Thomas Pigor – Mit Pigor durch das Jahr 2013 – 12 Chansons zum Zeitgeschehen (Audio-CD – Musik, Kabarett)

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Mit Pigor durch das Jahr 2013 Cover © ROOF MusicSeit etwas mehr als drei Jahren liefert der in Alzey geborene Kabarettist, Autor und Liedermacher Thomas Pigor für den WDR, den SWR und den Deutschlandfunk monatlich den „Chanson des Monats“ zu aktuellen Themen, und nach der 2011er und der 2012er Ausgabe findet nun auch der musikkabarettistische 2013er Rückblick seinen Weg auf den Silberdeckel.

Einmal mehr legt sich der zuweilen kauzig musizierende Endfünfziger stilistisch absolut nicht fest – bei „Die goldene Hochzeit“ wird die sonderbare deutsch-französische Freundschaft mit herrlich klischeehaften, groovenden Varieté-Sounds auf die Schippe genommen, während bei „Ich sag lieber nix“ die Meinungs- und Pressefreiheit und deren Stellenwert hinterfragt wird, ebenso das eigene Image hinsichtlich der Meinungsäußerung. Lieber nix sagen und sich über etwas Belangloses aufregen – musikalisch herrlich ambientjazzig-seicht-softpornös untermalt. Flotter, aber nicht minder scheinheilig wird dann das postkarnevalistische Fasten wunderbar verhasst verlacht. Dass das Image der Deutschen im Ausland nach neunzehnhundertpaarundvierzig nicht mehr das Beste ist, ist ob der Altlasten nicht verwunderlich, doch gerade in letzter Zeit ist es wieder verstärkt in Mode gekommen, die Deutschen zu hassen. Da wird in Athen die Bundes-Angie mit einem zwaifängerrbrreiten Bärtchen verziert, in anderen Ländern gibt es andere Gründe für die Aversion gegen Schwarzrotgeld, und Pigor verpackt diese Spannung und abgekühlte Stimmung zwischen zum Teil eigentlich verbündeten Staaten in locker-flockigen, schmissigen Swing.

Auf den im smoothjazzigen, loungigen „Hoeneß“ süffisant-süßlich vorgetragenen Refrainpart »Sag doch mal was Schönes/über Uli Hoeneß« folgt ein »Ou, ääääh, jaa… Puh!« – Pigor und jedem anderen gripsschwangeren Menschen war bereits letztes Frühjahr, ja eigentlich noch früher klar, dass da nichts kommen kann. Bitterböse und mit elektronisch marschierenden strammen Beats wird in „Baut den Palast der Republik wieder auf“ gegen den Schlossneubau in Berlin gewettert, der nicht nur finanziell völliger Wahnsinn ist. Mr. Edward Snowden haben wir es letztendlich zu verdanken, dass Pigor auch das Thema NSA und Co. anpackt – und ärgert die armen Mitarbeiter der Neu-1984er Organisation mit musikantenstadlnden Telefonscherzen. Zaghafte und lockere Breakbeats, Farfisa-Sounds und atmosphärische Jazzklänge sind anschließend ob ihrer latenten akustischen Dekadenzassoziationen die perfekte Untermalung für die im augüstlichen Urlaub bei so manchem aufkommenden „Immobilienphantasien“. Der September hingegen stand ganz klar unter dem Banner der Bundestagswahlen, und zu lässigen, cool abgehangenen Countrytunes besingt er die Demokratie in Anführungszeichen, die Wahlverdrossenheit und die unbedingt nötige Differenziertheit bei der Meinungsbildung.

Ein paar spinnerte Ideen für Nobelpreiskandidaten präsentiert das Multitalent in „Nobelpreis“ mit einer schmissigen Akustikgitarrennummer, und man könnte im sehr jazzlastigen Novembersong „The Next President“ meinen, dass Pigor hier, hmmm, vielleicht die Presse ein wenig aufs Korn nimmt, die für jeden möglichen Ausgang eines bestimmten Ereignisses, hier die Wahl des US-Präsidenten, bereits vorgefertigte Berichte in den virtuellen Schubladen liegen hat? In bester The Platters-Manier schnulzt der auf dieser Veröffentlichung von Jan Eckelmann, Stefan Gocht, Emanuel Hauptmann, Björn Werra, Oliver Saar, Jo Ambros, Corinne Dourarre, Clarisse Cossais und Benedikt Eichhorn begleitete Klang- und Gedankenbastler in „Das schönste Geschenk“ über den Verzicht, sich als Paar einander Schund zu schenken, den man ohnehin nicht braucht – nur einander. Und über den Verzicht auf den Gehorsam gegenüber der Wirtschaftsdiktatur.

Insgesamt war 2013 demnach ein weiteres Jahr der Absonderlichkeiten, über die es musikalisch zu lästern und die es zu persiflieren, kabarettisieren, zerpflücken und zu verspotten gilt – rein musikalisch und atmosphärisch tönt dieses Sammelsurium ein wenig dunkler und verschlossener und – subjektiven empfunden – stilistisch nicht ganz so experimentell wie noch das 2012er Konvolut. Gleich geblieben ist jedoch die zwischen „in your face“ und Subtilität hin und her wechselnde Art und Weise, mit der der Künstler textet und musiziert. Und solange er sich dies, in Kombination mit intelligent gestrickter Untermalung, bewahrt, kann eigentlich nichts schiefgehen. Schiefgehen darf anderes – damit genügend Angriffsfläche für Thomas Pigor bleibt – und auch für 2014 wieder ein bissiger Jahresrückblick in Form seiner „Chanson des Monats“-Kollektion in den Läden stehen wird.

Cover © ROOF Music

  • Tracklist:
    • Die goldene Hochzeit
    • Ich sag lieber nix
    • Fastenzeit
    • Sie hassen uns wieder
    • Hoeneß
    • Baut den Palast der Republik wieder auf
    • Hö Hi Ho
    • Immobilienphantasien
    • Baby will nicht wählen
    • Nobelpreis
    • The Next President
      (Chanson des Monats November 2012)
    • Das schönste Geschenk

Wertung: 11/15 dpt


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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Thomas Pigor – Mit Pigor durch das Jahr 2013 …

von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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