Alfred Andersch & Max Frisch – Briefwechsel (Buch)

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AnderschFrisch - Briefwechsel © DiogenesAlfred Andersch hätte am 4. Februar seinen 100. Geburtstag gefeiert. Wer an diesem Tag einen Blick in die Feuilletons der einschlägigen Tageszeitungen geworfen hat, wird festgestellt haben, dass es durchaus zahlreiche Ehrungen, Widmungen und Portraits gab. Die Frage, was von einem politisch-engagierten Autor, wie es Andersch unzweifelhaft war, heute noch bleibt, ist kompliziert und sicher nicht abschließend zu beantworten. Und doch sollen hier, bevor es an die eigentliche Besprechung des gerade bei Diogenes erschienenen Briefwechsels zwischen Andersch und Max Frisch geht, zwei Punkte genannt werden, die den Romancier, Essayisten, Journalisten und das Gründungs­mitglied der politisch wie literarisch einflussreichen Gruppe 47 ein wenig einzuordnen helfen. Er war einer der ersten Autoren, die nach 1945 mit ihren Texten versucht haben, den Deutschen ihre Sprache zurückzugeben. Verseucht durch die Nazis war diese unbrauchbar geworden – ein jedes Wort kam einem Minenfeld gleich. Auch die Rückbesinnung auf die vermeintlichen literarischen Klassiker versprach wenig Aussicht auf Erfolg, wurden doch auch diese von den Nationalsozialisten für ihre Zwecke missbraucht. Und dennoch, Werke wie „Ephraim“, „Sansibar oder der letzte Grund“ oder der programmatische Essay „Deutsche Literatur in der Entscheidung. Ein Beitrag zur Analyse der literarischen Situation“ zeigen, dass es zwar schwierig aber dennoch möglich war.

Man darf nicht alles auf die Schule und den Deutschunterricht schieben – dennoch haben heute Anderschs Werke gemeinhin den Ruf, eher brave, unspektakuläre und ach so gutmenschliche Literatur zu sein. Es wird Zeit für eine Renaissance – und eine Wiederentdeckung dieses Werks, das auch als eine literarische Auslotung des Begriffs der „Desertation“ begriffen werden kann – und damit eine moderne Dimension erhält. Mit Anderschs Blick auf diesen Akt des Verrats und seinen differenzierten Konnotationen kann beispielsweise auch die Causa Edward Snowden zusätzliche Bewertungen erfahren. Verrat, Revolte, Engagement, Wut und Zorn sowie der Wille zur Veränderung: Das sind starke Vokabeln, mit denen sich das Werk Alfred Anderschs schlagwortartig beschreiben lässt. Wenn man sich hierbei an Jean Paul Sartre erinnert fühlt, ist man sicher nicht alleine mit dieser Wahrnehmung. Tatsächlich gibt es zahlreiche Berührungspunkte beider Dichter und Denker – doch die werden uns zu einem späteren Zeitpunkt in einer anderen Rezension tiefergehend interessieren.

Hier soll es nun um den jüngst veröffentlichten Briefwechsel zwischen Alfred Andersch und dem Schweizer Autor Max Frisch gehen. Um es gleich vorweg zu nehmen: Wir erleben beide Großschriftsteller in ihren Briefen nicht als große Theoretiker, Philosophen oder Literaten. Eher lässt sich anhand ihrer Briefe so etwas wie eine Anatomie der – durchaus komplizierten – Beziehung der beiden zueinander umreißen. Der Briefwechsel beginnt am 6. März 1957 – mit einer beruflichen Anfrage Anderschs an den Schriftsteller Max Frisch, der das zuvor mündlich besprochene Erstsenderecht aus dem bis dato noch nicht erschienenen Roman „Homo Faber“ schriftlich fixieren soll. Sehr nüchtern und beinahe ausschließlich auf konkrete Anfragen reduziert, geht dieser Briefwechsel los. Es ist dann an Max Frisch, der immer wieder versucht, so etwas wie einen intellektuellen und literarischen  Austausch herzustellen. Doch Andersch bleibt, trotz Annäherungen, auf Distanz. Ganz anders übrigens als in Max Frischs Briefwechsel mit seinem Schweizer Antipoden Friedrich Dürrenmatt – ebenfalls bei Diogenes erschienen. Schließlich jedoch ergeben sich einige gemeinsame Anknüpfungspunkte und zarte Ansätze einer wahren Freundschaft.

Man erfährt so Einiges aus dem Alltag beider Autoren und liest von ihren zuweilen anrührenden Versuchen, einander bei den jeweils aktuell anstehenden literarischen Projekten zu unterstützen. Es kommt sogar so weit – oder so nah -, dass Max Frisch 1965 nach Berzona in die unmittelbare Nachbarschaft Alfred Anderschs zieht. Die Freundschaft der beiden ist auf ihrem Höhepunkt, sorgende Fragen zum Gesundheitszustand beider häufen sich, ebenso wie die Grüße an die jeweiligen Ehefrauen. Zwischendrin lässt ein Brief von Frisch aufhorchen, in dem er seine Leseeindrücke zu Anderschs Roman „Efraim“ niederschreibt. Dieser Brief ist ein wunderbares Dokument, der viel über Max Frischs Literaturverständnis verrät. Wo heute Bombenentschärfungen in Wohngebieten per Live-Stream übertragen werden, wird man hier Zeuge eines luziden „Lektüre-Live-Streams“. Zu einem kolossalen Bruch kommt es schließlich aufgrund Frischs Brief vom 19. November 1971. Diesem Brief liegt ein Textauszug, ein Portrait über Alfred Andersch bei, der in Frischs „Tagebuch 1966-1971“ erscheinen soll. Nun, um es gleich zu sagen: Andersch fühlt sich und seine Freundschaft zu Frisch verraten. Während Frisch episodisch denkt und fühlt, steht dies diametral zu Anderschs Begriff des „historisch Gewachsenen“ gegenüber. Die hier aufgetretenen Missverständnisse werden sich bis zum Schluss des Briefwechsels am 12. Mai 1986 nicht endgültig kitten lassen, auch wenn beide sich zu Beginn der 80er Jahre persönlich wieder annähern. Es blieb eine Arbeitsfreundschaft, wie auch die Briefe ein Abarbeiten an der jeweils anderen Persönlichkeit darstellen.

Die hier versammelten Briefe entbehren durchaus nicht einer gewissen Dramatik. Doch wer ist die Zielgruppe eines solchen Bandes? Sammler – und natürlich die Fans beider Autoren sowie die unermüdlichen Literaturwissenschaftler. Dieses Buch braucht außerhalb dieser zahlenmäßig sehr überschaubaren Gruppen wohl niemand. Allein schon die Wirkung des Dialogs

»Was liest du gerade?«

– »Ach, den Briefwechsel zwischen Alfred Andersch und Max Frisch.«

und der sicherlich irritierte Blick des/der Fragenden zeigt die Sonderlichkeit einer solchen Lektüre. Und dennoch lohnt sich für alle literarisch Interessierten der Blick in diesen Briefwechsel. Nicht zuletzt macht er neugierig darauf, die Hauptwerke beider Protagonisten mal wieder aus dem Regal zu nehmen und zu entstauben. Und ganz sicher: Dieses Entstauben birgt einige Überraschungen. Ja, Frisch, Andersch, ebenso wie Koeppen, Böll oder auch Hesse hatten ihre Hoch-Zeit. Sie hatten aber auch eine Zeit, in der sie eingemottet wurden, weil der Zeitgeist kein wirkliches, persönliches Interesse an ihnen entwickeln konnte, wollte oder durfte. Nun aber – ebenso wie bei so manchem Wein, der sich, jung getrunken, von seiner genussreichen Seite zeigt, sich dann nach drei, vier Jahren verschließt und erst danach wieder seine Qualitäten entwickelt – zeigen die Werke Frischs und Anderschs heute wieder Relevanz und Aktualität. Und allein dieser Grund macht diesen Briefwechsel und dessen Veröffentlichung nicht nur zu einem echt nerdigen Erlebnis. Zudem gebührt heute Verlagen, die einen solchen Textkorpus, der zudem mit einem klugen und einleitenden Essay des Herausgebers Jan Bürger sowie umfangreichem Bildmaterial aufgewertet wird, Respekt, da sich Veröffentlichungen wie diese wohl in keiner Weise mit wirtschaftlichen Überlegungen rechtfertigen lassen – und entweder nur durch Wahnsinn und wahrer leidenschaftlicher Philologie erklärbar ist. Danke!

Cover © Diogenes Verlag

Wertung: 10/15 dpt


Über den Autor

Dominik Nuese-Lorenz


Dominiks Nerd-Schreibtisch

Als gebürtiger Freiburger und aufgewachsener Rheinländer bin ich inzwischen seit doch einigen Jahren im Dreieck Bamberg-Bayreuth-Nürnberg gelandet. Nach fast zehn Jahren als Pressepsprecher eines Kinder- und Jugendbuchverlages kam 2012 die Zeit, in der ich meine angedache Doktorarbeit endlich realisieren wollte und beschäftige mich daher gerade mit – grob gesagt – Postnationalen Entwürfen der deutschen Gegenwartsliteratur.

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von Dominik Nuese-Lorenz Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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