Robin Jarvis – Dancing Jax: Zwischenspiel (Buch)

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Robin Jarvis - Dancing Jax: Zwischenspiel (Buch)

Nur wenige Monate nach dem ersten „Dancing Jax“-Teil „Auftakt“ schiebt script5 bereits „Zwischenspiel“, den zweiten Teil der Trilogie hinterher – und das war eine gute Idee, denn so ist man als Leser noch „heiß“ genug und noch halbwegs mit der Materie vertraut, zumal dieses einmal mehr 542 Seiten starke Werk genau da anknüpft, wo sein Vorgänger endete.

Dem ehemals als Jezza bekannten Lord Ismus beziehungsweise Heiligen Magus gelang es, den größten Teil der Bewohner des englischen Ortes Felixstowe mit dem altertümlich und harmlos erscheinenden, von Austerly Fellows geschriebenen Märchenbuches „Dancing Jacks“ gefügig zu machen. Jeder, der dieses Buch las oder vorgelesen bekam, wurde beinahe apathisch und wiegte sich, völlig gebannt von den Zeilen der bedruckten Seiten, dem Hospitalismus ähnlich, vor und zurück.

Wer sich in den Bann ziehen ließ – und das waren bis auf ein paar resistente Personen alle -, verlor das Bewusstsein und befand sich sehr bald in einer von Fellows geschaffenen Phantasiewelt namens Mooncaster, in welcher man gemäß Spielkartenfarben und -werten einen bestimmten Rang besitzt. Jeder Leser bekommt eine bestimmte Rolle zugeteilt – meist jene, mit der er sich als „Normalmensch“ am besten identifizieren konnte oder die er schlichtweg verdient hat.

Alles ist bunt, reichhaltig und auf gewisse Weise bizarr, andererseits ist in diesem gefühlt zwischen Mittelalter und Fantasy spielenden Reich beispielsweise Technik verpönt, und das Ganze erinnert oberflächlich an eine schillernde, heile, alte Welt, in der mithilfe strenger Autorität sämtliche Abläufe äußerst diszipliniert funktionieren. Oberflächlich zumindest, denn wer sich nicht zu fügen bereit zeigt, sieht sich rasch mit Brutalität und Grausamkeit konfrontiert. Und auch Machtkämpfe sind keine Seltenheit.

Der Ismus bekam im Verlauf des ersten Teils Stück für Stück fast alle Briten unter seine Kontrolle und setzte bei Unwilligen eine in den Dreißigern des vergangenen Jahrhunderts von Austerly Fellows entwickelte Technik, sogenannte Brückengeräte ein, um auch die Widerwilligsten der Widerwilligen zu ihrem Übergang gen Mooncaster zu zwingen, anderen wurde – mit dem gleichen Ziel – die Minchetfrucht kredenzt, ein graugelbes, erbärmlich stinkendes, schleimiges Obst. Zahlreiche der noch nicht Besessenen wurden gejagt, bis auch sie sich erweichen oder überwältigen ließen – doch für einige endete der Widerwille tödlich.

Lediglich vereinzelte Menschen wie der Lehrer Martin Baxter, der Sohn und Frau bereits an des Ismus‘ Reich verlor, versuchen unbeeindruckt, die Welt vor dem Wahnsinn, den dieses Buch bewirkt, zu retten, doch er wird durch die mooncasterisierung der gesamten Nation und schließlich auch der internationalen Ausbreitung von „Dancing Jacks“ immer mehr zum Feind und findet immer weniger, die ihn in seinem Vorhaben unterstützen. Er wird gar für verrückt gehalten. Selbst der internationale Journalismus und die Politik verlässt irgendwann die reale Welt und steht – wie alle „Jaxer“ durch an den Ärmeln aufgeschnittene Umhänge und angeheftete Spielkarten erkennbar – unter der Kontrolle des Ismus und letztendlich Austerly Fellows.

Doch auf einige wenige Individuen hat dieses Buch nach wie vor absolut keine Wirkung – auch der Konsum der Minchetfrucht führt nicht zum beabsichtigten Effekt. Diese Menschen werden „Abtrünnlinge“ genannt. Unter ihnen ein Haufen Teenager, beispielsweise der selbstherrliche, selbsternannte Frauenheld Marcus, die pummelige Maggie, der etwas sonderbare Lee, der sich als Superheld fühlende Jim, die barbiehafte Charm sowie der eigenwillige Schotte Alasdair – und noch ein paar kleinere Kids im Grundschulalter. All die Eltern dieser jungen Leute sind bereits Kartenträger, und sie möchten, dass ihre Sprösslinge nun auch endlich in „ihre“ Welt übertreten – was eines Tages dazu führt, dass sie mit einem Bus in Richtung eines abgelegenen Camps kutschiert und dort einquartiert werden.

In jenem Camp spielen dann auch gut neunzig Prozent des „Zwischenspiel“, und während man bei „Auftakt“ zwar häufig, aber noch nicht allzu hochfrequent brutalen, blutigen und grausamen Szenen beiwohnen musste, ist die Dichte solch gelagerter Ereignisse im Camp deutlich höher, und auch das Gesamttempo der Geschichte ist stark angestiegen. Die unfreiwilligen Campbewohner haben dank der übereifrigen, gnadenlosen Wächter keine Chance, zu fliehen. Widerworte und Regelverstöße enden mit Folter oder Tod, die Nahrung ist dürftig und raubt den jungen Menschen die meisten ihrer Kräfte. Doch gibt es nicht irgendwo oder irgendwie einen Ausweg? Die Kids verzweifeln, Hoffnung duelliert sich mit Resignation.

Der britische, in London lebende Autor Robin Jarvis zieht auch dieses Mal alle Register seines Könnens und nimmt den Bücherwurm mit auf eine Reise durch Makabres, Mysteriöses und Furchterregendes, teilweise aber auch Wunderschönes – hier und dort mit rabenschwarzem Humor garniert, und wie bereits im „Dancing Jax“-Erstling herrscht erneut eine Atmosphäre, bei der man rufen möchte: „Tim Burton, übernehmen Sie!“, denn gerade das farbenfrohe Treiben, das durch die Gehirnwindungen huscht, erinnert immer wieder an seine Produktionen – vielleicht hier und dort noch etwas mit den derberen, düstereren Szenen der „Harry Potter“-Filme gewürzt, allerdings ohne deren Kitsch.

Ein Kritikpunkt, der keinesfalls die Qualität des Buches beeinträchtigt, sei allerdings angebracht: Man muss sich an manchen Stellen wirklich fragen, ob die „Dancing Jax“-Reihe wirklich noch als Jugendbuch eingeordnet werden kann, denn die psychologischen Spielchen und so manche heftigen Szenen lassen einem das Blut in den Adern gefrieren und mächtig schlucken – ein Mindestalter von 16 Jahren sei deshalb an dieser Stelle empfohlen. Letztendlich hätten die Bücher in Filmform nämlich kaum die Chance, unter FSK 18 durchzugehen.

 Cover © script5

  • Autor: Robin Jarvis
  • Titel: Dancing Jax: Zwischenspiel
  • Originaltitel: Dancing Jax – Freax And Rejex
  • Übersetzer: Nadine Mannchen
  • Verlag: script5
  • Erschienen: 01/2013
  • Einband: Klappenbroschur
  • Seiten: 542
  • ISBN: 978-3-8390-0135-6
  • Sonstige Informationen:
    Zweiter Teil einer Trilogie

Wertung: 12/15 dpt


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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Robin Jarvis – Dancing Jax: Zwischenspiel …

von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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