Mark Frost – Die geheime Geschichte von Twin Peaks (Hörbuch, 2 mp3-CDs, gelesen von Stefan Kaminski)

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Mark Frost - Die Geheime Geschichte von Twin Peaks (Cover © Headroom Sound Production)Als diese David-Lynch-Serie vor mehr als 25 Jahren das Licht der Welt erblickte, wusste noch niemand, dass „Twin Peaks“ aus dem Stand zu einer Kultserie avancieren sollte – was nicht zuletzt auch an der kruden Genre-Mischung gelegen haben mag, mit der gerade Anfang der 90er noch niemand gerechnet hätte: Crime, Soap Opera, Horror, Comedy, Drama und Mystery gingen wie selbstverständlich Hand in Hand, obendrauf noch der anfangs unglaublich kitschig wirkende Soundtrack von Angelo Badalamenti, der erst mit der Zeit seinen Zauber enthüllte. Doch die Serie endete nach zwei Staffeln – die erste mit acht Episoden, deren erste ein Pilotfilm ist und Spielfilmlänge hat, die zweite immerhin mit ganzen 22 Folgen – jäh, und man hoffte, dass diese eine bizarre Szene im Warteraum der anderen Dimension, in der Special Agent Dale B. Cooper in seiner älteren Gestalt auf die eigentlich tote Laura Palmer (deren Ermordung bis Mitte der zweiten Staffel der Dreh- und Angelpunkt der Serie war) sowie einen rätselhaften kleinwüchsigen Mann trifft, der sich nur in diesem Raum aufhält, ein Fingerzeig mit Wahrheitsgehalt war, denn ihren Lippen entfleucht der Satz „I’ll see you again in 25 years“, und der kleine Mann lässt Agent Cooper wissen, dass seine Lieblingssendung bald zurückkomme.

Doch daran glaubte wohl niemand, und Serienvater David Lynch war ohnehin überwiegend in Indie-, Internet- und Experimentalfilmproduktionen unterwegs. Bis vor wenigen Jahren gemunkelt wurde, dass Twin Peaks tatsächlich, nach ein wenig mehr als den besagten 25 Jahren, wieder weiter geht. Und aus den Gerüchten wurde Ernst, denn nun ist es amtlich, dass die dritte Staffel, die praktisch im Kasten ist, ab Mai 2017 laufen wird – mit sehr vielen Originaldarstellern. Selbstredend ist auch Storyschreiber Mark Frost wieder mit im Boot. Doch der hatte offenbar trotz allem Langeweile.

Denn unabhängig von der Story, die uns in Staffel drei erwarten wird, hat Frost mit diesem Werk, das gedruckt und in Leineneinband auf 368 Seiten, in vorliegender Hörbuchversion auf elf Stunden kommt, ein etwas sonderbares Werk geschaffen. Denn anstatt die Geschichte weiterzuerzählen, sodass man etwa befürchten konnte, dass hier die dritte Staffel bereits gespoilert wird, wird hier Geschichte erzählt. Und zwar nicht nur Geschichte im erzählerischen Sinne, sondern im Wortsinn. In der FAZ wurde es recht treffend als eine Art fiktionale Genealogie des Unheimlichen tituliert. Und man wird wunderbar aufs Glatteis geführt, denn nach der (Audio-)Lektüre weiß man zwar vieles, aber man hat absolut keinen blassen Schimmer, was einen in der audiovisuellen Fortsetzung erwarten wird. Am ehesten kann man sagen, dass vorliegende Veröffentlichung eine Art Prequel ist. Aber eben nur eine Art.

Strukturiert ist „Die geheime Geschichte von Twin Peaks“ in Form eines an einem Tatort gefundenen Dossiers. mit dessen Hilfe FBI-Special-Agent T████ P████ (ja, es ist vieles geschwärzt; im Hörbuch wird es mit einem Zensur-Piepton signalisiert) versucht, die Identität einer Person namens „Der Archivar“ (der das Dossier zusammengestellt hat) zu enthüllen und arbeitet sich durch Tagebucheinträge, Briefe, Patientenunterlagen, Zeitungsartikel, Fotographien, Faksimiles sowie Fallakten. Hierbei erfährt man, verwoben mit Bezügen zu den ersten beiden Staffeln, zum Teil umfangreich von den Geheimnissen dieses eigenartigen Orts, erfährt von einem Indianerstamm, von Freimaurern, von zwei Pfadfindern, die später einen sehr großen Fußabdruck finden. Von jenen Pfadfindern wird man auch 1947 wieder hören – und wer diese Jahreszahl mit Roswell assoziiert, liegt damit keinesfalls falsch. Auch Illuminaten, die Scientology-Sekte und zahlreiche andere Dinge spielen hier eine Rolle, ebenso die Twin Peaks Gazette, die von einem der genannten Pfadfinder, Douglas Milford, Bruder des von ihm gehassten Bürgermeisters Dwayne, herausgegeben wird. Klingt verwirrend? Ist es auch.

Aber: Obgleich hier teilweise über zweihundert Jahre nach hinten ausgeholt wird, ergeben all diese oftmals voneinander unabhängig erscheinenden Ausführungen, Dokumente und Erzählungen ein großes Ganzes, aus Gewirr wird Geflecht, und im letzten Drittel erfährt man dann Stück für Stück, inwiefern all das miteinander kohäriert. Things start making sense. Hier nun die ganzen Verbindungen und Verstrickungen darzulegen, würde allerdings zu viel verraten – es sei nur so viel gesagt: Es füllt einige Wissenslücken und sorgt für so manches Aha-Erlebnis. Schön ist auch, dass man im Verlauf des Hörbuchs dann auch die ein oder anderen vertrauten Charaktere präsentiert bekommt und noch ein wenig mehr von ihnen erfährt.

Im Grunde fährt dieses (Hör-)Buch dreigleisig, denn zu den ersten beiden Ebenen, nämlich a) die zusammengestellten Dokumente, Bilder und dergleichen sowie b) all die Kommentare des Archivars plus die mehr oder minder herbeideduzierten Zusammenhänge, gesellen sich c) Special Agent TPs Anmerkungen, Bemerkungen und Notizen.

Man durfte nun gespannt sein, wie dies in Hörbuchform dargestellt werden sollte, denn es ist nicht gerade einfach, Seiten, die beispielsweise eine Abbildung wie eine Fotokopie beinhalten und dann auf zwei weiteren Ebenen kommentiert werden, in gesprochener Form wiederzugeben.

Und hier kommt Stefan Kaminski ins Spiel, der vor allem durch seine stimmliche Variabilität und Wandlungsfähigkeit einer der begehrtesten ist. Ihm gelingt es durch geschickte Stimmlagenwechsel, unterstützt durch verschiedene Soundsettings, den Hörer die Ebenen unterscheiden zu lassen – und noch viel mehr, denn selbst die Charaktere, in denen es in all diesen Ausführungen, Erzählungen und Akten geht, bekommen ihre ureigene Stimme, sodass man genau weiß, ob gerade innerhalb der einzelnen Elemente etwas von und über Personen erzählt wird, der Archivar gerade das Wort ergreift oder eben TP den Stift führt. Das ist eine kleine Meisterleistung ob dieses ohnehin schon komplexen Puzzlespiels und erleichtert es dem Hörer ungemein, „Die geheime Geschichte von Twin Peaks“ nachzuvollziehen.

Letzten Endes ist man einerseits geplättet von den vielen Informationen, die genau so ergänzend wie verwirrend sind, andererseits machen sie einen noch neugieriger auf das, was bald über die Bildschirme flimmern wird.

Erwartete man einen banalen Roman, eine Vor- oder Weitererzählung in Form einer verfilmungskompatiblen Story, ist die Enttäuschung anhand dieser (Audio-)Lektüre fast schon vorprogrammiert. Lässt man sich allerdings auf die hier gewählte Form ein und versteht „Die geheime Geschichte von Twin Peaks“ als das (wenn auch fiktive) historische Werk mit starken sachbuchähnlichen Zügen, als welches es auch intendiert war, erwartet einen ein (Hör-)Buch, das man gerade als Twin-Peaks-Nerd unbedingt im Regal stehen haben muss. Denn es bietet einiges an Mehrwert.

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Lest unbedingt auch die Rezenzion zum Buch von Kollegin Catarina Gomes de Almeida.

Cover © Headroom Sound Production

Wertung: 14/15 dpt

 

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Über den Autor

Chris Popp

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Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 In Mannheim geboren, in der Pampa vor Kassel lebend. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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Mark Frost – Die geheime Geschichte von Tw…

von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 5 min
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