer mehr Rätselhaftes vor ihr auftürmt. Was hat es mit dem heruntergekommenen Hinterhaus auf sich und welche Beziehung hat der junge Pfarrer von gegenüber zu Anna? Ist die alte Frau Becker nur senil oder haben ihre Vorwürfe gegen Dr. Mann Hand und Fuß? Welche Rolle spielt ihr Ehemann dabei?

Fragen, die sich bis zum überraschenden und abstrusen Finale weitgehend auflösen. Doch bis dahin ist es ein weiter, zäher Weg, der nur hoffen lässt, dass die Autorin, die ihn entwarf, sich auf einem nur kurz währenden Irrpfad befindet. Der mit dem nächsten Buch hoffentlich wieder endet. Die Zeichen stehen ziemlich gut dafür.

Was läuft falsch mit dem unheimlichen Nachbarn und dem Verdacht, den Jane Logan gegen ihn hegt? Das Positive zuerst: Der Roman endet mit einer fiesen Pointe, die zwar nicht ganz so unerwartet kommt, wie sie gerne möchte, aber trotzdem leichtes Unbehagen auslöst. Dass nicht mehr dabei rausspringt, liegt daran, dass der Showdown völlig unglaubwürdig und hastig übers Knie gebrochen wirkt; alle wirren Fäden finden durchs Nadelöhr und dem liebenden Paar (vorsicht Spoiler!) wird ein gesunder Junge geboren.

Bereits beim freudlosen Pärchen beginnt es zu haken. Die unsichere, leicht paranoide und hysterische Jane passt überhaupt nicht zur weltgewandten, erfolgreichen Geschäftsfrau Petra, die sich glücklicherweise recht zügig aus der Handlung verabschiedet. Bis dahin hat man Unterhaltungen geführt, die nach schlechten Lifestyle-Magazinen und noch schlechteren Ratgebern auf Readers Digest-Niveau klingen. Kleine Kostprobe gefällig?

»Missbrauchte Mädchen sind häufig sexualisiert.«
»Jedes Unglück hat sein Gutes.«
»Das ist nicht lustig.«
»Ich weiß.« Petra streichelte Janes Bauch, zart und besänftigend. »Tut mir leid. Ich mag es nicht, wenn du dich aufregst.«
»Es ist nicht gut fürs Baby.«

Und so geht es weiter, Seite um Seite werden Worthülsen verschossen, von Figuren aus der Retorte. Wo anfangen, was alles nicht stimmt?

Berlin wirkt wie ein Alptraum Atze Brauners, den er vor einem halben Jahrhundert auf dem Höhepunkt der Edgar-Wallace-Welle einmal hatte. Keine Tür lässt sich öffnen, ohne zu ächzen, knarren oder andere Geräusche zu verursachen. Im Hinterhof brennt natürlich kein Licht oder flackert bestenfalls (zudem scheint niemand im dazugehörigen Haus zu wohnen), die Dielen knarzen, die Treppen sind Stolperfallen, das Geländer ist brüchig. Irgendwo schreit bestimmt ein Käuzchen. Obwohl all diese Offensichtlichkeiten deutlich darauf hinweisen, dass wir uns in einem Mystery-Thriller befinden, geben Autorin und Übersetzerin auch für den Leser aus der letzten Reihe Hinweise mit dem angespitzten Holzpflock: »Das Metalltor ächzte wie in einem Hammer-Horrorfilm, als sie es weit aufstieß und den Friedhof betrat.« Leider sind Christopher Lee und Peter Cushing nicht annähernd in Sichtweite. Und auch wenn das gelungene Cover anderes verheißt, in Berlin trägt keine einzige Gondel Trauer.

Wenn es nicht gerade unheimlich tönt, flackert oder seltsam rumort, macht sich Jane Gedanken, ob einem Ratten wohl an die Kehle springen können, was eher unwahrscheinlich ist. Das erledigt wenig später aktiv der Splitter eines Glases, das Jane derart wuchtig zu Boden fallen lässt, dass die Scherben bis ins Gesicht fliegen.
Wen wundert es da, dass die weltfremde und hormonell unter Hochdruck stehende Jane ungläubig schaut, als Anna ihre überfürsorgliche Hilfe ablehnt. Zu diesem Zeitpunkt sind sich die Beiden gerade einmal begegnet, und Jane hat lediglich den lautstarken Streit zwischen einem aufgebrachten Vater und seiner pubertierenden Tochter belauscht. Jede halbwegs plausible zwischenmenschliche Interaktion sieht anders aus. So werden lediglich unglaubwürdige Konflikte provoziert, die plump dem Schlussgag den Weg weisen sollen. Leider geht jede Ernsthaftigkeit, die dem Thema angemessen wäre, verloren, und wenn dann noch jeder Geistliche in der näheren Umgebung nicht die Finger von seinen jungen Schäfchen lassen kann, mag dies der Realität geschuldet sein, doch in der vorliegenden klischeehaften, effekthascherischen Darreichung glaubt man es einfach nicht.

Der Übersetzerin kommt dabei ein bedauernswerter Part zu. Hat sie doch die undankbare Aufgabe, die Fremdheit der Hauptfigur zu vermitteln, die ohne großartige Sprachkenntnisse in eine Stadt geworfen wird, der sie nicht gewachsen ist. Doch die Sprachbarriere ist kaum nachvollziehbar, da die deutsche Ausgabe logischerweise, mit Ausnahme einer kurzen, seltsam absurden Passage, einsprachig ist. Astrid Gravert scheitert aber nicht nur daran, sondern an einigen Böcken, die sie selbst schießt. Wie jenem ominösen „Kieselstück“, das Jane am Kopf trifft. Keine Bodenplatte, sondern ein kleiner Kieselstein ist gemeint.

Höhepunkt der Merkwürdigkeiten ist der provokante Ausruf des frisch gebackenen Teenagers Anna an zentraler Stelle: »Mein Vater ist ein Hurenmeister!« In einem „Hammer-Horrorfilm“ vielleicht passend, wenn man gerade auf die Kutsche wartet, die ihre Passagiere zu Draculas Schloss transportieren soll und neue Begriffe für den gemeinen „Zuhälter“ sucht. Doch in einer Berliner U-Bahn-Station niemals; nicht mit dreiundsechzig, dreiunddreißig, dreiundzwanzig und schon gar nicht mit dreizehn. Da müsste eine jugendsprachliche Tirade her, in der vielleicht von Huren, aber nie von Meistern die Rede ist. Wer einen Teenager trifft, kann ja danach fragen. Die geben gerne Auskunft. Vor allem, wenn sie einen noch nie zuvor in ihrem Leben gesehen haben.

„Verdacht ist ein unheimlicher Nachbar“ ist kaum mehr als ein grob zusammen gezimmerter ‚Gaslicht‘-Thriller im Zeitalter der Elektrizität; dessen blasse Charaktere simplen dramaturgischen Vorgaben folgen, während Psychologie und Sozialkunde weitgehend durch Abwesenheit glänzen. Ab und an erahnt man zwar, welch finsteres Psychogramm der Roman hätte sein können, doch geht dies in einem Wust aus Pappmaché-Konstrukten und unfreiwilliger Komik ziemlich verloren.

Glücklicherweise gibt es außer „Verdacht ist ein unheimlicher Nachbar“ genügend lesenswerte Bücher von Louise Welsh, und wir warten gespannt auf ihre nächste Veröffentlichung. Es kann  eigentlich nur aufwärts gehen. Wer ihr trotz allem die Treue halten möchte, was sehr respektabel, wenn auch ein bisschen masochistisch ist, sollte sich ans Original halten.

Im Kunstmann-Verlagsprogramm  findet man ebenfalls zahlreiche Bücher, die einen locker über das vergurkte „Verdacht ist ein unheimlicher Nachbar“ hinwegtrösten.

Jeder Vergleich mit Hitchcocks „Fenster zum Hof“ verbittet sich natürlich bereits dadurch, dass hinten kein Licht brennt. Vorne auch nicht. Leider nirgendwo.

Cover © Verlag Antje Kunstmann 

Wertung: 5/15 dpt


Über den Autor

Jochen König


Jochens Nerd-Schreibtisch

Stationen: Aufgewachsen in Siegen, weitergezogen nach Münster, dann nach Berlin und wieder zurück nach Idyllistan, sprich Münster. Meinen ersten Roman „Mitternachtsblues“ (sowie diverse Sachbücher mit Beiträgen von mir) gibt es tatsächlich noch zu kaufen; ob man die Hörspiele aus meiner Berliner Zeit noch empfangen kann, ist eher zweifelhaft. Ansonsten bin ich Sachbearbeiter, Teilzeit-Buchhändler und war sieben Jahre für die, sogar mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnete, Krimi-Couch tätig.

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von Jochen König Artikel-Lesezeit: ca. 6 min
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