George Moore – Albert Nobbs (Novelle)

Mit der 1918 erstmals erschienenen Novelle „Albert Nobbs“ des irischen Schriftstellers George Moore hat der Bielefelder Pendragon Verlag erneut einen Klassiker in sein Programm aufgenommen.

Der aus verarmten Verhältnissen stammende Albert Nobbs arbeitet als Kellner in einem renommierten Dubliner Hotel und genießt das Ansehen von Kundschaft und Hotelleitung. Seine gesellschaftliche Position verdankt er harter Arbeit und seinem gewissenhaften Ruf. Doch Albert hütet ein Geheimnis, dessen Entdeckung seine Existenz gefährden kann: Er ist in Wahrheit eine Frau. Moore lüftet dieses Geheimnis gleich zu Beginn seiner Erzählung, um uns an den Seelennöten seiner Titelfigur in vollem Umfang teilhaben zu lassen.

Alberts Biografie offenbart eine furchtbare Ungerechtigkeit. Frauen waren im Erwerbsleben bis in die 1970-er Jahre hinein offiziell deutlich benachteiligt. Sie verdienten weitaus weniger und manche Berufe waren ihnen auch grundsätzlich untersagt. Das Risiko in Armut zu enden war also für eine ledige Frau absolut real. Gleichzeitig war es unvorstellbar, dass eine Person die Rolle des anderen Geschlechtes annahm. Dies wäre als „moralische“ Verfehlung juristisch geahndet worden.

Albert Nobbs ist aus einer Notlage heraus in ihr bzw. sein Doppelleben gerutscht. Das Lebensgeheimnis wird zur Belastung. Albert fühlt sich nicht als Mann, sie ist weder homo- noch transsexuell, doch tiefere Beziehungen zu anderen Menschen will sie aus Furcht vor Entdeckung nicht eingehen. Moore entwirft mit Albert Nobbs einen einsamen, zunehmend verzweifelter werdenden Charakter. Die Bemühungen, eine selbständige wirtschaftliche Existenz zu errichten (Albert träumt davon einen Tabakladen zu kaufen) wofür er glaubt, eine Ehe mit einer Frau eingehen zu müssen, wirken naiv-komisch und tragisch zugleich.

Obwohl die Story von Albert Nobbs frei erfunden ist, gibt es Beispiele für weibliche Biografien, die einen solchen Rollentausch erfolgreich betrieben. Albert Nobbs repräsentiert also eine durchaus reale Situation, die Moore in seiner Novelle sozialkritisch abbildet.

Der irische Autor gilt als einer der prägenden Naturalisten seiner Generation. Nicht nur mit dieser Novelle liefert er dafür einen anschaulichen Beleg. Moore zeichnet das gesellschaftliche Gefüge seiner Zeit sehr authentisch nach, welches von einem starken Gefälle geprägt war, in dem die Frauen die schlechtesten Chancen besaßen. In seinen Werken stellte er häufig Frauenschicksale seiner Zeit in den Mittelpunkt.

Seine Figuren sind realistisch gezeichnet. Durch den großzügigen Einsatz wörtlicher Rede lässt Moore sie ausführlich selbst zu Wort kommen.

Aus moderner Sicht mögen uns die Versuche der Protaginistin, sich aus ihrer Lebenslüge zu befreien und eine Partnerschaft einzugehen, extrem naiv erscheinen. Albert Nobbs wirkt dadurch nicht unbedingt klug auf uns. Aber auch das ist dem Realismus geschuldet, den die Novelle auszeichnet. Moore idealisiert nichts und niemanden. Keiner – auch nicht die titelgebende Hauptfigur –zeichnet sich durch besondere Eigenschaften aus. Der Autor zeigt uns völlig durchschnittliche Personen, die alle hart arbeiten und kaum eine Chance auf bessere Lebensumstände erhalten, da es in ihrem von Armut bedrohten Milieu weder soziale Gerechtigkeit noch Netze gibt.

Und auch wenn Albert Nobbs nach moderner Lesart ungeschickt zu agieren scheint, so werden der innere Konfllikt ebenso wie die existentielle Notlage durch Moore durchaus sichtbar gemacht. Ein Konflikt, den die Außenwelt verschuldet durch Gesetze und gesellschaftlich-tradierte Regeln, die Frauen grundsätzlich benachteiligen. 

Moores Erzählstil ist der des Neunzehnten Jahrhunderts: etwas altmodisch, ein wenig repetitiv und überholt empfundene Klischees reproduzierend. Aber der gradlinig aufgebaute Plot, das atmosphärisch stimmige Setting und das vielschichtige Personal erzeugen Spannung, Tiefe und Glaubwürdigkeit. Albert Nobbs ist ein Klassiker im besten Sinne, der Zeitgeist atmet und mit seiner Ausgangsidee etwas Zeitloses transportiert.

Dass die Story auch heute noch gut funktionniert, belegt die oscarnominierte Verfilmung aus dem Jahr 2011 mit Glenn Close in der Hauptrolle. Die Übersetzung zu dieser Veröffentlichung lieferte Stefan Weidle, der mit einem „Nachwort aus der Übersetzerwerkstatt“ die vorliegende Novelle und das Werk Moores kurz in einen literaturwissenschaftlichen Kontext einordnet.

  • Autor: George Moore
  • Titel: Albert Nobbs
  • Originaltitel: Albert Nobbs
  • Übersetzer: Stefan Weidle
  • Verlag: Pendragon
  • Erschienen: 7. September 2026
  • Einband: Gebundene Ausgabe
  • Seiten: 168 Seiten
  • ISBN: 978-3865329677

Wertung: 11/15 dpt

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