Jakob Arjouni – Bruder Kemal (Buch)

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Jakob Arjouni - Bruder Kemal (Buch) Cover © Diogenes VerlagWeniger ist manchmal mehr. Es gibt sicherlich mehr gelesene und somit erfolgreichere Krimi-Reihen als die „Kayankaya“-Krimis von Jakob Arjouni. Im Jahr 1985 erschien der erste mit dem Titel „Happy Birthday, Türke“ und galt als der Überraschungserfolg der deutschen Krimi-Szene. Böse, schnoddrig und zynisch kam er daher und begeisterte Leser und Kritiker. Ein Protagonist wie Kemal Kayankaya, mit türkischen Wurzeln, Namen und Aussehen und dennoch durch und durch deutsch, lud natürlich zu beißendem Spott zum Thema Rassismus ein, was ein Markenzeichen von Arjounis Krimis werden sollte. Es folgte zwei Jahre später der zweite Krimi „Mehr Bier“, und mit dem dritten, „Ein Mann, ein Mord“, gewann der Autor 1992 den Deutschen Krimi-Preis. Nach einer langen Pause folgte der vierte „Kismet“ (2001), wieder mit einer gelungenen Mischung aus derbem Spott und Action.

„Bruder Kemal“ (2012)  ist nun der fünfte und definitiv letzte Kayankaya-Krimi, denn Jakob Arjouni verstarb am 17. Januar 2013 an Krebs. Man hätte ihm und seinem Helden sicherlich noch viele Jahre und Bände gegönnt. Doch was Serien angeht, ist eine seltene aber konstant gute Qualität der Abnutzung eines genialen Konzepts vorzuziehen. Jakob Arjouni hat das zu vermeiden gewusst und so bleibt sein Krimi-Werk einzigartig.

Dreiundfünfzig ist kein Alter, in dem man sich mit Zuhältern und Drogenhändlern durch üble Spelunken und Hurenhäuser des Frankfurter Bahnhofsviertels prügeln mag. So betreut Kemal Kayankaya nun eine elitärere Klientel, fährt Fahrrad und hat das Rauchen aufgegeben. Er wohnt mit seiner Frau, der ehemaligen Hure Deborah, die nun ein Weinlokal betreibt, im besseren Frankfurter Westend und denkt gar daran, eine Familie zu gründen. Oha, Kemal Kayankaya, was ist nur aus Dir geworden? Wenigstens hat sein Büro noch eine standesgemäße Adresse in der ihrem Namen wenig Ehre machenden Gutleutstraße hinter dem Bahnhof und das Trinken hat er lediglich auf ein beziehungsverträgliches Maß eingeschränkt.

Seine erste Auftraggeberin ist die wohlhabende Ehefrau eines niederländischen Künstlers, wohnhaft im beschaulichen Diplomatenviertel. Ihre sechzehnjährige Tochter ist mit einem Fotografen durchgebrannt, ein ‚Bekannter‘ ihrer Mutter. Kayankaya soll Marieke nach Hause bringen und den zwielichtigen Abakay möglichst aus dem Weg räumen. Nach diesem Besuch wartet vor dem Büro eine weitere Auftraggeberin, eine groß gewachsene Verlagsassistentin. Katja Lipschitz möchte den marokkanischen Autor Malik Rashid beschützen lassen, der auf der Buchmesse seinen Roman über einen homosexuellen Kommissar muslimischen Glaubens vorstellt. Angeblich sorgt das Buch mit dem Titel „Die Reise ans Ende der Tage“ für Aufruhr in der arabischen Welt, es soll bereits Morddrohungen geben.

»[..]sind Sie irgendwie religiös? « Ich schüttelte den Kopf. »Keine Religion, keine Sternzeichen, keine warmen Steine oder Glückszahlen. Wenn ich Halt brauche, nehme ich mir ein Bier. « [S. 46]

Ab und zu stellt Kemal Kayankaya klar, welche Art von Privatdetektiv und Mensch er ist und so sei angemerkt, dass man „Bruder Kemal“ durchaus als Einstieg in die Reihe lesen kann. Schnell wird klar, dass Arjounis Protagonist mit den Vorurteilen, die der Mensch einem bestimmten Aussehen und Auftreten, einer Kultur- oder Religionszugehörigkeit gegenüber hat, spielt. Dass er dem eine pragmatisch unvoreingenommene Sichtweise, Instinkt und Menschenkenntnis entgegensetzt. Was sich überaus amüsant liest, denn Arjounis Kunstfertigkeit, mit sprachlicher Finesse eine Pointe oder Erkenntnis auf den Punkt zu bringen, ist nach wie vor verblüffend. Damit  hält der Autor in „Bruder Kemal“ der Welt des schönen Scheins so wunderbar zynisch den Spiegel vor und enttarnt das gewöhnliche, manchmal schmutzige Dahinter.

Als Beispiel dienen Kayankayas Gespräche mit Valerie de Chavannes, der Bankierstochter, die dem Detektiv nicht nur ihr Schlangen-Tattoo oberhalb der Scham präsentiert. Kayankaya entlockt ihr mit scharfer Zunge ein langweiliges Leben, das sich seine Klientin mit zwielichtigen Bekanntschaften aufpeppt. Solchen, die die ehemalige Escortlady vielleicht an aufregendere Zeiten erinnern. Und welche Details der Beobachtungen Kayankayas auf der Frankfurter Buchmesse denen seines Erschaffers entsprechen, bleibt dessen Geheimnis. Mit beißendem Sarkasmus beschreibt Arjouni das immer gleiche ritualisierte Treiben auf der Buchmesse und persifliert die so aufgeblasene wie nichtssagende Rhetorik des Literatur-Business, mit der es gilt Aufmerksamkeit um jeden Preis zu erregen. Und sei es mit Hilfe eines arabisch aussehenden Leibwächters, der vorgeblich den Autor eines so „mutigen Werks“ beschützen muss.

Wem das jetzt alles zu soziokulturell oder literarisch klingt, der sollte sich nicht abschrecken lassen. Denn es gilt auch noch Verbrechen aufzuklären und den Hintern des Helden vom Grill zu ziehen. Eine Auszeichnung für Gesetzestreue und political correctness steht Kayankaya auch in „Bruder Kemal“ nicht zu. Denn nachdem dieser das erschreckend junge ‚Angebot‘ eines Zuhälters in Augenschein genommen hat, versucht er diesem den Mord an einem seiner Kunden anzuhängen – und gerät selbst in Verdacht, der Killer zu sein. Kayankaya muss also den wahren Mörder finden.

Der vermeintlich einfache, weil zu Publicity Zwecken erteilte Auftrag des Personenschutzes entgleitet dem Detektiv trotz sorgfältiger Vorkehrungen. Und so kommt der Privatschnüffler in eigener Sache moslemischen Geistlichen mit weltlichen Interessen wie Drogenhandel in die Quere. Schließlich landet Kayankaya genau dort, wo er siebenundzwanzig Jahre zuvor angefangen hat, blutend in der eigenen Kotze mit Whitney Housten als Hintergrundmusik. Manche Dinge ändern sich eben nie.

Jakob Arjouni hat in seinem leider letzten Krimi mit dem Frankfurter Philip Marlowe Pendant Kemal Kayankaya alles richtig gemacht, indem er ihn in Würde altern und dennoch sich selbst treu bleiben ließ. Und so überzeugt „Bruder Kemal“ wieder einerseits durch Glaubwürdigkeit und Nähe zum Zeitgeschehen, aber auch durch den gewohnten Mix aus Milieustudie, Großstadtkrimi-Spannung und unbarmherzigem, manchmal absurdem Humor.

Cover © Diogenes Verlag

  • Autor: Jakob Arjouni
  • Titel: Bruder Kemal
  • Teil/Band der Reihe:
    Kayankayas fünfter Fall
  • Verlag: Diogenes
  • Erschienen: September 2012
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 240
  • ISBN: 978-3257068290
  • Sonstige Informationen:
    Erwerbsmöglichkeit beim Verlag

Wertung: 13/15 dpt

 


Über den Autor

Eva Bergschneider


Evas Nerd-Schreibtisch

Ich bin gebürtige Ostwestfälin und seit über 20 Jahren Wahlkölnerin. Verdiene mein täglich Brot im Labor eines Biotechnologie-Unternehmens, bin verheiratet und Mutter einer erwachsenen Tochter. Mich begeistern Kino, Musik, Sport und Internet, vor allem aber BÜCHER. Ich lese viele Phantastik- und Kriminalromane, halte aber eigentlich nicht viel von Genre-Einteilungen und bin in Bezug auf Literatur offen für (fast) alles. 

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Jakob Arjouni – Bruder Kemal (Buch)

von Eva Bergschneider Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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