Johanna Sinisalo – Finnisches Feuer (Buch)

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Johanna Sinisalo - Finnisches Feuer (Buch) Cover © Tropen/Klett-CottaFinnish weird“ nennt die Autorin, die sich ungern auf irgendwelche Genres festlegt, ihren Schreibstil, und so ist auch „Finnisches Feuer“, der aktuellste Roman aus der Feder der Nordeuropäerin, ein fürwahr kruder Mix aus Dystopie, Parabel, Science-Fiction und Thriller, angereichert mit einem stark feministischen, das Patriarchat harsch kritisierenden und ablehnenden Unterton.

Im fiktiven sinisaloschen Finnland der Gegenwart, die sich im Buch zwischen 2013 und 2017 abspielt, herrscht die „Eusistokratie“ (sinngemäß „Herrschaft des guten Zustands“). Denn während ganz Europa sich im Anprangern der persistierenden Missstände übt und dessen Bevölkerung sich wohlstandsverwöhnt in Larmoyanz suhlt, möchte Finnland dieser europatypischen Hochniveau-Unzufriedenheit zumindest im eigenen Land einen Riegel vorschieben. In aller Konsequenz.

Im Sinne des gesundheitlichen Gemeinwohls der Bevölkerung hat es sich der Staat in Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsamt zur Aufgabe gemacht, das Wohlergehen der Bürger mit allen Mitteln zu fördern. Dies beinhaltet neben dem Verbot von Mobiltelefonen auch das strikte Verbot von Drogen aller Art, einschließlich Alkohol, Koffein und Nikotin. Und der Staat schläft nicht: Da das in Chili enthaltene Capsaicin nicht nur das „schmerzende“ Gefühl der Schärfe und eine erhöhte Durchblutung, sondern auch durch die Ausschüttung von Endorphinen das sogenannte „pepper high“ hervorruft, wurde die scharfe Schote ebenfalls als Droge klassifiziert. Sowohl der Konsum als auch der Anbau sind strengstens untersagt. In diesem totalitären Staat werden Verstöße aufs Heftigste geahndet, und so ist die Bevölkerung Finnlands der Totalüberwachung per Videokameras ausgesetzt.

Der Anbau findet demnach ausschließlich heimlich statt, Chili bekommt man lediglich im Untergrund, bei Dealern. Oder man kennt eben jemanden, der es anbaut. Sinisalo hat der feurigen Frucht allerdings noch etwas Besonderes angedichtet, nämlich, dass man durch sie in die Köpfe anderer Menschen „schlüpfen“ kann. Das kommt auch der jungen Frau Vera zugute, die, selbst dem Chili nicht abgeneigt, mit dem jungen Landtechniker Jare gemeinsame Sache in Form von Geschäften macht. Vera teilte man nämlich vor vielen Jahren mit, dass ihre Schwester Mira tot sei. Nun allerdings kommt sie ihrer Schwester – nicht zuletzt durch die Fähigkeit des Gewächses – Stück für Stück auf die Spur, und die möchte sie nun weiter verfolgen.

Das ist alles andere als einfach, da der finnische Staat zu allem Überfluss auf einem höchst patriarchischen System basiert, da man(n) der Meinung ist, dass der Staat so am besten funktioniere. Bei den Männern ist die bedeutendste Kaste die der Maskos – fortpflanzungsfähige Männer eben. Frauen werden in jener Gesellschaft bereits im Kleinkindesalter in zwei Qualitätsstufen beziehungsweise Kasten unterteilt – in Elois, die später als blonde, sexuell aktive, funktionierende Gebärmaschinen zu funktionieren haben und entsprechende Namen erhalten (so auch Vera, die, um damals nicht von ihrer Schwester Mira/Manna getrennt zu werden, Eloi zu sein vorgab und Namen Vanna verpasst bekam) und in Morlocks, die dem optischen Ideal nicht entsprechen sich erdreisten, selbstständig zu denken. Letztere stehen dem Fortpflanzung nicht zur Verfügung und sind bestenfalls für niedere Arbeiten gut genug. Auch ihnen werden kastentypische Namen verpasst. Vera beziehungsweise Vanna hat sich, wie auch andere aus dem Untergrund, für einen Kampf gegen das frauenfeindliche Regime entschieden – und schmiedet Pläne für eine Revolution.

Und so nehmen einerseits eine Suche nach Mira/Manna, andererseits der Kampf gegen die männliche Herrschaft, ihren Lauf.

Zu Beginn erscheint „Finnisches Feuer“ noch äußerst derb  (siehe Zitat), diffus, fragmentarisch und verwirrend, doch im Verlauf der Lektüre finden die losen Fadenenden langsam zueinander und bilden einen zunehmend mehr Sinn ergebenden Dramaturgiestrang – und die unterschiedlichen typographischen Stile helfen dem Leser bezüglich des Verständnisses ungemein. Sinisalo beweist bei den Erzählungen Vannas/Veras beziehungsweise Jares erzählerische Erfahrenheit. Die Schilderungen der beiden sowie die rückblendenden Briefe Veras an Mira sind äußerst bildhaft und detailliert, ohne dass die Ausschmückungen wie Füllsel wirken. Gleichermaßen bleibt die Sprache einfach und roh. Stark kontrastierend zu den oftmals sehr gefühlsbetonten Elementen finden sich im Buch immer wieder Erklärungen und Schriften des Staates, beispielsweise die Definition der Elois und Morlocks, bestimmte Regeln, Gesetze. Ebenso Auszüge aus diversen Büchern aus dem Staatsverlag sowie Anzeigentexte.

Und letztendlich benötigt es gerade die Briefe an die gesuchte Schwester, um die Verbindung zwischen den beiden und deren Lage zu verstehen. Ab Teil zwei schwenkt die Erzählung dann auch langsam in einen einigermaßen regulären Erzählstil um – als bekäme man als Leser im ersten Teil die meisten notwendigen Informationen mit auf den Weg, um den Rest des Buches mit ausreichend Hintergrundwissen im Gepäck selbst „weiterzugehen“.

Dennoch erweist sich der Zugang zu „Finnisches Feuer“ zumindest zu Beginn als ein nicht allzu einfaches Unterfangen, denn zwischen all den originellen Ideen, die feministische Gesellschaftsmodelle in einer angenehmen „pro Frau“-Form, nicht etwa in seiner eher hässlichen „anti Mann“-Form zeigt, sprich, in einer eher auf Gleichberechtigung als auf Unterdrückung oder Dominanz abzielenden Art, präsentieren, wird ab und zu doch etwas zu sehr auf die nahezu reißerische Schiene gesetzt, und in der ein oder anderen Passage überschreitet die Autorin beinahe die Grenze zum Klischee. Allerdings bewegt sich alles im noch erträglichen Rahmen, sodass man nicht wirklich von einem ernsthaften Makel sprechen kann, sondern eher von etwas Gewöhnungsbedürftigkeit.

Hat man sich dann im leserischen Sinn akklimatisiert und schließt das Buch nach getaner Lektüre, bleibt ein positiver Eindruck zurück. Ein Horrorszenario für die Frauen in einer semidystopischen nahen Zukunft, ein kochender Untergrund, der bald den Aufstand wagt – und all das verpackt in ein atmosphärisch dichtes Gewand, das vor lauter abgefahrenen Ideen, revolutionären Gedanken und intelligenten philosophischen Splittern leuchtet.

Der Weg ist für den Leser holprig und zuweilen steil, doch es lohnt, ihn bis zum Ende zu gehen.

Cover © Klett-Cotta/Tropen Verlag

  • Autor: Johanna Sinisalo
  • Titel: Finnisches Feuer
  • Originaltitel: Auringon ydin
  • Übersetzer: Stefan Moster
  • Verlag: Tropen/Klett-Cotta
  • Erschienen: 2014
  • Einband: Gebunden mit Schutzumschlag
  • Seiten: 318
  • ISBN: 978-3-608-50144-5
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite beim Verlag

Wertung: 12/15 dpt


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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Johanna Sinisalo – Finnisches Feuer (Buch)…

von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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