Lavie Tidhar – Osama (Buch)

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Lavie Tidhar-Osama (Buch) Cover © Verlag Rogner & Bernhard»Die Vergelter-Serie ist voll von solchen Dingen. Eine Reihe simpler, in Hotelzimmern getroffener Entscheidungen, die zu einer völlig anderen Welt geführt haben.« [S. 235]

„Osama“ von Lavie Tidhar beginnt wie ein typischer Detective-Noir Roman, vielleicht aus den 50er Jahren. Joe, der Privatdetektiv sitzt in seinem Büro in Vientiane/Laos neben seiner halbleeren Flasche Johnny Walker Red Label und mit einem billigen Imitat einer Smith & Wesson in der Schublade. Die Ausgabe „Einsatz Afrika“ aus der Schundheft-Reihe „Osama – Der Vergelter“ liegt auf dem Schreibtisch, »Verkürzt einem die Zeit« [S. 27] findet Joe.  Eine zierliche junge Frau kommt herein, mit langen braunen Haaren, leicht mandelförmigen Augen, die Ohren ein wenig spitz. Sie bittet darum „ihn“ zu finden. Mike Longshott – den Verfasser ebenjener Heftchenserie. Geld spiele keine Rolle, sagt sie und hinterlässt eine schwarze Kreditkarte.

Joe reist nach Paris, Ort des Verlags Medusa Press, der neben „Osama“ hauptsächlich Gewalt- und Porno-Heftchen publiziert. Nach einigen Umwegen über Kuriere, die des Verlegers Post zustellen, und einem schlagkräftigen Austausch mit Herren in schwarzen Schuhen, findet Joe den Verleger. Er stellt fest, dass auch dieser, wie sein Nachbar Alfred, der Buchhändler in Vientiane, dem Opium verfallen ist. Weiter geht’s nach London, zum elitären Castle-Club, in dem der Autor Mitglied sein soll. Doch auch hier nichts als Sackgassen, Informanten, die erschossen werden, Pubs mit Geistergestalten, Opiumhöhlen, die Joe nicht willkommen heißen und weitere Verfolger. »Sie hätten nicht herkommen sollen« [S. 252]  schallt es Joe auch in New York auf der „OsamaCon“ entgegen, doch er kann die Tür längst nicht mehr schließen. Ob sie ihn nun zu Mike Longshott oder gar in eine andere Welt führt.

Es fällt nicht leicht zu beschreiben, was der Roman „Osama“ von Lavie Tidhar eigentlich ist, ein Genre lässt sich kaum festlegen. „Osama“ gehört zur Phantastik – sicherlich, hat er doch den World Fantasy Award 2012 gewonnen. „Osama“ ist auch eine Detective-Noir-Story und landete im August 2013 auf der Krimibestenliste der „Zeit“. Aber trotzdem greifen beide Genre-Begriffe irgendwie – zu kurz.

Auch das Thema ist nicht gerade leicht zu benennen. Klar, es geht um Terrorismus, um Suche und Verfolgung, um Parallelwelten und die Vermischung von Realitäten. Es geht darum, wer wer und was was ist – was nichts wirklich Klares aussagt.

Aufgeteilt ist der Roman in einen Prolog, sechs Kapitel und einen Epilog. Aus der Perspektive des Privatdetektivs Joe wird dessen Suche nach dem Autor Mike Longshott erzählt, jeweils in recht kurzen Szenen mit wenigen Seiten.

Warum Joe aus Vientiane (seinen Nachnamen erfährt man nicht) den ominösen Mike Longshott (natürlich ein Pseudonym) suchen soll und warum er das dann auch tut, erfahren wir nie. Überhaupt wirkt der Protagonist, übrigens der Einzige, der in der Geschichte von Anfang bis zum Ende dabei ist, zunächst unnahbar, wie ein cooler Typ eben, dem keiner etwas anhaben kann. Das ändert sich allerdings, als schließlich Schüsse auf ihn abgefeuert werden, Menschen neben ihm sterben und verschwinden. Schließlich führt Joe zu Ende, was er begonnen hat, auch um zu erfahren, warum seine Wegbegleiter gestorben sind.

Zunächst sind das „reale“ Geschehen um Joe und das fiktionale der „Osama“-Reihe klar voneinander abgegrenzt, durch unterschiedliche Schriftbilder leicht zuzuordnen. Der Prolog beginnt mit dem Anschlag auf die US-Botschaft in Nairobi am 7. August 1998. Das zeitgleich ausgeübte Attentat in Daressalam/Tansania wird wenige Seiten später, in der zweiten „Osama“-Szene beschrieben. Geschildert werden die Terrorakte aus der Perspektive eines neutralen Beobachters, der den Tätern über die Schulter guckt. Und gerade wegen dieser scheinbar distanzierten Haltung  bringen die dramatischen Details über das Sterben Unschuldiger die Trauer und Wut zum Ausdruck, die der Autor beim Verfassen dieser Zeilen empfunden haben mag.

Dazwischen befinden sich zwei Szenen, in denen Joe seinen Auftrag erhält, als Auftakt des Kapitels „Der geheime Krieg“. Schnell ist klar, dass es in Joes Welt keine Terror-Anschläge gibt, nur einen Autor, der darüber in einer Serie schreibt, einen Verleger, der diese publiziert, Buchhändler, die die Hefte verkaufen. Nach und nach tauchen die ersten Anzeichen dafür auf, dass diese Realitäten nicht immer voneinander getrennt sind. Geister und Flüchtige bevölkern die Stadt London, Opium-Pfeifen machen die Runde. Joe wird verfolgt und bezieht Prügel, je mehr Hinweisen er nachgeht, desto skurriler, verwirrender, aber auch spannender wird seine Suche und somit der Roman.

Kafka stand Pate, Casablanca und Raymond Chandler lassen grüßen. Lavie Tidhars Vorliebe, Szenen und Bilder aus anderen Büchern und Filmen einfließen zu lassen, demonstrierte er  bereits in seinem Steampunk-Roman „Bookman„. Der Autor spielt mit Parallelwelten und Wahrheiten, wie die der Miniaturbauten und Nachbildungen im Pariser Park Monceau.

»War es Torheit in einer Welt zu existieren, die ein Märchen war, die nicht real, sondern nur dazu gedacht war, so zu erscheinen? « [S. 82]

Die Welt des al-Qaida Terrors, die Tidhar in Schundheftchen verbannt hat, ist dem Autor näher gekommen, als den meisten Zeitgenossen. Lavie Tidhar war beim Anschlag auf die US-Botschaft in Daressalam vor Ort, entkam nur knapp den Attentaten auf der Sinai Halbinsel 2004 und in der Londoner U-Bahn 2005. Die Stimmen derjenigen, die noch näher am Terror dran waren, hören wir in „Geistergeschichten“. Erzählungen von Menschen, die rein zufällig einen bestimmten Flug von Boston nach Los Angeles nahmen, die am falschen Tag im Bus zur Station Kings Cross fuhren, die zur falschen Zeit ihren Urlaub auf dem Sinai genossen oder in Madrid den falschen Zug erwischten, weil sie noch einen cordato  am Bahnhof tranken. Und es wird deutlich, dass diese Ereignisse immer mehr aus unserem Bewusstsein verschwinden, desto länger sie zurückliegen. Sie werden in eine Realität verbannt, die kaum von der der Fiktion zu unterscheiden ist. So ist „Osama“ einerseits eine Petition gegen das Vergessen, sowie ein Aufruf zu Hinterfragen. Verstehen wir tatsächlich besser als Joe oder die Longshott Fans auf der OsamaCon, warum dieser Krieg unsere Realität beherrscht?

Diese Aspekte bilden das Gerüst von Lavie Tidhars Roman „Osama“. Einige davon verstecken sich zwischen den Zeilen und erschließen sich erst beim zweiten oder dritten Blick, andere bleiben Fragen und ungeklärt. Lavie Tidhar setzt diese Geschichte aus Fragmenten zusammen, manchmal arg verliebt in die Kunst der Lakonie. Das Mysteriöse des Erzählstils wird den experimentierfreudigen Leser faszinieren. Anderen hätte etwas mehr Kitt den Zugang zur Substanz etwas leichter gemacht. Doch für eine Hommage an die Pulp Fiction ist dieser Stil perfekt, vor allem Liebhaber dieser Gattung werden an „Osama“ ihre Freude haben.

Cover © Rogner & Bernhard

  • Autor: Lavie Tidhar
  • Titel: Osama
  • Originaltitel: Osama
  • Übersetzer: Juliane Gräbener-Müller
  • Verlag: Rogner & Bernhard
  • Erschienen: Mai 2013
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 302
  • ISBN: 978-3-95403-014-9
  • Sonstige Informationen:
    Erwerbsmöglichkeit beim Verlag

Wertung 13/15 dpt

 


Über den Autor

Eva Bergschneider


Evas Nerd-Schreibtisch

Ich bin gebürtige Ostwestfälin und seit über 20 Jahren Wahlkölnerin. Verdiene mein täglich Brot im Labor eines Biotechnologie-Unternehmens, bin verheiratet und Mutter einer erwachsenen Tochter. Mich begeistern Kino, Musik, Sport und Internet, vor allem aber BÜCHER. Ich lese viele Phantastik- und Kriminalromane, halte aber eigentlich nicht viel von Genre-Einteilungen und bin in Bezug auf Literatur offen für (fast) alles. 

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Lavie Tidhar – Osama (Buch)

von Eva Bergschneider Artikel-Lesezeit: ca. 5 min
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