Am Erker – Nr. 65, Dreizehn Geschichten vom Pech“ (Literaturzeitschrift)

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Am Erker, Nr.65 "Dreizehn Geschichten vom Pech" (Literaturzeitschrift)Glückliche Literatur

Wann ist Literatur glücklich? Wenn sie experimentieren und spielen kann? Wenn sie Wahrheiten beinhaltet; vergessen von unzuverlässigen Erzählern noch unzuverlässigerer Charaktere, die kaum noch lesbare Geschichten erfahren, verschachtelt in so vielen Metaebenen, dass sich bei der Lektüre Nasenbluten einstellt? Oder fühlt sich Literatur vielleicht wohler, wenn sie abbildet und dokumentiert? Präzise Beobachtungen des Alltags, Durchschauungen, Psychologisierungen, bis sich jeder ertappt fühlt, bis dass man nur noch zum Schauspieler werden kann, bis man aufspringt, bis man den unbekannten Sitznachbarn im Regionalexpress mit dem Zeigefinger auf die Zeilen pochend entgegenbrüllt »So isses! So tickt ihr doch alle!«, bis man wieder einen auf die Nase bekommt?

Vielleicht sind die Fragen schon blöd gestellt. Was interessiert es uns, wann die Literatur glücklich ist? Sollten nicht viel eher wir zufrieden sein, kein Nasenbluten bekommen und unterhalten werden?

Hierzulande ist man aber doch in der glücklichen Lage, sich zum Beispiel im Bereich der Literaturzeitschriften – gemeint sind Printmagazine mit regelmäßigen Veröffentlichungen unter privatem, redaktionellem Engagement – entscheiden zu können, welche Literatur man lesen möchte! Zur anderen Tendenz in der Kulturproduktion, die sich auf eine fragwürdige Kundenorientierung berufend eher der Monokultur „Gothic-Gänseblümchen“ annähern will, etwa die Trittbrettfahrer-Regalbretter in den Buchhandelsketten, gibt es den zu Unrecht häufig vermissten, fruchtbaren Boden für wildwuchernde Vielfalten, modefrei und beständig zugänglich – glückliche Kultur und glückliche Literatur also; und das wiederum ist doch ein großes Glück für uns, die Leser!

Am Erker – Zeitschrift für Literatur

Seit 1977 stellt die Literaturzeitschrift „Am Erker“ solch einen Boden für eine spannende Form der Literatur, für unbekannte und bekannte, veröffentlichte und unveröffentlichte Autoren, zur Verfügung. Nicht wenigen gelang mit Erstveröffentlichungen in dieser Zeitschrift der Weg in den Literaturbetrieb.

Die aktuelle Ausgabe Nr. 65 mit dem Titel „Dreizehn Geschichten vom Pech“ ist nicht, wie sonst üblich, auf Basis eingereichter Texte zustande gekommen. Die Redaktion bestellte sich für diese Sonderausgabe eigens Pechgeschichten. Das Ergebnis ist eine wunderbare Ansammlung schicksalhafter Ereignisse.

Die Formenvielfalt dieser Anthologie des Pechs reicht von Loriot-Humor in der Provinz über urbane Bukowski-Atmosphäre bis hin zum phantastischen Witz im Physiklabor. „Am Erker“ versteht sich generell auf eine voraussetzungslose Literatur der kleinen Unstimmigkeiten, des Realismus mit kleinsten phantastischen Verschiebungen und des menschlichen Humors, sodass die Zeitschrift zum einen vollständig lesbar bleibt (eine Eigenschaft, die nicht bei jeder Literaturzeitschrift gegeben ist) andererseits aber auch eine literarische Vielfältigkeit beinhaltet, für die man sonst gefühlte 39 Romane lesen müsste. Literarische Extreme werden zugunsten von Geschichten aufgegeben, die, auf dem Boden der Tatsachen verankert, feine Störungen an die Leser herantragen, und damit eine reichhaltige, interessante, humoristische Landschaft ausbilden.

Minimalistisch, serifenlos, ohne Ornamente kommen die Ausgaben des Erkers daher. Fokussiert wird Inhalt, der neben Kurzprosa gelegentlich auch aus Gedichten, Cartoons und Comics besteht. Außerdem finden sich noch Essays und Rezensionen zu Belletristik in der einen oder anderen Form, zu Gedichtbänden und Sachbüchern gedruckt. Der Umfang liegt seit den letzten beiden Ausgaben bei gut einhundert Seiten.

Die „Dreizehn Geschichten vom Pech“ beginnt Burkhard Spinnen mit „Pechmarie“, einer lakonischen Erzählung über einen alleinerziehenden Vater und seine schwierige Tochter. Nach dieser Eröffnung, die Spinnen angenehm unspektakulär mit Beobachtungen psychologischer Momente entwickelt, wähnt der Leser das Glück vielleicht als etwas nicht Erzwingbares. Daran schließt die Erzählung „Im Kosmos“ von Gisela Trahms an. Mit skurrilem Humor treibt die Autorin ihre Geschichte über einen jungen Physiker und seine Freundin voran, ein phantastischer Trip zwischen oszillierenden Phasen und Glücksgefühlen, zwischen Allmacht und Ohnmacht. Und so viel Emphase sei hier erlaubt: Der Favorit des Rezensenten! Mit dem für menschliche Schicksale äußerst unguten Aberglauben, dass Maximum nicht ohne Minimum zu haben ist, liest man Martin Ebbertz „Ein Zwischenfall beim Ringkampf Luckenwalde – Tennenbronn“ und ersetzt stante pede alle metaphysischen Befürchtungen mit einem stoisch-amüsierten ‚dumm gelaufen‘.

Franziska Gerstenberg versteht es in „Da ist Pech im Spiel“ wiederum, den Leser in wenigen Absätzen emotional durchzuschütteln und erzählt die Geschichte Beckers, ein Charakter nach Art des Loriot, ein introvertierter, deutscher Gesellschafts-Verweigerer, der in einem Preisausschreiben eine Reise gewonnen hat. Das Ende ist wunderbar umwerfend. »Das Glück liegt in der Tat« skandiert man dabei und liest weiter. Wir bleiben bei Loriot, wenn Georg Klein (bei booknerds.de) „Die lustige Witwe“ erzählt, eine Provinzgeschichte mit likör-bitterem Humor, deren Ende ebenfalls umwerfend, die Fallrichtung aber eine gänzlich andere ist.

Nur noch vordergründig bleibt es bei dem Pech-Konzept ‚dumm gelaufen‘, wenn Nikos Saul mit „Inkasso“ den Rezensenten vom Stuhl reißt. Hannes arbeitet bei einem Inkasso-Unternehmen als Geldeintreiber: Saul schreibt diese Geschichte bretthart, ultra-realistisch, jedoch mit einer ‚Störung‘ in der Darbietung. In der Du-Form wird uns Hannes Leben in den Schädel gestanzt. Anklänge eines Bukowski-Feelings vermischen sich mit dem lebensnahen aber perversen Spiel der Perspektiven, das sich vor allem in der Pointe dem guten, cleveren, harten Deutsch-Rap annähert. Für den Bildungsbürger kaum zu ertragen. Deswegen hat die Story die goldrichtige Portion Provokation, die sich dem Standard-Vorwurf des Selbstzwecks bestens entgegenstellt. Nikos Saul ist in dieser Sondernummer der einzige junge, unveröffentlichte Autor und auch in den vorangegangenen Ausgaben gab es nur wenige Neulinge und viele Stammschreiber. Das ist in doppelter Hinsicht bracher Boden, denn zum einen hat sich die Herausgeberschaft der Förderung junger Literatur verschrieben und zum anderen wäre sie dank ihrer Referenzen auch in der Lage, das im Hinblick auf den Literaturbetrieb wirklich zu leisten.

Volker Kaminski bleibt mit „Frau in grünem Tuch“ im Kunstbetrieb wie sein vom Pech verfolgter Künstler. Dieser kann sich nicht mehr von den Illusionen und Emphasen seiner eigenen Werke frei machen, sodass die Erzählung mit ihrem Protagonisten in eine morbid-wütende Stimmung übergeht. Auch Markus Orths thematisiert wahrscheinlich Kunst und Literatur, obwohl er eigentlich nur seltsame Menschen beschreibt, die sich selbst als Rindenschnitzer bezeichnen. „Der Rindenschnitz-Trick“ ist ein Auszug aus einem in Arbeit befindlichen Roman. Orths erzählt mit bestem, absurdem Humor, und man darf auf ein wunderbares Buch hoffen.

Außerdem mit Pech-Beiträgen vertreten sind Doris Weininger mit „Auch ein Unberührbarer wird mal angepflaumt“, Andres Heckmann mit der Kurzgeschichte „Rostrote Schwedenhäuser“, Marc Degens und Udo Smialkowski mit dem Comic „Der Versuch, über etwas anderes als mich zu schreiben“ sowie Karla Schneider mit „Ungute Jugend“, der Beschreibung einer DDR-Jugend, die, wenn sie als Pechgeschichte daherkommt, einen tiefen Sarkasmus entfaltet, genauso wie Marcus Jensens Geschichte „Fine Mus“ über eine Frau, die glaubt, wegen ihrer Glücksbringersammlung den zweiten Weltkrieg überlebt zu haben.

Für Leser ist also sowohl die Zeitschrift „Am Erker“ als auch die dort vertretene Literatur ein wirklicher Glücksgriff, ein kleines Heft voller Vielfältigkeiten, das Autoren präsentiert, die weder zum Einheitsbrei noch zur extremen Richtung gehören, ohne dabei, wie gezeigt, harmlos zu sein. Das ist und hier ist: Glückliche Literatur.

Umschlaggestaltung Udo Smialkowski, Umschlagfoto © Daedalus Verlag

  • Titel: Am Erker – Zeitschrift für Literatur
  • Teil/Band der Reihe: Nr. 65, Dreizehn Geschichten vom Pech
  • Verlag: Daedalus Verlag
  • Erschienen: 06/2013
  • Einband: broschiert
  • Seiten: 106
  • ISBN: 978-3-89126-565-9
  • Sonstige Informationen
    Erwerbsmöglichkeit
    Erscheinungsweise: jährlich 2 Hefte

Wertung: 13/15 dpt


Über den Autor

Christian Bischopink


Christians Nerd-Schreibtisch

Aktuelle und ewige Lieblingszitate:

»I’ve seen things you people wouldn’t believe. Attack ships on fire off the shoulder of Orion. I watched C-beams glitter in the dark near the Tannhauser Gate. All those moments will be lost in time like tears in rain. Time to die.«
(Roy Batty, „Blade Runner“)

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von Christian Bischopink Artikel-Lesezeit: ca. 5 min
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