Nick Harkaway – Der goldene Schwarm (Buch)

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Nick Harkaway - Der goldene Schwarm - Cover © Knaus Verlag„Der Goldene Schwarm“ ist nach „Die gelöschte Welt“ Nick Harkaways zweite Romanveröffentlichung. Der Autor schlägt thematisch eine etwas andere Richtung ein, bleibt jedoch seiner schrägen Art, mit der er phantastische Geschichten schreibt, absolut treu. Einerseits eifert Harkaway, der mit bürgerlichem Namen Nicholas Cornwell heißt, seinem berühmten Vater, dem Schriftsteller John Le Carré nach, dem wir Spionageromane wie „Der Spion, der aus der Kälte kam“ verdanken. Andererseits parodiert Nick Harkaway dieses ‚in die Fußstapfen des Vaters treten‘. Der Leser merkt schnell, dass er mit „Der Goldene Schwarm“ einen widersprüchlichen Roman in Händen hält. Ein Zitat aus dem englischen Original „Angelmaker“ (dessen deutsche Übersetzung die Verfasserin trotz ausgiebiger Suche nicht finden konnte) beschreibt perfekt die Ambivalenz dieser verrückten Geschichte.

Wie aus einem Uhrmacher ein Gauner und aus einer alten Lady eine Superspionin wird

Joshua Joseph Spork ist nicht gerade stolz darauf, dass sein Vater Mathew Spork einst einer der gefürchtetsten Gauner Londons war. Deswegen hat er das Antiquitätengeschäft für mechanische Gerätschaften und Uhren von seinem Großvater Daniel übernommen. Joe restauriert die verschiedenartigsten Uhrwerke und Automaten und lebt in seiner Werkstatt im Hafenviertel Londons ein friedliches Leben. Bis zwei Herren, der eine dick der andere dünn, aufkreuzen  und des Großvaters Sortiment kaufen wollen. Diesem seltsamen Besuch folgt ein noch seltsamerer, ein komplett verschleierter Mann sucht „Das Buch der Hakote“.

Jenes Buch hat Billy Friend seinem Freund Joe übergeben, es ist Bestandteil einer äußerst komplexen Apparatur. Mit dem Eremiten Ted Sholt komplettiert Joe dieses filigran gebaute Wunderwerk und nach dessen Aktivierung fliegen Schwärme von mechanischen Bienen in die Welt hinaus. Ein Ereignis, das Billy Friends Leben kosten, Joes komplett auf den Kopf stellen und die Menschheit an die Schwelle des Untergangs bringen wird.

Edie Banister glaubt felsenfest daran, dass der Anschauungsapparat, der der Welt die absolute Wahrheit bringt, Gutes bewirkt. Doch sie weiß auch, dass ihr alter Erzfeind aus den Tagen ihrer Laufbahn als weiblicher James Bond einst hinter dem Apparat her war, wie der Teufel hinter der armen Seele und wenig Gutes damit im Sinn hatte. Doch kann Shem Shem Tsien, immerhin älter als die neunzigjährige Edie, noch auf Erden weilen? Oder streben die Ruskiniten, einst ein edler Kämpferorden im Dienste der Krone, nun eine Herrschaft des Bösen an? Edies Plan für eine Revolution wächst zu einer monströsen Katastrophe heran, die Joe ausbaden muss. Was bleibt dem schon anderes übrig, als Mittel und Personal seines legendären Vaters zu reaktivieren?

Wie man einen historischen Agenten-Thriller mit einer Steampunk-Präapokalypse kreuzt

„Der Goldene Schwarm“ von Nick Harkaway erzählt eine hochgradig spannende, düstere, dramatische, komische, bizarre und zugleich rührende Geschichte. Das mag jetzt so klingen, als sei dieser Roman mit allerlei Genre- und Stilelementen überfrachtetes und somit kaum lesbar. Doch vielmehr hat der Autor einen Erzählstil etabliert, mit dem der Leser sich in seinem kleinen Absurditätenkabinett heimisch fühlt.

Zunächst wird die Geschichte aus zwei Perspektiven erzählt, abwechselnd aus der des Protagonisten Joe Spork und der hochbetagten Edie Banister. Beide Erzähler unternehmen in Rückblenden ausführliche Streifzüge in die Vergangenheit. Während Joe den Lebensweg seines berühmt berüchtigten Vaters vorstellt, berichtet Edie von ihrer Laufbahn als Agentin des Empires zur Zeit des zweiten Weltkriegs. Und enthüllt nach und nach die Ursprünge der drohenden Katastrophe.

Beiden Akteuren stellt der Autor zahlreiche Mitstreiter zur Seite und Gegner entgegen, jeder einzelne von ihnen gnadenlos klischeehaft überzeichnet. Joe Spark kontaktiert den ehemaligen Anwalt seines Vaters Mercer Cradle von der Kanzlei Noblewhite Cradle, als nach dem Tod seines Freunds Billy Friend die Dinge außer Kontrolle geraten. Ein Typ der genauso schmierig und aalglatt auftritt, wie man einen Anwalt in einer Satire darstellen würde. Mercer Cradle ist nur einer von vielen Sympathen, da er stets für markante Dialoge gut ist. Pfiffig auch des Anwalts Tochter Polly, die mit Joe ein Verhältnis anfängt und auf sehr innovative Mittel zurückgreift, um den perfekten Orgasmus zu zelebrieren.

Edies hat die meisten ihrer Mitstreiter überlebt. Retrospektiv erzählt sie von ihrer Geliebten, der genialen Erfinderin Frankie Fossoyeur, die nicht nur den Anschauungsapparat entwickelte, sondern ein ganzes U-Boot einzufrieren vermochte, damit es dem Druck standhielt, als es gen Meeresgrund sank. In der Gegenwart wird Edie von dem blinden Boxer Bastion begleitet, der mit zwei rosa Murmeln in den Augenhöhlen und einem einzigen verbliebenen Zahn unerwarteten Schaden anzurichten vermag.

Der Oberbösewicht gleicht dem Superschurken aus einem Marvel-Comic. Der Opiumbaron Shem Shem Tsien herrschte Ende der 1930er Jahre über ein kleines Land an der Grenze zu Indien, nachdem er alle Anwärter auf den Thron aus seiner Familie umgebracht hatte. Der größenwahnsinnige und gebildete Tyrann kidnappte Fossoyeur, um jene Maschine zu bauen, die ihm zum Gott machen würde.

Zahlreiche weitere mehr oder minder absonderliche Figuren komplettieren ein Ensemble, das einer grotesken Gangster-Persiflage entsprungen sein könnte. Dass die Figuren stereotyp in Szene gesetzt werden, bedeutet nicht, dass es ihnen an charakterlicher Tiefe fehlt. Der Autor nimmt sich Zeit für zahlreiche Anekdoten, die überraschende Details zutage fördern und wie eingeschobene Kabinettstückchen bestens unterhalten.

Neben einer Vielzahl skurriler Figuren, stellt der Autor allerlei technische Phänomene und  Wunderwerke vor. Mit der dampfbetriebenen „Lovelace“ (benannt nach der genialen Mathematikerin und Erfinderin einer Analytical Engine Ada Lovelace) saust eine Eisenbahn durch England, der an die Schlepptenderlok  „Wanderer“ aus dem Film „Wild Wild West“ erinnert, während das Unterseeboot der Ruskiniten, die „Cuparah“ etwas von Jules Vernes „Nautilus“ hat. Es scheint, als habe Nick Harkaway jeden Namen, jeden Ort mit Bedacht ausgewählt, da sie jeweils eigene Geschichten mitbringen und den Roman mit einer Fülle von kulturellen und historischen Kontexten spicken.

Wie ein schräger Schreibstil der drohenden Apokalypse ein heiteres Antlitz verleiht
 
Ein Markenzeichen dieses Romans ist Harkaways schräger englischer Humor und ein zeitweise parodistischer Schreibstil. Für den Übersetzer André Mumot dürfte es eine Herausforderung gewesen sein, die sprachlichen Spitzfindigkeiten ins Deutsche zu übertragen, was ihm allerdings bravourös gelungen ist. Das beginnt schon auf den ersten Seiten, als Joe die Geschichte seiner karierten Golfsocken erzählt, welche sein Vater von einem LKW aus St. Andrews geraubt hat. Und hört noch lange nicht auf mit der überschwänglichen Begrüßung des Gaunerkomplizen Hon Don:

Hier schwingt ein Hauch von Monty Python mit.

Der Roman nimmt die Vater-Sohn Beziehung aufs Korn. So wie Joe dann doch seinem Gangster-Vater Mathew nacheifert, so schreibt der Sohn des Schriftstellers Le Carré auch eine Art Spionageroman. Viele Romane des Vaters zeichnet ebenfalls ein hintergründiger Humor aus. Doch Nick Harkaway hat in „Der Goldene Schwarm“ ein Quantum Exzentrik draufgelegt, sowohl was die Story angeht, als auch die Weise, sie in Worte zu fassen. Nick Harkaway wurde die Fabulierfreude mit in die Wiege gelegt. Und mit dieser Gabe macht er sein ganz eigenes Ding, das zu lesen einfach ein Genuss ist.

Cover © Knaus Verlag

Wertung: 14/15 dpt


Über den Autor

Eva Bergschneider


Evas Nerd-Schreibtisch

Ich bin gebürtige Ostwestfälin und seit über 20 Jahren Wahlkölnerin. Verdiene mein täglich Brot im Labor eines Biotechnologie-Unternehmens, bin verheiratet und Mutter einer erwachsenen Tochter. Mich begeistern Kino, Musik, Sport und Internet, vor allem aber BÜCHER. Ich lese viele Phantastik- und Kriminalromane, halte aber eigentlich nicht viel von Genre-Einteilungen und bin in Bezug auf Literatur offen für (fast) alles. 

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von Eva Bergschneider Artikel-Lesezeit: ca. 5 min
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