Das war 2014 – Eva Bergschneider

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Eva4Buch-Highlights: Neues und Bewährtes

Für meine Tätigkeit als Booknerd hatte ich mir vor einem Jahr vorgenommen, den Blick in die literarische Landschaft etwas weiter werden zu lassen und wieder mehr Krimis und Belletristik zu lesen. Was natürlich nicht heißen sollte, dem Phantastischen abzuschwören. Im Gegenteil. Auch hier sollte sich der Blickwinkel in Grenzregionen ausdehnen. Was dabei an literarischen High- und Lowlights heraus gekommen ist, lest ihr hier. In Kurzform, wenn eine verlinkte Booknerds-Rezension zur Verfügung steht, etwas ausführlicher, wenn nicht.

 

Lavie Tidhar-Osama (Buch) Cover © Verlag Rogner & Bernhard

Diese Vorsätze führten mich zu dem Alternativwelt-Roman „Osama“ vom israelischen Autor Lavie Tidhar, der im Nachhinein betrachtet fast wie eine prophetische Parabel für die politische Situation des vergangenen Jahres wirkt. Denn 2014 wünschte man sich wie selten zuvor das Terror und Krieg, dem vermeintlich religiöse Motive zugrunde liegen, sich lediglich in Schundheftchen abspielen mögen.

Jakob Arjouni - Bruder Kemal (Buch) Cover © Diogenes VerlagAbschied nahm ich von Jakob Arjouni und seinem charismatischen Seriendetektiv Kemal Kayankaya in „Bruder Kemal„.

Neu entdeckte ich die Autorin Juli Zeh, zuerst mit dem Krimi „Schilf“.  So heißt der agierende Kommissar, der an einer tödlichen Krankheit leidet und es mit zwei Physikern zu tun bekommt, deren Konkurrenzkampf zu einem Experiment mit tödlichem Ausgang führt.  Danach mit „Nullzeit„, einem schrägen Thriller und Beziehungsdrama um Liebe, Psychomanöver und menschliche Katastrophen.

Haruki Murakami - Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki (Buch) Cover © DuMont Buchverlage2014 war für mich auch ein Haruki Murakami Jahr. „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ erzählt eine alles andere als farblose Geschichte um Freundschaft und Liebe, mit den typischen einsamen Murakami Protagonisten in einer realitätsnahen und doch leicht surrealen erscheinenden Welt. „Hardboiled Wonderland und das Ende der Welt“ erschien dagegen als Kontrastprogramm. Denn dieser Roman vereint eine Fantasy- und eine dystopische Story, die zunächst unabhängig voneinander erzählt werden, zu einem faszinierenden Gesamtwerk. Ein modernes Märchen, das trotz seines durchweg phantastischen Plots den Geist des Magischen Realismus atmet.

Katharina Hartwell - Das Fremde Meer (Buch)Auch im Jahr 2014 wurde wieder der SERAPH-Preis verliehen, die prämierten Bücher lohnen stets eine nähere Betrachtung. Katharina Hartwells „Das Fremde Meer“ gewann den Debüt-Preis. Dieser Kurzgeschichten-Band, der sich schließlich zu einem Roman vereint, hat mich bereits in der Lesung der jungen Autorin überzeugt. Ein positiver Überraschungsmoment, der sich in der er eingehenderen Lektüre mehr als bestätigte. Meinen literarischen Jahresabschluss gestaltete „Schwingen aus Stein“ von Ju Honisch, ein spannender und trotz der düsteren Handlung humorvoller Fantasy-Roman vor historischer Kulisse. Ju Honischs Figuren entsprechen so gar nicht dem üblichen Klischee, sondern sind individuell, nie schwarz-weiß gezeichnet, fremdartig und dennoch authentisch.

Nick Harkaway - Der goldene Schwarm - Cover © Knaus VerlagSteampunk rockt. Als vor einigen Jahren das Phantastik-Genre Steampunk eine Renaissance erlebte, folgte dem Enthusiasmus unter den Anhängern dieser retro-futuristischen Alternativwelten die baldige Ernüchterung. Denn die meisten der großen Verlage stiegen aus dem Steampunk-Geschäft schnell wieder aus, scheinbar entsprachen die Umsatzzahlen nicht den Erwartungen. Und dennoch scheint sich diese vielseitige phantastische Spielart doch noch durchzusetzen. Heyne veröffentlichte einmal mehr das grandiose „Perdido Street Station“ von China Miéville, den man schon als Klassiker betrachten kann. Und den wunderbar originellen Roman von Nick Harkaway „Der goldene Schwarm“ schmücken ebenfalls einige geniale Steampunk-Motive, wie ein Unterseeboot à la  Nautilus oder eine Lokomotive, die eine originelle Technik zu bieten hat.

John Garth-Tolkien und der Erste Weltkrieg Cover © Klett-Cotta Verlag2014 habe ich mich mal wieder an eine Sachbuch-Rezension heran getraut. „Tolkien und der erste Weltkrieg“ von John Garth erläutert ausführlich, was Tolkien im Ersten Weltkrieg mitmachen musste und inwieweit das Erlebte nun tatsächlich sein literarisches Werk beeinflusste. Überraschenderweise beschreibt Garth außerdem die Entwicklung der Tolkien’schen Sprachen Quenya und Goldogrin, was äußerst interessant zu lesen ist, wenn man ein kleines bisschen Begeisterung für Linguistik mitbringt.

 Kein Jahr ohne literarische Enttäuschungen, die größte im Jahr 2014 war für mich „Die magische Schriftrolle“ vom Autorenteam Dana S. Elliott.  Der Roman entstand im Rahmen des Neobooks.Projekts des Droemer-Knaur Verlags, in dem Nachwuchsautoren ihr Werk vorstellen und gegenseitig bewerten. Dieser Roman konnte zwar den Verlag, aber nicht mich überzeugen, da mir die Charaktere zu flach gezeichnet sind und die Geschichte zufallsgetrieben vor sich hin plätschert.

Hörbuch-Highlights

Immerhin zwei Serien habe ich im Hörbuch-Format genossen. Zu „Der Name des Windes“ und „Die Furcht des Weisen 1&2„, gelesen von Stefan Kaminski, wurde schon viel Positives geschrieben und das kann ich in allen Punkten bestätigen. Diese Hörbücher sind ein besonderer Genuss.

Etwas ausführlicher vorstellen möchte ich einen postapokalyptischen Roman, der mich positiv überrascht hat: „Silo“ und „Level“ von Hugh Howey, gelesen von Peter Bieringer.howey-silo-hoerbuch

Das Szenario in „Silo“ spielt mit dem leidlich bekannten Thema, dass sich nach der Apokalypse eine Elite von Menschen in einem unterirdischen Bunker, dem Silo gerettet hat. Dort leben sie seit einigen Generationen in dem Glauben, die einzigen Überlebenden zu sein. Zu hinterfragen, ob die Außenwelt wirklich unbewohnbar ist und wie man eigentlich dazu gekommen ist, die Menschheit im Silo überleben zu lassen, führt in der Regel zu einem Todesurteil. Man wird nach draußen entlassen und dazu verurteilt, die Linsen, die die Sicht auf die verbrannte Außenwelt gewährleisten, zu säubern. Die Story dreht sich um jene, die Hinweise darauf suchen und finden, dass nicht alles stimmt, was die Leitung des Silos seit Generationen behauptet.
Der Autor hat mit seiner Story sicherlich nicht die Dystopie neu erfunden, doch er erzählt eine ungewöhnliche und unterhaltsame Geschichte mit vielen interessanten Details. Warum gibt es im Silo eigentlich keine Aufzüge? Warum hat sich bisher kein Verurteilter der Reinigung verweigert? Wie kommt es, dass es keinerlei Informationen aus der Zeit vor dem Silo gibt? Auf all diese Fragen findet der Autor plausible Antworten, die die Grundlage für ein immer komplexer werdendes Storygerüst bilden.
Der zweite Teil „Level“ erzählt zunächst die Story der Apokalypse, über die Zerstörung der Welt und über die Entwicklung der Silo-Gesellschaft, bevor man den Faden der Handlung des ersten Teils wieder aufnimmt.

Die Hörbücher „Silo“ und „Level“ erzählen eine Geschichte, die mit viel Liebe zum Detail entwickelt wurde und immer weitere Kreise zieht, ohne das dem Autor die Geschichte zu entgleiten droht. Der Sprecher Peter Bieringer liest unaufdringlich und angenehm natürlich, ordnet seine Stimme der Atmosphäre und dem Spannungsverlauf des Romans unter. Der dritte Teil der Saga „Exit“ erscheint im März 2015.

Zum Schluss noch ein Hörbuch-Tipp, der unter meinem Weihnachtsbaum lag: „Die Känguru-Chroniken – Ansichten eines vorlauten Beuteltiers„. Die Geschichten um den unbequemen Mitbewohner des Chronisten, ein kommunistisches Känguru, das im Vietcong war und einen Hang zur Anarchie pflegt, sind das Beste was mir in Sachen Comedy seit Jahren untergekommen ist. Zu Recht wurde der Autor und Musiker Marc-Uwe Kling mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet: Deutscher Poetry-Slam-Meister 2006 und  2007, Deutscher Radiopreis  2010. Aber viel entscheidender ist, dass er bissige und intelligente Satire auf eine Weise vorträgt, über die man herzhaft lachen kann. Ich habe mich köstlich amüsiert und schon den Nachfolger „Das Känguru-Manifest“ parat liegen.

Insgesamt ziehe ich ein positives Fazit aus dem literarischen Jahr 2014, das einmal mehr gezeigt hat, dass sich in den Nischen abseits des Mainstreams oft wahre Schätze finden lassen. Und das die Phantastik-Literatur häufiger die Genregrenzen überschreitet, und somit immer bunter, reicher, vielfältiger wird. In diesem Sinne freue auch ich mich auf das, was das literarische Jahr 2015 bereithalten mag.

Cover © von oben nach unten: Rogner & Bernhard, Diogenes Verlag, DuMont Buchverlag, Berlin Verlag, Heyne Verlag, Knaus Verlag, Klett-Cotta, HörbucHHamburg 

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Über den Autor

Eva Bergschneider

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Evas Nerd-Schreibtisch

Ich bin gebürtige Ostwestfälin und seit über 20 Jahren Wahlkölnerin. Verdiene mein täglich Brot im Labor eines Biotechnologie-Unternehmens, bin verheiratet und Mutter einer erwachsenen Tochter. Mich begeistern Kino, Musik, Sport und Internet, vor allem aber BÜCHER. Ich lese viele Phantastik- und Kriminalromane, halte aber eigentlich nicht viel von Genre-Einteilungen und bin in Bezug auf Literatur offen für (fast) alles. 

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Das war 2014 – Eva Bergschneider

von Eva Bergschneider Artikel-Lesezeit: ca. 5 min
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