Books and the City #11 – Queer gelesen

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Books & The City Logo © booknerds.deDie Literatur, die Großstadt – das gehört zusammen, und zwar nicht erst seit Fotos von Buch und Kaffeekunst zu den beliebtesten Motiven auf Instagram gehören: Eine Geschichte aus der Weltstadt, von ihren Menschen und Büchern.

Vor kurzem gab es unter einer Rezension auf „tell – Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft“ ein kleines Gefecht über den Einsatz des Begriffs „Gender-Gaga“. Der Verwender meinte, das Wort sei im Grunde harmlos, schmähe er doch eine Debattenpraxis, nicht aber das Streben nach Gleichberechtigung und persönlicher Entfaltung. Dagegen wurde argumentiert, dass der Begriff in der Regel tendenziös gelesen werde und seine unkommentierte Verwendung der Diskreditierung der wissenschaftlichen und persönlichen Auseinandersetzung mit dem Gender-Thema Vorschub leiste. Der letzte Gedanke in der Debatte war überraschend und ich kam nicht umhin, mich zu fragen: Werde ich jetzt zum Traditionalisten?

Es ist wahr, „Gender-Gaga“ ist mehr als problematisch. In seiner erlauchten Umgebung tummeln sich auch Worte wie Genderismus oder Genderideologie. Alle zusammen implizieren sie die Idee, dass die Aufweichung starrer Geschlechternormen (sowohl in sozialer als auch physischer Form) dem Natürlichen gleichsam der göttlichen Schöpfungsordnung widerspreche, die doch nach dem Ratschluss des EINEN so eingerichtet ist, dass eine Familie aus Hausvater, Frauen und Nebenfrauen, möglichst vielen Kindern und Sklaven besteht. Dass diese Sklaven weder Freiheit noch Bürgerrechte besitzen, was sie mit den Frauen verbindet, die – der Herr möge es verhüten – ebenfalls kein Teil der gesellschaftlichen und politischen Willensbildung sind. Aufmerksame Leser*innen indes wissen längst, dass die Sklaverei fiel, das Frauenwahlrecht kam und Familien in westlichen Breiten aus zwei Erwachsenen nebst durchschnittlich 1,5 Kindern bestehen.
Unglücklicherweise hält die argumentative Untauglichkeit des göttlichen Ratschlusses die Gaga-Verfechter*innen nicht davon ab, ihren verbalen Unrat in die Welt zu posaunen. Da ist von Männern und Frauen die Rede, die nicht wüssten, ob sie Männlein oder Weiblein seien, von Kindern, die durch Schulaufklärung verschwult würden, kurz: vom Abendland, das untergeht. (Lange, bevor die ersten Geflüchteten Deutschland erreichten, war dies das Kernthema der Bewegung, auf die sich die AfD stützte.)
Nichts daran ist positiv. „Gender-Gaga“ ist eine Schmähung. Es verunglimpft jene, die ihre Abweichung von der Heteronormalität nicht verstecken, es erklärt die zu Feinden der Vater-Mutter-Kind-Familie, die für gleiche Rechte aller Menschen kämpfen und es verlacht mehr als eine wissenschaftliche Disziplin.

Aber ist dieser Zustand wirklich Teil einer unumstößlichen Ordnung, oder kann es nicht auch ganz anders sein? Es kann, wenn man drei Traditionslinien bedenkt.

Die erste verläuft auf der religiös-literarischen Ebene. Da geht es um die Macht von Namen und Worten, am bekanntesten vielleicht im Zauberwort „Abrakadabra“, das die Magie wirkt und zugleich ihre Funktionsweise beschreibt („Ich erschaffe, indem ich spreche.“ als eine mögliche Lesart). Zahlreiche Autor*innen, vor allem im Fantasybereich, arbeiten mit der Grundannahme, dass das Wissen um den Namen einer Person oder Sache, den Kundigen Macht über sie verleiht. Die höchste Magie in Patrick Rothfuss‘ „Königsmörder-Chronik“ basiert auf diesem Axiom, genau wie das Geheimnis um die wahren Namen der Zwerge in Tolkiens Mittelerde.
Indes ist die Magie der Worte mitnichten nur ein Sujet der fiktiven Literatur oder alten Gött*innen. Vom linguistischen Standpunkt aus, also jener Disziplin, die Sprache als System und in ihrer Anwendung untersucht, gilt es als erwiesen, dass Worte die Wirklichkeit formen. Zum Beispiel hat der Sprachwissenschaftler Victor Klemperer nachgewiesen, wie die offizielle Sprache der NS-Regierung zwischen 1933 und ’45 die öffentliche Wahrnehmung von Jüd*innen, Sinti und Roma oder Homosexuellen negativ geprägt hat. Dies ist ein Extrembeispiel gezielter staatlicher Diskreditierung bestimmter Bevölkerungsteile mit sprachlichen Mitteln, aber es zeigt, welche konkreten negativen Effekte Sprache im Leben jenseits von Zeitungs- und Buchseiten zeitigen kann.
Allerdings wäre es ein schrecklicher Gedanke, Sprache könne nur das Schlechte in der Welt bewirken. Ihr Zauber wäre ein erbärmlicher und nicht der Rede wert. Natürlich kann sie auch das Gegenteil, was zur dritten Traditionslinie führt, nämlich der Geschichte der queeren Bürgerrechtsbewegung. Als 1969 ein neues Kapitel dieses Buches aufgeschlagen wurde, waren „queer“, „gay“, „schwul“ und noch einige andere Schimpfworte für alle, die nicht dem heteronormalen Gesellschaftsbild entsprachen. Die so geschmähten entwickelten aber eine eigene, recht wirkungsvolle Strategie im Umgang damit. Kurz und zitiert nach einem meiner Lieblingsfilme: „When somebody calls you a name, you take it and you own it.“ (Pride, 2014). Wer im Besitz des Wortes ist, bestimmt welche Wirklichkeit es erschafft.

Was wäre also, wenn die Community und ihre Verbündeten „Gender-Gaga“ für die Tausende Aspekte queeren Lebens verwendete? Für schwule Couchpotatos und lesbischen Paare mit Jack Russel Terrier? Für Lederkerle und Butches? Für wunderschöne Femmes und glamouröse Tunten? Für alle As, Ts, Is oder Bs im Regenbogenbuchstabensalat? Für die Kämpfenden und die Gebrochenen, die Mutigen und die Ängstlichen, die Verzweifelten und die Unbeugsamen, die Nervigen, die Verrückten, die Unsichtbaren? Für die Kleinen und Großen, Rollende und Laufende, alle Geschlechter, alle Hautfarben, alle Religionen und alle Heimaten? Für alle Menschen?

Landauf, landab überlegen die CSD-Vereine der Republik derzeit ihre Slogans und Schlachtrufe für das nächste Jahr. Es ist eine gute Gelegenheit, nicht nur Rechte sondern auch Deutungshoheit zu (v)erlangen. Darum hier ein Vorschlag für alle Motto-Suchenden: „Gender-Gaga – Jetzt erst recht!“ Holen wir uns die Worte zurück.

Bild © booknerds.de/Verwendung der Buchseite (ISBN 978-3-442-371259) für die Häuser mit freundlicher Genehmigung des blanvalet Verlags

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Über den Autor

Henri Vogel

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Kleinstadtkind mit Hang zur Großstadt; Wahlberliner; glücklicher Partner des besten Ehemanns von allen und bescheidener Mitbewohner einer Katze; Überzeugungsliterat und Freizeitcineast; Whiskytrinker und Freundesfreund.

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Books and the City #11 – Queer gelesen

von Henri Vogel Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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