2019 begann Claire Fuller ein Buch über ein tödliches Virus zu schreiben, 2020 wurde ihre Idee von der Realität überholt. Fuller schrieb trotzdem weiter, und was in „Das Gedächtnis der Tiere“ letztendlich geschieht, wirft so die Frage auf, ob das auch 2020 bei uns hätte so enden können. Ich bin zu dem Ergebnis gekommen, dass es für mich durchaus vorstellbar wäre …

Die Welt befindet sich im Ausnahmezustand. Ein Virus, gegen das es bisher kein Heilmittel und keine Impfung gibt, befällt die Organe der Menschen, darunter auch das Gehirn. Das führt dazu, dass das Langzeitgedächtnis der Menschen ausgelöscht wird. Die 27-jährige Neffy meldet sich freiwillig zu einer Studie, bei der ihr das Virus injiziert wird und dann ein potentielles Gegenmittel getestet wird. Die Teilnahme wird gut bezahlt und Neffy braucht das Geld: Ihre letzte Stelle als Meeresbiologin hat sie verloren, weil sie den im Aquarium gefangenen Oktopus freigelassen hat, der sie an ihre Kindheit in Griechenland erinnert hat. Das Experiment läuft jedoch aus dem Ruder und als sich herausstellt, dass das Gegenmittel nur bei ihr gewirkt hat, befinden wir uns plötzlich mitten in einem dystopischen Endzeitszenario.
Durchweg spannend beschreibt die Autorin die Zustände in der Forschungsabteilung, beleuchtet gruppendynamische Prozesse und ließ mich während des Lesens immer wieder Vergleiche zur Covid-19-Pandemie ziehen. Wem diese emotional noch nachhängt, sollte dieses Buch vielleicht lieber zu einem späteren Zeitpunkt lesen.
Gut gefallen haben mir auch die Tagebucheinträge über Oktopoden, wobei ich (als bekennende Oktopus-Liebhaberin) auf noch mehr Fachwissen gehofft hatte. In Rückblenden, erzählt Neffy außerdem von ihrer Kindheit und Jugend in Griechenland und der Beziehung zu ihren Eltern, insbesondere zu ihrem Vater. Diese Rückblenden werden systematisch eingebaut, da sie durch einen Revisitator (eine Erfindung eines anderen Experimentteilnehmers) aktiv ihre Erinnerungen wieder erleben kann – in einer Lockdown-Situation, ohne Kontakt nach außen und zu den liebsten Menschen, eine wirklich praktische Erfindung mit potentiellem Suchtpotential …
Aber nicht nur die Beziehung zu Neffys Eltern wird beleuchtet, auch die zu ihrem Stiefbruder Justin. Und diese ist leider auch mein größter Kritikpunkt. Justin ist nämlich nicht nur ihr Stiefbruder, sondern sie schläft auch mit ihm und ist verliebt in ihn. Angedeutet wird das schon auf den ersten Seiten, als sie erwähnt, dass Justin manchmal zu ganz normalen Nachrichten von ihr masturbiere, es handelt sich also nicht wirklich um einen Spoiler, wenn ich meine Kritik dazu teile. Warum dieser Tabubruch sein musste, erklärt sich leider bis zum Ende nicht – der Spannung hätte es keinen Abbruch getan, wenn es nicht ihr Stiefbruder, sondern einfach ihr fester Freund gewesen wäre, nachdem sie sich sehnt. Auch wie die Beziehung zwischen den beiden entstanden ist (erleben wir Dank des Revisitators live mit), war für mich sehr unglaubwürdig und wirkte so, als hätte man noch einen kleinen spicy Schocker einbauen wollen. Nicht mein bevorzugter Stil, vor allem nicht, weil alle Sexszenen im Buch (zum Glück sind es nur drei) einfach super flach und emotionslos geschrieben sind.
Statt dieser merkwürdigen moralisch grauen Beziehung, hätte ich hingegen gerne mehr über ihre Beziehung mit ihrer Mutter erfahren. Dass diese grundsätzlich liebevoll ist, hab ich ihr zwar abgekauft, aber nicht, dass sie mit den vielen wechselnden Partnern der Mutter und dem damit einhergehenden häufigem Lebenswandel so umstandslos zurecht kam. Vielleicht wurde diese Vernachlässigung aber auch dadurch deutlich, dass sie sich selbst immer wieder in ausweglose Situationen bringt um andere zu retten.
Alles in allem war „Das Gedächtnis der Tiere“ für mich ein Buch, das ich grundsätzlich gerne gelesen habe. Das große Potential wurde für mich aber durch den merkwürdigen Spice-Anteil und einige Fäden, die aufgenommen, aber nicht gut verknüpft wurden (die Beziehung zur Mutter, die wissenschaftlichen Fakten zum Oktopus, die Erfindung des Revisitators) geschwächt. Wer darüber hinwegsehen kann, hat sicher viel Spaß mit dieser Dystopie!

Wertung: 9/15 dpt
- Autor: Claire Fuller
- Titel: Das Gedächtnis der Tiere
- Originaltitel: The Memory of animals
- Übersetzer: Andrea O’Brien
- Verlag: Kona
- Erschienen: 04/26
- Einband: Hardcover
- Seiten: 336
- ISBN: 978-3-910372-69-6
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