Bissige Tragikömodie mit Herz

Das routinierte Leben des Rentners Walter Schmidt gerät aus den Fugen als seine Frau Barbara eines Morgen krank im Bett liegen bleibt. Ohne die haushälterischen Fähigkeiten seiner Frau ist der Chauvinist alter Schule, der sich noch nicht einmal Kaffee kochen kann, völlig aufgeschmissen. Der neue Alltag, dem er sich nun stellen muss, wird für den Mann zur echten Prüfung.

Bronsky inszeniert die plötzliche Hilflosigkeit ihres Protagonisten zunächst mit viel Situationskomik. Dabei erfüllt Schmidt wirklich par excellence das Bild des deutschen Spießers. Kein Klischee wird anfangs ausgelassen: der deutsche Schäferhund namens Helmut, der zur Tugend stilisierte Geiz, die Abneigung gegen alles was ausländisch ist etc. Bronsky macht es uns leicht, über den grantelnden Unsympath Walter zu lachen.

Doch Walter gibt sich nicht geschlagen. Er nimmt die Herausforderung an und ein Wandlungsprozess beginnt, in dessen Verlauf man ihn besser kennenlernt.

Es ist eine der großen Qualitäten von Alina Bronsky, Protagonisten in den Mittelpunkt ihrer Romane zu stellen, die weit davon entfernt sind als Sympathieträger durchzugehen, und diesen Charakteren dann so viel Tiefe und Menschlichkeit zu verleihen, dass sie am Ende sogar Empathie wecken.

Mit Walter Schmidt präsentiert uns Bronsky einen Mann, der zum Opfer seines eigenen festgefahrenen Weltbildes wird. In seiner Ehe ist er ein Tyrann, die erwachsenen Kinder hat er längst vergrault. Sein Selbstverständnis basiert auf überholten Gewohnheiten. Wahrheiten, die in seinem System keinen Platz haben, verdrängt er. Zwischenmenschliches ist ihm suspekt und so hält er alle auf Distanz. Dabei verliert er jeglichen emotionalen Anschluss. Er wundert sich zwar darüber, dass ihn Sohn Sebastian so oft vorwurfsvoll anblickt, aber nie käme er auf die Idee, sich für die eigenen Kinder zu interessieren. Er weiß weder, dass der Sohn frisch getrennt lebt noch dass die Tochter homosexuell ist. Und ebenso wenig erkennt er die tödliche Krankheit seiner Frau.

Sukzessive enthüllt Bronsky die Lebensgeschichte ihres Helden. Dabei kommt sie glücklicherweise nie in Versuchung, Walter frei zu sprechen. Sie benennt Ursachen, ohne aber seine Fehler zu entschuldigen. Sie weckt Verständnis, aber das Verzeihen überlässt sie anderen.

Die anfängliche Witzfigur verwandelt sich im Laufe des Romans zum einsamen Protagonisten mit selbst verschuldetem tragischem Hintergrund.

Trotz allem liegt ein zaghafter Optimismus über dem gesamten Roman. Die Wandlung Walters, die Bronsky sehr behutsam geschehen lässt, erscheint authentisch.

Konsequenterweise ist das Ende des Romans offen. Walter stellt sich der größten Schuld seines Lebens und erhält dadurch eine neue Chance.

 

  • Autorin: Alina Bronsky
  • Titel: Barbara stirbt nicht
  • Verlag:  Kiepenheuer&Witsch
  • Umfang: 256 Seiten
  • Einband: Gebundene Ausgabe
  • Erschienen: September 2021
  • ISBN: 978-3462000726


Wertung: 12/15 dpt


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