Eva-Ries-Wu-Tang- is-forever-Buchcover
© Benevento

Die Geschichte der Frau, die es schaffte, das Talent hinter den Gangstern zu sehen: Aufstieg des Wu-Tang Clans.

Eva Ries aus Mannheim ist in den 90er Jahren Ende zwanzig und hat gerade ihren Vertrag bei einem renommierten Plattenlabel in New York unterschrieben. Als internationale Marketing-Managerin hat sie eine Mission: Einer talentierten Rap-Crew aus New York zu internationalem Erfolg zu verhelfen. Neun Jungs mit langem Vorstrafenregister, die über Drogen rappen, in den sogenannten Projects auf Staten Island leben, wo Schießereien an der Tagesordnung sind und die noch nicht einmal über eigene Pässe verfügen …

Heute wissen wir: Eva hat es geschafft, der Wu-Tang Clan ist weltberühmt. Der Weg dorthin war allerdings steinig und ist teilweise so absurd, dass man kaum glauben kann, was man hier liest. Allein um Eva den nötigen Respekt zu zollen, hat dieses Buch seine Daseinsberechtigung. Für sie wurde der Beruf zur Berufung und ihre Hingabe für die Band bewahrte sie davor, das Handtuch zu werfen. Aber der Reihe nach: Was erwartet die Leser*innen von Wu-Tang is forever?

Am unterhaltsamsten sind die Anekdoten aus dem Tourleben mit der Band, die in all der Zeit für Eva so schwer zu greifen ist wie ein Sack Flöhe: 9 Männer, aufbrausend und ständig zerstritten, in deren Namen das Vereinbaren von Terminen der reinste Alptraum ist – selten schaffen es alle Mitglieder des Clans zu einem Interview oder Fotoshooting. Sogar das ein oder andere Konzert wird unterbesetzt gespielt und spontane Änderungen in letzter Minute sind keine Seltenheit. Und Managerin Eva behält in all den Jahren (meist) einen kühlen Kopf und verspricht Journalist*innen und Veranstalter*innen lediglich, dass sie ihr Bestes versuche. Und das hat sie getan. Sie steht sogar bei Verwüstungen von Konferenzräumen für die Jungs ein und beschwichtigt in Restaurants, wenn Clan-Mitglieder ausflippen, weil sie eine (unbegründete) Giftattacke wittern.

Ich hatte oft das Gefühl, dass ich mich wie eine Mutter für ihre ungezogenen Kinder entschuldigen muss, was ich als ziemlich anstrengend empfand und was ich oft auch wirklich leid war.S. 155

Neben all den Schrecken, werden auch witzige Erlebnisse geteilt: Das gemeinsame Singen in Haarbürsten im Tourbus, Ol’ Dirty Bastard, der Eva unaufhörlich Avancen macht und schließlich den zweiten Namen für ihre Tochter aussuchen darf, oder eine Nacht- und Nebel-Flucht aus einem Hotel, um die Zeche von mehreren Zehntausenden Dollar zu prellen. Meist kümmert sich die Plattenfirma um entstandene Schäden, wer zuerst allerdings für alle den Kopf hinhalten muss, ist Eva Ries.

In einem weiteren Kapitel geht es um die Heimat der einzelnen Mitglieder: die von Drogenkonsum und Kriminalität geprägten Projects auf Staten Island. Eva lässt sich herumführen und natürlich geraten die Gang-Mitglieder in einen Konflikt mit der Polizei, es fallen Schüsse im Hintergrund. Eva wird klar: Die Rapper haben Vorstrafen und sind keine Engel, dennoch werden Sie von den Cops unnötig getriezt und schlecht behandelt. Die FBI-Akte des Clans wurde veröffentlicht und enthält hanebüchene Verdächtigungen. Einmal Bad Boy, immer Bad Boy. Dass Eva einige Bandmitglieder in ihrem Viertel besucht, ist mutig und wird anerkannt. Anhand solcher Schilderungen lässt sich sehr gut nachvollziehen, weshalb sie schnell den Respekt und das Vertrauen des Clans gewann.

Ich bin davon überzeugt, dass gerade mein ehrlicher und empathischer Umgang mit der Band der Grund war, dass sie mich trotz ihres ausgeprägten paranoiden Verhaltens gegenüber Fremden und Nicht-Schwarzen mit Respekt und Anerkennung behandelten.S. 157

Nach einem Drittel des Buchs beginnt „Der Wu-Kosmos“: Die einzelnen Bandmitglieder werden vorgestellt, die bekanntesten sind wohl RZA, Method Man und Ol’ Dirty Bastard (verstorben im Jahr 2004 an einer Überdosis) – letzterem ist ein eigenes Kapitel gewidmet. Neben den Bandmember-Steckbriefen folgt eine Art Glossar mit Begriffserklärungen zu Slang-Ausdrücken, die in den Songs verwendet werden, eine Erklärung, woher der Name Wu-Tang überhaupt kommt und welche Philosophie hinter der Band steckt.

Wu-Tang is forever Buch Seite 113
S. 113: Die Inspiration für die Wu-Tang-Philosophie stammt aus dem Kung-Fu // © Benevento

Besonders interessant waren hier die Ausführung zur „Five Percent Nation“ – einer Ideologie aus dem Harlem der 60er, die als Gegenbewegung zu Rassendiskriminierung und Unterdrückung der Schwarzen entstanden ist, und auf die viele Ausdrücke, Redewendungen und Gebaren der Rapper zurückzuführen sind. Ein komplett eigener, sektenähnlicher Kosmos, der hier beschrieben wird – zumindest oberflächlich. RZA hat über diese Bewegung und deren Zahlenmystik das Buch „The Wu-Tang Manual“ geschrieben.

Dieses Herzstück des Buches wäre sicherlich auch ein guter Einstieg in die Lektüre gewesen. Doch klar, hier wurde abgewägt und lieber Evas Geschichte chronologisch erzählt. Wer mit der Band vorab nicht allzu vertraut ist, braucht etwas, um hinein zu finden. Die Aufmachung ist sehr grafisch, viel gelb-schwarz, hervorgehobene Zitate und sehr viele Fotos. Das Layout erinnert etwas an BRAVO – eine solche Flut von Fotos lenkt oft vom Text ab und wäre in einem extra Bildteil am Ende des Buches vielleicht besser aufgehoben gewesen. Häufig passen Text und Bild nicht zusammen, manche Bildunterschriften geben Rätsel auf: Wer zum Beispiel der auf einigen Bildern dargestellte Young Dirty Bastard ist, wird im Buch nicht erwähnt. (Der älteste Sohn von Ol’ Dirty Bastard, der sehr viele Kinder zeugte.)

Wu-Tang is forever Buch Eva Ries
“Wunderbar und gleichzeitig wahnsinnig.” sagt Eva Ries über Ol’ Dirty Bastard. (Abb. Buch S. 201)

Wer sich für das Band-Manager Leben von Eva Ries interessiert und wie zum Teufel sie es geschafft hat, diese Männer unter Kontrolle zu kriegen, den wird das Buch interessieren. Wu-Tang-Fans kommen vielleicht etwas zu kurz, so richtig in die Tiefe wird hier nicht gegangen und einzelne Songs kommen zwar zur Sprache, aber eher im Hintergrund. Das Buch liefert spannendes Insiderwissen, hat aber auch Längen. Persönliche Einblicke in die Verbindungen mit einzelnen Wu-Tang-Mitgliedern gibt es zwar, aber hier bleibt das Buch vorsichtig und oft oberflächlich – sicherlich aus gutem Grund. Es ist wirklich beeindruckend, wie Eva es geschafft hat, eine Freundschaft zu den „harten Jungs“ zu knüpfen – das waren für mich die spannendsten Stellen des Buches, die Einblicke in die verletzlichen Seelen der vermeintlichen Gangster. Mit viel Empathie, Neugier, Durchhaltevermögen und einem dicken Fell hat sie es geschafft, den Wu-Tang Clan berühmt zu machen und mit Vorurteilen aufzuräumen – eine wirklich beeindruckende Geschichte.

Ich erwähnte ja bereits, dass RZA mir mal sagte, dass ich dem Wu-Tang Clan das Tor zu Welt geöffnet hätte, als ich sie 1994 zu ihrer ersten Europatournee überredete. Umgekehrt hat der Wu-Tang Clan mir die Tür zu einer Welt geöffnet, die mir vorher komplett fremd war – zu ihrer Welt. Ich habe viel von den Jungs gelernt. Die Street Smarts, Loyalität und Furchtlosigkeit (ja, auch Dreistigkeit), mit der sie Menschen und Situationen begegneten. Der Clan hat mich mental stärker gemacht. Und dafür werde ich ihm für immer dankbar sein.S. 245
  • Autorin: Eva Ries
  • Titel: Wu-Tang is forever. Im engsten Kreis der größten Band der Welt
  • Verlag: Benevento
  • Erschienen: 17. März 2022
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 240
  • ISBN: 978-3710901461
  • Sonstige Informationen:
  • Produktseite
  • Eva Ries im Video-Interview zu ihrem Buch


Wertung: 10/15 dpt

 


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