Hörst du es auch? #2 – Marlene Dietrich

Kolumne Hörst du es auch?

Marlene Dietrich – Sag mir, wo die Blumen sind (Aus dem Album „Die großen Erfolge“)

Wir machen diese Kolumne jetzt immer mittwochs! Jeden Mittwochabend gegen 20 Uhr, so isses vereinbart, so habe ich es zugesagt und zur Sicherheit, weil ich ja nicht weiß, ob mir wirklich jeden Mittwoch was Neues einfällt, habe ich fleißig vorgearbeitet und schon mal ein paar Texte in meinen „Kolumenvorratsschrank“ gelegt. Machen ja viele im Moment: Vorräte anlegen. Für den Notfall. Und genau genommen, ist das gerade einer. Ich komme frisch operiert aus dem Krankenhaus, habe um vorzeitige Entlassung gebeten, was meine Familie bis gerade noch gar nicht wusste,(Sorry!), aber ich hatte zwei echt gute Gründe. Sie sind drei und fünf Jahre alt. „Am Samstag ist Mama wieder da“, hatte ich meinen beiden Kleinen im Vorhinein versprochen und für jeden Tag eine winzige Überraschung parat gelegt: „Jeden Tag NUR eins öffnen. Wenn alles ausgepackt ist, kommt Mami zurück! Abgemacht?“ Meine Kinder stimmten stumm nickend zu. Und ich wusste: ich will das halten! Ich will, dass meine Kinder sich auf mich und mein Wort verlassen können. Es geht mir den Umständen entsprechend auch schon wieder gut, eine etwas größere Bauch-OP, muss mich noch sehr schonen, aber ich kann da sein und mein Versprechen einlösen. 

Heute ist Montag, ich könnte für ein paar Stunden die Beine lang machen und guten Gewissens einen meiner vorbereiteten Texte an Dominic von Booknerds schicken. Niemanden würde das stören. Kaum einer kennt bisher meine Kolumne. Es wäre okay. 

Doch ich schreibe diese Kolumne ja nicht nur für die drei Leute, die sie heute schon kennen. Ich schreibe meine Texte für die vielen anderen, die sie noch nicht kennen. Und da reicht es einfach nicht, mal kurz in den Vorratsschrank zu greifen. Es genügt nicht. Es gibt Momente, in denen muss man seine Versprechen einlösen und seien es auch nur jene, die man sich selbst gegeben hat. Heute muss es aktueller sein. Heute keine Konserve aus der Kammer. Heute soll es um das gehen, worum es gerade einfach geht: Es ist Krieg! 

Es geht um die Bilderflut eines schrecklichen Krieges. Und es geht um Musik in Zeiten höchster Not, um Musik für den Frieden. Es wundert mich, dass es noch keinen Song gibt für diesen wichtigen Frieden, den wir jetzt so sehr brauchen, so viel mehr, als alles andere sonst, viel mehr noch als Gas, Benzin, Speiseöl und Mehl für die Vorratshaltung unseres Landes. Und mich wundert, dass noch niemand diesen Song geschrieben und veröffentlicht hat, der sich dieser Tage an Russland, an die Ukraine, an die Führungsetagen ALLER Länder richten sollte. Wo ist das entscheidende Signal? Wo ist dieser Song, den wir jetzt so unbedingt brauchen, der über alle Grenzen hinaus geht, der Waffen sinken lassen und versteinerte Herzen sprengen kann?

„Sag mir wo die Blumen sind, wo sind sie geblieben? Sag mir wo die Blumen sind, was ist geschehen? Sag mir wo die Blumen sind, Mädchen pflückten sie geschwind. Wann wird man je verstehen? Wann wird man je verstehen?“

Wir sehen täglich mehrfach und wiederholt Bilder toter Männer, gefallener Soldaten, die ihren Familien wahrscheinlich noch vor wenigen Tagen und Wochen aufrichtig versprochen hatten, wieder heimzukommen. Wir sehen Bilder von Frauen mit ihren Kindern, auf der Flucht. Wir wissen, was diese Frauen ihren Kindern versprechen, was sie ihnen versprechen müssen, dass alles wieder gut werden wird, auch, wenn ihre Hoffnung darauf noch so gering ist. Wir sehen all diese unschuldigen Familien, die in einem komplett irren Wahnsinn eines durch und durch nutzlosen Krieges unheilbares Leid, unmenschliche Not erfahren müssen. Wir sehen Männer, Frauen, Kinder, Alte und Junge, wie dich und mich. 

„Sag mir wo die Mädchen sind, wo sind sie geblieben? Sag mir wo die Mädchen sind, was ist geschehen? Sag mir wo die Mädchen sind, Männer nahmen sie geschwind. Wann wird man je verstehen? Wann wird man je verstehen?“

Und ich muss ihn mir heute wieder einmal anhören, im Original. Diesen großen Song von der noch größeren Marlene Dietrich, deren Stimme damals einfach wusste, von was sie singt. Marlene Dietrich, die die US-Soldaten im Zweiten Weltkrieg an der Front unterstützte, der man lange vorwarf, sie habe ihr Land, sie habe Deutschland verraten, dabei war sie doch nur gegen Hitler und den Wahnsinn des Krieges an sich. Diese Frau, die einmal sagte, dass die Ratten bei Aachen besonders kalte Füße hatten, wenn sie einem im Schlaf übers Gesicht rannten, diese faszinierend kluge Frau, die es früh schon wusste, dass es in keinem Krieg auch nur einen einzigen Sieger geben kann. 

„Sag mir wo die Männer sind, wo sind sie geblieben? Sag mir wo die Männer sind, was ist geschehen? Sag mir wo die Männer sind, zogen fort, der Krieg beginnt. Wann wird man je verstehen? Wann wird man je verstehen?“

Und erinnert ihr euch noch an die Führungen durch die KZs, die wir gemacht haben, auf Schulexkursionen oder Konferfreizeiten? Wie man uns Geschichte erklärt hat, über Jahrzehnte, über Generationen immer und immer wieder erzählt, damit wir schlauer sind, damit es nie wieder passiert? Wisst ihr noch, in den KZs, wo Offiziere sind aus den Schädeln von Toten Lampenschirme gebastelt hatten? Ich weiß es noch. Ich weiß noch, wie die Hecke aussah, in die ich anschließend gekotzt habe, vor Ekel, vor Abscheu, vor Scham, dass dies meine Geschichte, die Geschichte meines Landes, meiner Großeltern ist.

„Sag wo die Soldaten sind, wo sind die geblieben? Sag wo die Soldaten sind, was ist geschehen? Sag wo die Soldaten sind, über Gräbern weht der Wind. Wann wird man je verstehen? Wann wird man je verstehen?“

Und wie war das bei euch zu Hause, hattet ihr auch einen Großvater, der im Krieg war und anschließend in Gefangenschaft und nie darüber reden konnte oder wollte und habt ihr auch das Gefühl, es gibt so viele schreckliche Bilder und Geschichten aus der Vergangenheit, die trotz aller Bemühungen zur Aufarbeitung nie berichtet, nie erzählt wurden und doch immer da waren und sind? Unausgesprochen, unbenannt und doch DA, wie tote Trümmer in der eigenen DNA abgespeichert, die selbst zwar keine Schuld mehr trägt, an dem, was geschah, aber Verantwortung! VERANTWORTUNG!

„Sag mir wo die Gräber sind, wo sind sie geblieben? Sag mir wo die Gräber sind, was ist geschehen? Sag mir wo die Gräber sind, Blumen wehen im Sommerwind. Wann wird man je verstehen? Wann wird man je verstehen?“

Und sollte da nicht endlich einer aufstehen und auch das laut sagen, dass ein Krieg, der 1945 endete, noch heute – fast siebzig Jahre später – täglich neue Opfer fordert? Wie sonst sind diese übergroß hohen Zahlen an Depressionen, Traumata und psychischen Erkrankungen, an denen wir heute trotz physischer Gesundheit und Wohlstand kollektiv leiden, noch zu erklären? Wie ist es zu erklären, dass wir wie die Weltmeister Supermarktregale leerräumen und Vorräte anlegen, obwohl wir selbst NIEMALS Hunger gespürt und erlebt haben? WIE?

„Sag mir wo die Blumen sind, wo sind sie geblieben? Sag mir wo die Blumen sind, was ist geschehen? Sag mir wo die Blumen sind, Mädchen pflückten sie geschwind. Wann wird man je verstehen? Wann wird man je verstehen?“

Und dann stehe ich so am Küchenfenster und wundere mich über einen kleinen, etwas kümmerlich anmutenden Blumenstrauß vor meinen Augen. Wahrscheinlich haben ihn die Kinder im Garten gepflückt, denke ich. Aber mein Mann sagt: „Nein, nein. Da war eben so ein Mädchen. Vielleicht acht, neun oder zehn Jahre alt. Sie stand an der Tür, hat geklingelt, in der Hand ein paar dieser kleinen Sträuße und sie sagte, sie möchte die Blumen gerne verkaufen und den Erlös an ukrainische, in Not geratene Familien spenden.“ Und ich schaue meinen Mann mit weit offenem Mund, nassen Augen und fragendem Blick an, während sich unsere beiden Kinder bereits einmischen und das Gesagte bestätigen. „Und dann?“, will ich von ihnen wissen. „Ja, dann haben wir dem Mädchen einen Geldschein gegeben und sie gab uns dafür ihren schönsten Strauß.“  

„Toll!“ Ich ziehe den Rotz hoch und schaue mir die Blumen sehr genau an. Ein Löwenzahn, dann diese blauen, giftigen, wie aus kleinen Kügelchen, ein paar Gänseblümchen und etwas Grün, vermutlich aus einer Thujahecke stammend. Alles fein zusammengebunden in einem kleinen Glas mit klarem Wasser, und ein Sonnenstrahl blitzt durchs Fenster hinein. Es ist der schönste, der hoffnungsvollste Blumenstrauß, den ich auf dieser Welt jemals sah.

Hier sind sie Herr Putin: die Blumen, die Mädchen, die Kinder, Männer und Frauen, die Alten, die Jungen, die Kranken und die Gesunden. Bitte holen Sie Ihre Soldaten nach Hause, lassen Sie sie Ihre Familienversprechen einlösen. LASSEN SIE UNS ALLE ENDLICH VERSTEHEN!

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Über “Hörst du es auch”

In dieser regelmäßigen Kolumne teilt Redakteurin Melanie Baier ihre persönlichen Gefühle und Erfahrungen zu einzelnen Songs.


1 Kommentar
  1. Liebe Melanie, dein Beitrag hat mich sehr ergriffen und berührt. Ich finde ihn sehr gelungen. Deine Worte sind lange in meinen Gedanken geblieben und ich habe den Text schon an viele Freunde weitergeleitet! Freue mich drauf mehr von dir zu lesen und zu hören!

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