Ingebjørg Berg Holm – Wütende Bärin (Buch)

Verhängnisvolle Beziehungen

Cover: Wütende Bärin (c) KJM Buchverlag

Wie wird aus Liebe Hass? Wie wächst Misstrauen?

Am Anfang des Romans steht ein Verbrechen. Doch wer ist das Opfer? Was das Motiv? Und wer kommt als Täter in Frage? Ingebjørg Berg Holm öffnet einen weiten Raum für Spekulationen, während sie im Rückblick das verhängnisvolle Beziehungsflecht dreier Menschen beschreibt.

Ein Mann, zwei Frauen, miteinander verkettet durch die Liebe zu einem Kind:

Wissenschaftler Njål ist im Dauerstreit mit Sonja, der Mutter der gemeinsamen Tochter Lotta. Es geht ums Sorgerecht und die Vorrangstellung bei einem gemeinsamen Forschungsprojekt. Sonja, von Njål einst zur Schwangerschaft überredet, fühlt sich von ihrer Rolle als Mutter überfordert. Sie leidet an Depressionen. Njål wiederum stellt Sonjas Eignung als Mutter in Frage. Er nutzt ihre Schwäche, um die eigene Position zu stärken. Und dann ist da noch Sol, die von Njål wegen ihrer Kinderlosigkeit verlassene Exfrau. Noch immer bewegt sie sich in Njåls Nähe. Ihr Kinderwunsch ist obsessiv. In Lotta sieht sie ihre Chance auf einen Neubeginn.

Berg Holm erzählt ihre Story aus drei wechselnden Perspektiven. Sie switcht zwischen den Ich-Erzählstimmen ihrer Protagonisten hin und her. Der schonungslosen Offenheit, mit der sie die Seelen und Körper ihrer Protagonisten entblößt, stellt sie geschickt platzierte Andeutungen gegenüber, um die Spekulationen der Leser:innen anzufachen.

Die Autorin hält einen großen Reigen an Themen parat, alle im aktuellen Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne: Die Konkurrenz zwischen den Geschlechtern, das Individuum zwischen den Anforderungen gesellschaftlich definierter Rollenbilder, Männer und Frauen im Kontext von Me-too, sexuelles Begehren und Elternschaft. Sie verknüpft diese Themen mit den Einzelschicksalen ihrer Figuren, was diesen sowohl Tiefe als auch Authentizität und teilweise auch große Tragik verleiht.

Indem sie uns sukzessive in die Psyche ihrer Figuren eintauchen lässt, erzeugt sie einen starken Sog. Die unaufhaltsame Radikalisierung eines jeden von ihnen wird sichtbar. Das Misstrauen untereinander wächst, das bevorstehende Verbrechen erscheint schließlich unausweichlich …

Berg Holms Roman ist ein Psychothriller, der seine Energie aus dem intensiven Innenleben der Figuren zieht. Die Autorin lässt sich dabei sehr viel Zeit. Die sowohl im Klappentext als auch auf dem Cover versprochene spektakuläre Kulisse Spitzbergens kommt dabei leider erst auf den letzten Seiten zum Tragen. Langweilig wird die Story dadurch nicht, die Erwartungshaltung wird jedoch nicht ganz wie versprochen eingelöst.

Alles ist allem ist „Wütende Bärin“ ein prall-sinnliches Lese-Erlebnis, das die anspruchsvoll formulierte, von Gabriele Haefs und Andreas Brunstermann ansprechend aus dem Norwegischen ins Deutsche übertragene, Sprache mit modernen Themen kombiniert.

  • Autor:  Ingebjørg Berg Holm 
  • Titel: Wütende Bärin
  • Originaltitel:  Rasende Binne
  • Übersetzer:  Gabriele Haefs und Andreas Brunstermann 
  • Verlag: KJM Buchverlag
  • Erschienen: Juli 2022
  • Einband: Gebundene Ausgabe
  • Seiten: 360 Seiten
  • ISBN: 978-3961941827


Wertung: 12/15 dpt


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