Elke Mählmann – Da will ich nicht hin (Buch)

Befreiung von einem Trauma

Cover (c) edition assemblage

Für die 36-jährige Ich-Erzählerin beginnt gerade ein neues Leben: Ein privater Neuanfang in Italien mit einer neuen Beziehung. Ein passender Moment, um zurückzuschauen. Schreibend will sie sich erinnern, will das bisher Erlebte zusammenfassen. Doch bereits ihr Einstieg entpuppt sich als schwierig. Immer wieder stoppt sie, verliert sich in Andeutungen, setzt erneut an …

Hinter der spröden Fassade der ruhelos wirkenden Hauptfigur öffnen sich Erinnerungsräume voller irritierender Details. Der Rückblick, den Mählmann ihre Protagonistin vornehmen lässt, gerät zur Tour de Force. Denn hinter allem steht eine Missbrauchsgeschichte.

Aufgewachsen in einem strengen Elternhaus sucht sie als Jugendliche ihren Ausweg in der katholischen Fokolarbewegung. Die sektenähnliche Organisation dominiert ihr Privatleben und drängt sie in neue Abhängigkeiten. Erst nach zahlreichen privaten Verlusten schafft sie den Ausstieg. Doch immer wieder kommt sie auf ihre Kindheit zurück, das von Gewalt geprägte Verhältnis zur Mutter und den übergriffigen Vater …

Das Unbehagen der Protagonistin ist in jedem einzelnen Satz spürbar. Sie ringt mit sich und ihren Erinnerungen. In konzentrischen Kreisen kehrt die Ich-Erzählerin zurück in ihre Vergangenheit. Tastend nähert sie sich dem Ereignis, das ihr Leben geprägt hat. Immer wieder weicht sie aus, um immer wieder erneut die Annäherung zu versuchen. „Da will ich nicht hin“, beschreibt perfekt die Gefühlslage, die die Romanfigur einnimmt und die Autorin auf ihre Leser:innen überträgt.

Mählmann hat große Teile ihres Debüts zweisprachig, auf Italienisch und Deutsch,  verfasst. Im Buch stehen diese inhaltsgleichen Passagen sich gegenseitig übersetzend nebeneinander. Der Wechsel zwischen den Idiomen spiegelt die Mehrsprachigkeit der Protagonistin, die in beiden Ländern beheimatet ist.

Mählmanns Roman ist kein Wohlfühlbuch. Vielmehr erscheint er wie das Tagebuch einer Trauma-Therapie. Die Stimme der Ich-Erzählerin erzeugt die Authentizität eines Tatsachenberichts. Zuweilen färbt die Anstrengung auf die Lektüre ab. Sogar zwischen vermeintlich leichten Passagen lauert die Schwere des verdrängten Traumas. Die erlittene sexuelle und psychische Gewalt wird sichtbar noch bevor die Autorin ihrer Protagonistin Worte dafür in den Mund legt.

Das Erzählen wird zum Befreiungsschlag. Ein Akt, der ebenso schmerzhaft wie überlebenswichtig ist. Erst im öffentlichen Erinnern kann sich die Protagonistin aus den Abhängigkeiten befreien, mit denen sie verwachsen ist. Vom rechtlosen Opfer wird sie endlich zur Anklägerin, die ihr Recht einfordert.

Mählmanns Roman spiegelt nicht nur den Schmerz der Protagonistin und verleiht ihr exemplarisch für alle Opfer sexuellen Missbrauchs eine Stimme. Er zwingt auch dazu, sich als vermeintlich Unbeteiligte:r dem Thema zu stellen. Die Autorin nimmt die erzeugte Öffentlichkeit in die Pflicht, die als einzige den Opfern Gerechtigkeit garantieren kann.

  • Autor: Elke Mählmann
  • Titel: Da will ich nicht hin
  • Verlag: edition assemblage
  • Erschienen:  Mai 2022
  • Einband:  Taschenbuch
  • Seiten: 128 Seiten
  • ISBN: 978-3960421191


    Wertung: 11/15 dpt




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