Mark Frost – Die geheime Geschichte von Twin Peaks (Buch)

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Mark Frost - Die geheime Geschichte von Twin Peaks (Cover © Kiepenheuer & Witsch)Im Mai soll es so weit sein, die Kultserie der Postmoderne „Twin Peaks“ setzt sich in einer dritten Staffel fort. Endete die zweite Staffel 1991 mit der vagen Prophezeiung eines Wiedersehens 25 Jahre später, so scheint sich diese, mit der Veröffentlichung von Mark Frosts „Die geheime Geschichte von Twin Peaks“ im November 2016 gerade noch pünktlich bewahrheitet zu haben.

Das Mysterium um die scheinbar idyllische, namensgebende Kleinstadt Twin Peaks, das trotz der Aufklärung des anfänglich zentralen Mordes an der allseits beliebten Homecoming Queen Laura Palmer, nie gänzlich Auflösung erfahren hat – und wie Frost in seinem neuen Buch belehrt, auch nie erfahren soll – wird, der Serien-Fortsetzung zuvorkommend, von Frost neu durchleuchtet. Frost, der gemeinsam mit David Lynch bereits für das Drehbuch und die Produktion der Serie verantwortlich war und ist, präsentiert mit „Die geheime Geschichte von Twin Peaks“ ein erstaunliches wie opulentes Konvolut, das der Serie an mystischem Gehalt in nichts nachsteht und mindestens ebenso viele neue Fragen aufwirft wie es alte beantwortet.

„Mysterien beseelen das Leben, Geheimnisse schnüren ihm die Luft ab.“1

Gemäß diesem Credo lässt Frost jemanden, der sich selbst nur „der Archivar“ nennt, uralte Wahrheiten recherchieren und merkwürdige Phänomene aufklären, die in Zusammenhang mit Twin Peaks stehen, um die zahlreichen Geheimnisse, welche die Kleinstadt beherrschen, Stück für Stück zu lüften. Die Mysterien also, welche ganz zweifelsohne immer schon die Seele von „Twin Peaks“ darstellten, bleiben bestehen, ungeachtet aller Geheimnisse, die ans Tageslicht treten. Bereits der Titel des Frost’schen Konvoluts spielt durch seine Wortwahl auf den betont zentralen Unterschied zwischen Mysterium und Geheimnis an. Dass das Mysterium um Twin Peaks folglich nicht einmal durch dieses informative und voluminöse Buch aufgelöst werden kann, ist nur konsequent.

Das Buch kommt genaugenommen, um dem Wortlaut zu folgen, als Dossier daher, das im Jahr 2016 an einem Tatort sichergestellt und Special Agent TP – der vollständige Name des Agenten ist, wie auch andere Daten und Personen- sowie Ortsnamen in vielen Dokumenten, geschwärzt – zur weiteren Verfügung in die Hände gegeben wurde. Sein Inhalt weist Bezüge zur der von Special Agent Dale Cooper 25 Jahre zuvor geleisteten Ermittlungsarbeit in Twin Peaks auf und soll von Special Agent TP auf seine Beweiskraft und seinen Ursprung hin untersucht werden. Als alleroberste Priorität gilt es für ihn, wie mehrfach im Laufe des Dossiers betont wird, die Identität des geheimnisvollen Archivars, der offenbar, zumindest bis zu einer gewissen Geheimhaltungsstufe, ungehinderten Zugang zu streng vertraulichen Regierungsdokumenten gehabt haben muss und Geschehnisse und Tatbestände in Twin Peaks zum Teil aus erster Hand verifizieren kann, zu enthüllen.

Aufbau, Gestaltung, Fundort und Zweck der als Dossier zusammengetragenen Dokumente und Materialien werden einleitend von TP selbst in einem Dokument, das als „Vorbemerkungen zur Analyse“ betitelt und dem eigentlichen Dossier vorangestellt ist und dieses gewissermaßen erweitert, erläutert. Auf diese Weise begreift der Leser die Grundidee des Romans auf Anhieb und kann seine, dem Paratext geschuldete erste Annahme, es hier mit einem gewöhnlichen Roman zu tun zu haben, rechtzeitig beiseiteschieben. Gelenkt wird von da an von Agent TP. Nicht nur führt er den Rezipienten durch seine Vorbemerkungen von fälschlichen Rezeptionserwartungen weg, anhand seiner Kommentare, die in Form von Randbemerkungen die Dokumente im Dossier ergänzen, folgt der Leser dem Gedankengang von Agent TP während dieser selbst, die durch den Archivar angestellte Analyse mithilfe der Anmerkungen, die dieser wiederum seinerseits komplementierend den Dokumenten beigefügt hat und welche die einzelnen Dokumente erst in einen mehr oder minder nachvollziehbaren Zusammenhang bringen, zu rekonstruieren versucht.

Die Intention, das fiktionale Dossier als historische Erzählung, oder gar als eine Art Roman zu präsentieren, will gewissermaßen dennoch funktionieren. Dies mag zum einen an der logisch-chronologischen Anordnung, welche ganz der Reihenfolge der Ermittlungen des Archivars entspricht, in welcher die einzelnen Dokumente miteinander verknüpft sind, liegen. Zum anderen ist es der formell-informelle Ton, der sich selbst auf offizielle Briefe ganz so wie Berichte, die der strengsten Geheimhaltung unterliegen, erstreckt. Hierzu sei weiterhin angemerkt, dass es Frost wunderbar gelingt den einzelnen Dokumenten stimmliche Unterschiede einzuverleiben. Der Ton, den das Dossier letztlich insgesamt anschlägt, ist trotz seiner inhaltlichen Form weniger sachlich als mehr auf angenehme Weise erzählerisch, vor allem mit Fortschreiten des Dossiers. Die formelle Sachlichkeit wird zunehmend vom Archivar selbst – auch das Geheimnis um seine eigene Person betreffend – durchbrochen. Auf diese Weise findet sich eine unerwartete Spannungskurve im Dossier wieder. Unerwartet vor allem deshalb, da sich das Buch zuweilen in seinen minutiösen Ausführungen und Verstrickungen zu verlieren und den Leser mit seinem, nicht selten verwirrenden und langatmigen Detailreichtum geradezu zu überfordern droht.

Die Komplexität der geheimen Geschichte von Twin Peaks, die Frost mit seinem Buch ein Stück weit aufzudecken gedenkt, trägt sicherlich ebenfalls ihren maßgeblichen Beitrag zur drohenden Leserüberforderung bei. Nicht nur, dass Frost mehr als zwei Jahrhunderte in der Geschichte zurückgreift und die Zusammenhänge bis in die Gegenwart spinnt, das Themenspektrum, welches die neuen Facetten des Twin Peaks-Gesamtbildes anreichert, steht der Zeitspanne hinsichtlich ihrer Ausdehnung in nichts nach. Es ist die Rede vom Großen Geist bei den großen Fällen und den Zwillingsbergen; von merkwürdigen Phänomenen, darunter ein Stamm von weißen Indianern, Riesen und menschengroßen Eulen, die laufen können; von Nez-Percé-Indianern und dem Kampf um ihr Land; von UFO-Sichtungen und Aliens; von Sekten und Verschwörungen. All diese Themen, die sich partiell realer Fakten bedienen, bilden jeweils einen roten Faden – wobei jener, welcher der UFO- und Alien-Thematik entspringt, besonders viel Raum einnimmt. In ihrer Zusammenführung sollen sie die auf Anhieb so unterschiedlich erscheinenden Geschehnisse verbinden. Ein Unterfangen, das nur bedingt gelingt – ob nun beabsichtigt, oder unbeabsichtigt, sei dahingestellt. Hinzu gesellt sich die geschichtliche Entwicklung von Twin Peaks und der im Seriengeschehen dort vereinten Menschen. Es werden so unter anderem Josies Herkunft, die Hintergründe der gescheiterten Liebesbeziehung zwischen Ed und Norma, sowie Ed’s Verbindung zu Nadine samt der sie alle drei betreffenden Verstrickungen und Ereignisse, Dr. Jacobys psychologische Praxis, und die tragische Geschichte der Log Lady, näher, um nicht zu sagen neu beleuchtet. Dem aufmerksamen Leser wird die ein oder andere Diskrepanz dieser Ausführungen zur Serie vermutlich kaum entgehen. Es sind nichtsdestotrotz gerade solche Abschnitte, die im unmittelbaren erklärerischen Zusammenhang zum Seriengeschehen stehen und sich selbst auf Details wie der zweifarbigen Brille Dr. Jacobys erstrecken, die den nostalgischen Wert des opulenten Dossiers auf rein textlicher Ebene ebenso hervorheben, wie es die entsprechend angefügten Abbildungen tun.

Ein Blick ins Buch. Video © Verlag Kiepenheuer & Witsch

Die Stärke dieses sogenannten Romans liegt letztlich weniger in ihrem erzählerischen Inhalt, als vielmehr in eben dieser seiner unumstritten liebevollen Gestaltung. Frosts Buch ist nicht schlicht großartig illustriert. Neben aus rein illustrativen Gründen angefügten Abbildungen, sind die Dokumente selbst, ihrem Ursprung entsprechend, hochpräzise gestaltet. Was folglich dem Text beinahe – aber auch wirklich nur beinahe – zum Verhängnis geworden wäre, brilliert auf bildlicher Ebene geradezu. Nebst Schwärzungen von einzelnen Daten und Informationen tragen die durchweg farbigen Abbildungen Stempel, handschriftliche Notizen und Unterstreichungen sowie Spuren der Zeit wie Risse, Knickstellen und Verfärbungen. Die faksimilierten fiktionalen Dokumente und Materialien reichen dabei von Fotografien, über Briefe und Tagebucheinträge, Quittungen und Kaufbelege, Zeitungsartikel und Patientenakten, Datenblätter und Formulare bis hin zu (geheimen) Berichten und Protokollen. Kleine Besonderheiten, die im Grunde keinen Mehr-, dafür aber einen umso größeren Nostalgiewert haben, wie etwa die Speisekarte des Double R Diners, das Cooper aufgrund seines verdammt guten Kaffees und Kuchen stets so sehr geschätzt hat, oder etwa Normas Postkarte aus den Flitterwochen, einige Zeitungsartikel, oder etwa ein Bogen Briefpapier von Dr. Jacobys Praxis mit unverkennbar passendem Briefkopflogo, verleihen dem Buch den besonderen Clou und erlauben dem Rezipienten einen tieferen Einblick in die Welt von Twin Peaks.

Frosts „Die geheime Geschichte von Twin Peaks“ offenbart sich als ein vom Einband bis zur letzten Seite mit viel Sorgfalt zusammengestelltes Prachtwerk. Inwieweit das Buch nun allerdings wie angekündigt Hinweise auf die Handlung der neuen Staffel der Serie liefert, bleibt wohl abzuwarten. Fest steht jedoch, dass Frost hiermit ein Werk vorlegt, das nicht nur unweigerlich die Kenntnis der Serie erforderlich macht, sondern in seiner grandiosen Aufmachung mit dezenten Momenten der Trägheit, auch nur für all jene gedacht sein kann. All jene, die nur zu gerne in die vertraut bizarre Welt von Frost und Lynch eintauchen und sich über mangelnde Aufklärung wohl kaum beschweren werden.

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Es scheint fast undenkbar, dieses Werk, das so sehr von seiner visuellen Wirkung lebt, lieber hören als selbst lesen zu wollen. Dass jedoch auch die Hörbuchfassung ein absolut lohnenswertes Erlebnis ist, kann in Chris Popps Rezension zur Hörbuchversion von Frosts „Die geheime Geschichte von Twin Peaks“ nachgelesen werden.

Cover © Kiepenheuer & Witsch

  • Autor: Mark Frost
  • Titel: Die geheime Geschichte von Twin Peaks
  • Originaltitel: The Secret History of Twin Peaks
  • Übersetzer: Stephan Kleiner
  • Verlag: Kiepenheuer & Witsch
  • Erschienen: 11/2016
  • Einband: Leinen
  • Seiten: 368
  • ISBN: 978-3-462-04815-5
  • Sprache: Deutsch
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite
    Erwerbsmöglichkeiten
    Blick ins Buch
    (Direkter Link zum Buchtrailer auf YouTube)

Wertung: 14/15 dpt

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Fußnoten

  1. Frost, Mark: Die geheime Geschichte von Twin Peaks. Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Stephan Kleiner. Kiepenheuer & Witsch, 2016, S. 131.  

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Mark Frost – Die geheime Geschichte von Twin P…

von Catarina Gomes de Almeida Artikel-Lesezeit: ca. 6 min
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