Seltsamer Todesfall und ein verschwundenes Kind

Oberkommissarin Lena Schuldt vom BKA in Berlin wird zu einem Einsatz in den polnischen Urlaubsort Misdroy berufen, denn an dessen Ostseestrand wurde eine Leiche gefunden, bei der es sich um einen Deutschen namens Joachim Hundt handelt. Womöglich ist er lediglich bei starker Strömung ertrunken, doch da er mit Michael Lehmann, Geheimnisträger im Innenministerium, sowie zwei weiteren Paaren gemeinsam die Ferien verbrachte, kann ein politischer Hintergrund zumindest nicht ausgeschlossen werden. Der Todesfall ist jedoch bemerkenswert, denn ein Fremdverschulden ist nicht erkennbar. Hundt ist ertrunken, aber wie kam ein polierter Bernstein in der Größe einer kleinen Kartoffel in seinen Rachen?
Hundt und seine Frau machten nicht nur Urlaub mit dem Ehepaar Lehmann, sondern zudem mit Hundts Bruder Carsten nebst Gattin Irina und dem befreundeten Ehepaar Lizkow, das ungeplant die zehnjährige Tochter Luisa mitnahmen. Ein Fehler, denn das junge Mädchen weiß sich zum Leidwesen der Erwachsenen durchzusetzen und Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. So verwundert es nicht, dass sie trotz Verbots ihrer Mutter mit Joachim ans Meer fuhr. Vermutlich sah sie seinen Kampf ums Überleben, doch jetzt ist sie selber verschwunden.
„Ich bin Kriminalpolizist der Woiwodschaft Zachodniopomorskie, der Tote fällt in meinen Zuständig…“
„Zuständigkeitsbereich? Wie heißt die Woiwodschaft? Schachnoid …“
„Westpommern.“
Eine große Suchaktion nach Luisa bleibt erfolglos, die vier Paare verhalten sich merkwürdig bis feindselig und selbst Lena und ihr polnischer Kollege Adam Krawczyk, in dessen Zuständigkeitsbereich der Fall fällt, könnten weniger Fehler unterlaufen, wenn sie nicht von ihrer Vergangenheit und damit einhergehenden Vorurteilen eingeholt würden.
Auftakt der Schuldt-Krawczyk-Reihe „Grenzfall Ostsee“
Mit dem Ermittler Max Heller, den man aus der nach ihm benannten siebenteiligen Romanserie kennt, welche zur Zeit des Kalten Krieges in der DDR spielt, ist Frank Goldammer einem breiten Publikum bekannt geworden. Aktuell erfreut die Gustav-Heller-Reihe, die in den 1880er-Jahren spielt und deren Protagonist der Großvater von Max ist. Im Februar dieses Jahres erschien der dritte Band „Die Bestie von Dresden“ Von 2022 bis 2025 erschien zudem jährlich ein Band der „Bruch“-Reihe. Mit dem vorliegenden Band „Strandopfer“ startet Goldammer eine weitere Reihe unter dem Namen „Grenzfall Ostsee“, um das ungewöhnliche Ermittler-Duo Lena Schuldt und Adam Krawczyk, welche in der Gegenwart spielt.
Ja, ungewöhnlich ist das Ermittlerduo nicht zuletzt aufgrund der jeweiligen Biografien. Lena wuchs unweit der deutsch-polnischen Grenze in einem kleinen Kaff auf, wo Armut und Langeweile den Tagesablauf bestimmten. Orientierungslose Jugendliche suchten folglich einen Schuldigen für ihr Elend, der mit „den Polen“ schnell gefunden war, so dass auch Lena zeitweise in die rechte Szene abrutschte. Mit verheerenden Folgen. Und Adam? Der war einst mit einer Deutschen verheiratet, die ihn aber nach wenigen Jahren verließ, da es ihr in Polen angeblich zu langweilig wurde. Die teils überheblich auftretenden Touristen tragen ebenfalls zu einer gepflegten Abneigung gegenüber „den Deutschen“ bei. Lena und Adam leben mit den Dämonen ihrer Vergangenheit und ihren nach wie vor existenten Vorurteilen. Dies macht die Ermittler nicht sympathischer, aber es sorgt für ein durchaus realistisches Setting, bei dem der Autor gekonnt aufzeigt, warum und wie schnell Jugendliche in die falsche Richtung abbiegen können. Dass Lena noch dazu aus prekären Verhältnissen stammt, sei der Vollständigkeit halber noch erwähnt, denn ein Teil der Ermittlungen wird sie an ihr sogenanntes Elternhaus erinnern.
„Du kannst paranoid sein und trotzdem verfolgt werden.“
Die Ermittlungen kreisen nahezu ausschließlich um die vier Paare, die sich auffällig verdächtig verhalten. Alle scheinen mit der Wahrheit nicht herausrücken zu wollen, so dass sich die Fragen der Ermittler im Tagesrhythmus wiederholen. Irgendwer muss doch was wissen und endlich mal auspacken. Eine Spur zur Bernsteinmafia wird von Lena ins Spiel gebracht, dass es eine solche gibt, bezweifelt Adam. Und dann wäre da noch Michael Lehmann, der Geheimnisträger aus dem Innenministerium. Dies erklärt zwar, warum sich überhaupt das BKA in einen als normalen Badeunfall aussehenden Todesfall einmischt, aber leider war es das schon. Hier hätte mehr kommen müssen, wenigstens eine wie auch immer geartete Blindspur.
„Der Gedanke kam ihr im Traum. Er war so klar und einfach, dass sie sich zuerst weigern wollte aufzuwachen. Denn das hieße, sich der Realität zu stellen. Sich mit der eigenen Unfähigkeit zu konfrontieren.“
Die sich lange im Kreis drehenden Befragungen enthalten einige Längen, am Ende geht es in einer ohnehin arg konstruierten Geschichte besonders turbulent zu. Wer dies mag darf zugreifen, denn Frank Goldammer garantiert spannende Unterhaltung, wie die eingangs erwähnten Serien eindrucksvoll belegen. „Strandopfer“ ist ein Serienstart mit deutlichem Potential nach oben, bei dem die erwähnten Schwachstellen für leichten Punktabzug sorgen.
- Autor: Frank Goldammer
- Titel: Strandopfer
- Verlag: rororo
- Umfang: 416 Seiten
- Einband: Taschenbuch
- Erschienen: Mai 2026
- ISBN: 978-3-499-01917-3
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Wertung: 10/15 dpt







