Electra Glide In Blue (Film)

Als “Electra Glide In Blue” 1973 erschien, galt er als eine Art Anti-“Easy Rider”. Bei der Aufführung auf dem Filmfestival in Cannes hagelte es Faschismusvorwürfe. Der Film wurde reduziert auf die Konfrontation von reaktionären Cops mit Hippies und anderen Außenseitern. Der “Easy Rider”-Bezug ergab sich durch die Harley Davidson fahrenden Polizisten John Wintergreen (in der deutschen Synchro seltsamerweise “Winterberg”) und Zipper, die auf ihren schweren Motorrädern das Monument Valley durchstreifen und dabei Verkehrssündern, gerne solchen mit langem Haar, das Leben schwermachen.

Diese Reduktion greift zu kurz. “Electra Glide In Blue” (deutscher Kino-Titel “Harley Davidson 344”), ist weit mehr als ein stockkonservatives Polizeidrama. Zwar wird die Legende vom hippiehassenden Statement durch den Film selbst befeuert, so hält Wintergreen Schießübungen auf das “Easy Rider”-Filmplakat ab, doch zeichnen James Guerico und seine Mitstreiter das Bild einer tumben, verantwortungslosen und triebgesteuerten Polizei, der gegenüber die Wüstenkommunarden wie Lichtgestalten wirken.

“Electra Glide In Blue” verläuft kreisförmig. Er beginnt mit einer abgefeuerten Schrotflinte und Aufnahmen des Monument Valleys (die deutlich auf John Ford verweisen) und endet auch so. Dazwischen werden die Bemühungen um den vergeblichen Aufstieg des Polizisten John Wintergreen verfolgt, der von der ungeliebten Highway Patrol in die Kriminalpolizei wechseln möchte. Er löst zwar einen Mordfall und düpiert seinen unfähigen, brutalen und demagogischen Ex-Mentor Harve Poole, doch gelingt ihm der Ausstieg nicht.

Wintergreen, exzellent und ambivalent verkörpert von Robert Blake, wird von seinen Kollegen (und seiner Freundin Jolene) wegen seiner geringen Körpergröße verspottet. Sein Spitzname lautet “Big John”, und nur von seinem Freund und Kollegen Zipper wird er für voll genommen. Blake spielt John Wintergreen als eine Mischung aus Macho mit Lederfetisch und staunendem Adlatus. In diese Rolle schlüpft er, wenn er den zunächst bewunderten Mordermittler Poole bei seiner Aufklärungsarbeit begleiten darf. Die vornehmlich aus Hippies verprügeln und Vorverurteilungen besteht. Wintergreen ist klug genug, den hohlen Mann Poole zu durchschauen, doch es dauert, bis er ihn in seine Schranken verweisen kann. Was aber keinen Befreiungsschlag darstellt.

Ursprünglich sollte die Rolle des John Wintergreen der aufstrebende Jungstar Martin Sheen spielen. Mit ihm wäre “Electra Glide In Blue” ein anderer Film geworden – wenn er überhaupt entstanden wäre. Im Video-Essay zum Mediabook erzählt Filmexperte Mike Siegel vom verzwickten Produktionsprozess. Nur kurz: James William Guerico war Musiker, Musik-Produzent und Komponist. So stammt der Songtrack, inklusive des weit über acht Minuten langen, ausgespielten Abschlusstracks, von Guerico selbst. Bandmitglieder von CHICAGO, die Guerico neben Blood, Sweat & Tears und Madura (die im Film während eines Konzertes zu sehen sind) produzierte, treten in Nebenrollen auf. United Artists förderte und forderte Guerico als Regisseur, damit dieser der Filmproduktionsgesellschaft beim Eintritt ins Musikbusiness Schützenhilfe leistet.

“Electra Glide In Blue” wird Guericos einziger Film als Regisseur bleiben, wobei Siegels Beitrag nahelegt, dass das Werk eine Gemeinschaftsproduktion von Guerico, dem exzellenten Kameramann Conrad Hall und Robert Blake darstellt. Während Guerico für die westernlastigen Außenaufnahmen zuständig war, übernahm Hall die Inszenierung der Innenaufnahmen, die eher einen Noir suggerieren. Polizei-Western-Noir: Eine Mischung, die “Electra Glide in Blue” ziemlich gut charakterisiert. Das Hollywood-Urgestein Robert Blake schließlich kümmerte sich um die Schauspielführung. Man bemerkt diese Zerrissenheit und erkennt schnell, dass sie einen Teil des filmischen Faszinosums ausmacht. Das gilt ebenso für die, auf William Friedkins “French Connection” verweisende, etwas unmotivierte und zu lange Motorrad-Verfolgungsjagd.

“Electra Glide In Blue” ist die Story eines kleinen Mannes, der sich in der Welt der großen, bösen Wölfe behaupten möchte. Die körperlichen Unterschiede werden schon zu Beginn entlarvend bebildert, wenn die Kamera die Gesichter der militärisch aufgereihten Motorradcops entlangfährt und bei John Wintergreen nur die obere Rundung des Helms im Visier hat. Gnädig wird sie daraufhin gesenkt, während der diensthabende Sergeant weiter seine “You Fascists, Pigs … Creeps”-Ansprache hält, um die versammelte Schar auf die Arbeit während eines kommenden Rockkonzerts vorzubereiten.

“Electra Glide in Blue” schlägt sich weder auf die Seite der rüden Polizisten, noch die der Gegenkultur. Wintergreen hat Verständnis für beide Fronten und sieht deutlich die Schwächen seiner Kollegen. Egal ob der erst bewunderte, dann verachtete Zivilpolizist Harve Poole oder sein Freund Zipper, der für seine kleinen Motorradträume kriminelle Grenzen überschreitet. Auf die eine oder andere Weise sind alle Figuren verletzt und zerrissen.

Das gilt auch für die einzige Frau im Spiel, die in dieser Männerwelt gestrandet ist und ihre Liebhaber gegeneinander ausspielt. Eher aus Verachtung und Verzweiflung als Vergnügen daraus zu schöpfen. Nicht nur hier ist “Electra Glide In Blue” näher am Noir als am Western oder Road Movie angesiedelt. Letztlich dreht sich alles um einen verzweifelten Kampf gegen Vereinsamung und das verzweifelte Bemühen, in der Welt nicht verloren zu gehen. Dass genau dies geschieht, legt die schier endlose Schlusseinstellung nahe, in der “Big John” sich während der Kamerafahrt aus John Fords-Monumental-Valley hinaus, komplett auflöst. Die Landschaft bleibt, Menschen verflüchtigen sich.

Camera Obscuras Wiederveröffentlichung würdigt einen lange verkannten, eindrucksvollen Film, der es schafft, Unvollkommenheit, Produktionschaos und finanzielle Defizite (es wird vermutet, ein Großteil des Budgets sei für das Engagement Conrad Halls draufgegangen) zur Kunstform zu erheben. Ausstattung und technische Qualität der Blu-ray-Veröffentlichung im Mediabook sind wieder vorbildlich. Das Bild ist scharf, aber zu keiner Zeit übertrieben aufbereitet, die Tonspur besitzt das richtige, raue Rock’n’Roll-Timbre, das James William Guericos Musikaffinität betont. Seinen Audiokommentar spult der Regisseur etwas gelangweilt ab, erhellend ist dieser trotzdem, wobei Robert Blakes späte autobiographische Abrechnung mit dem Projekt natürlich außen vor bleibt.

Mike Siegels Video-Beitrag zur Produktionsgeschichte ist ungemein unterhaltsam und informativ, während Prof. Dr. Marcus Stigleggers beigefügtes Essay zu “Electra Glide In Blue” eine passgenaue kritische Wertschätzung darstellt. Eine rundum gelungene Veröffentlichung dieser, trotz einer Unmenge an strahlendem Sonnenschein, rabenschwarzen New Hollywood-Wertarbeit.

PS.: Wer gut aufpasst kann in einer Szene den jungen Nick Nolte im Hintergrund erkennen.

Cover und Szenenfotos: © Camera Obscura Filmdistribution, Metro Goldwyn Meyer

  • Titel: Electra Glide In Blue/ Harley Davidson 344
  • Originaltitel: Electra Glide In Blue
  • Produktionsland und -jahr: USA,1973)
  • Genre:
    Noir, Neo-Western, Road Movie, Polizeifilm
  • Erschienen: 28.05.2021
  • Label: Camera Obscura
  • Spielzeit:
    105 Minuten auf 1 Blu-Ray
  • Darsteller:
    Billy “Green” Bush
    Mitchell Ryan
    Jeannine Riley
    Elisha Cook
    Royal Dano
    Hawk Wolinski
    Peter Cetera
    Terry Kath
    Lee Loughnane
    Walter Parazaider
  • Regie: James William Guerico
  • Drehbuch: Robert Boris
    Rupert Hitzig
  • Kamera: Conrad Hall
  • Schnitt: Jim Benson
    Gerald B. Greenberg
    John F. Link
  • Musik: James William Guerico
  • Extras: Audiokommentar* und Intro* von Regisseur James William Guercio
    VideoEssay von Filmexperte Mike Siegel
    Internationales Ende
    Englischer Trailer
    Fotogalerie
    Buchteil mit Text von Prof. Dr. Marcus Stiglegger
    * mit optionalen deutschen Untertiteln
  • Technische Details (Blu-Ray)
    Video:
    2,35:1 (1080p)
    Sprachen/Ton
    :
    Deutsch LPCM 2.0, Englisch LPCM 2.0
    Untertitel: D, E
  • FSK: 16
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite
    Erwerbsmöglichkeiten


Wertung: 12/15 dpt


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