Ferdinand Führer und Roland van Oystern – Ein Tag Hagel und immer was zu essen da (Buch)

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Führer/van Oystern - Ein Tag Hagel... Cover © Ventil Verlag„Ein Tag Hagel und immer was zu essen da“ hat alles außer einem Tag Hagel. Zu essen ist eigentlich immer etwas da, obwohl die kulinarischen Diskussionen Tim Mälzer in seinen schlimmsten Alpträumen verfolgen würden: „Würdest du sagen, das Salz ist das Parmesan der Veganer?“ – Was danach leider nicht weiter untersucht wird, aber dem Rezensenten die wunderbare Chance gegeben hat, nochmal im Register „Salz“ nachzuschauen. Das ist übrigens kein Kochbuch. Das ist Zen. Tiefsinnige Sinnlosigkeiten. Unergründliche Weisheiten, wie in Stein gehauen. Überhaupt viel Unergründliches, das sich in einer eigenartigen Welt fügt. Ein Beispiel:

»Zwei Männer, zwei Gabeln, das könnte passen, die lasse ich da besser mal liegen.« (S. 21)

Ferdinand Führer und Roland van Oystern sind auf dem Weg nach Alma Vii, wo sie achtzig Tage lang Tagebuch übereinander führen wollen. Sie sind mit dem Auto unterwegs, für das sie zwei Schlüssel haben: Einen für das Zündschloss, einen für die Außentüren. Letzterer ist ein Schlitzschraubenzieher, den die beiden nicht mehr wiederfinden, als sie in Győr (Ungarn) ankommen. Ein perfekter Moment, die Gabeln im Handschuhfach ihrer eigentlichen Bestimmung zuzuführen. Die beiden begegnen ihrer Umwelt auf ähnliche Weise: Man weiß nicht, was das soll, aber es wird nicht schlecht sein – und irgendwie wird man zueinander finden. Eine Gelassenheit, die nicht nur in der Literatur selten ist. Dass man etwas nicht tun sollte, wenn man es nicht begründen kann, ist eine dumme Weisheit: Ferdinand Führer und Roland van Oystern zeigen, dass das Leben auf der anderen Seite der Vernunft zwar nicht immer ein schönes ist (kalte Füße, nasse Socken). Aber es ist ein gutes Leben; und es ist auch gut, sich für die Weile eines Buches dort hineinzufinden. Das ist wichtig.

Nicht, dass man das Buch auf eine großartige und kritische Weise liest und nachher denkt, man hätte die Welt besser verstanden. Sondern, dass man sich hinein verirrt, nicht weiß, weshalb man dort ist oder was man jetzt tun soll. Dass man hier die Augen offen hält, weil etwas Neues passiert – und wenn man nur den Eierautomaten am Ende der Straße entdeckt. Das ist neu; und das Neue macht vielen Leuten Angst, weil es nicht berechenbar ist, sich der Kontrolle entzieht. Das Neue ist deshalb aber nicht schlechter als irgendetwas – bei Führer/Oystern ist das Neue auch ein befürchteter Bär in einem Wald und ein Adler auf der Motorhaube. Irgendwas halt. Nichts Schlechtes und nichts Gutes jedenfalls. Das ist wichtig, und es muss nicht begründet werden. Es darf nicht begründet werden.

Man kann jetzt Beliebigkeit, Kontextlosigkeit, den Fall, dass man den täglichen Manipulationen auf den Leim geht, wittern. Nur: Diese zwei Typen können gar nicht manipuliert werden; Manipulation setzt Funktionalität voraus. Und in Alma Vii kämpft man noch alle paar Stunden mit Ofen und Autobatterie. Nicht, weil das so sein müsste. Sondern weil das so ist und man auch nicht das Geld hat, sich etwas anderes zu kaufen. Man könnte durchaus verbittert werden, wenn man eine der eingeschobenen fiktiven Geschichten liest, wie etwa „Das wahre Märchen vom Zwiebelmann“. Es geht dabei um einen Betreiber eines Dönerladens, der sehr viel arbeitet, weshalb ihm Frau und Kind abhanden kommen – und dessen Laden trotzdem Pleite geht, schlicht, weil er nichts als Zwiebeln in den Döner tut, der Laden versifft und der Pizzateig zäh ist. Dass es einfach zu erklären ist, ist schwer.

Oder der mehrmals wiedergegebene rumänische Witz, dass es in Rumänien keinen Terrorismus gebe, weil die Rumänen sich schon selbst zerstören würden. Das wird hingenommen und wiedergegeben, aber in „Ein Tag Hagel …“ geht es vielmehr darum, sich in der großen Sinnlosigkeit zu begegnen – und zu merken, dass Erwartungslosigkeit mit Offenheit gleichbedeutend ist. „Das wahre Märchen vom Zwiebelmann“ endet damit, dass Ferdinand Führer ihm alles Gute wünscht, nachdem dieser trotz miesen Essens bis zum endgültigen Ladenschluss bei ihm gegessen hat. Man ist hier nicht bei Rach, der Restaurantretter. Das ist auch kein Bittschreiben an die EU, Rumänien mehr zu fördern – das mag alles parallel geschehen, aber hier geht es darum, die Eigenlogik der Dinge erst einmal zu beobachten, egal, wie irritierend das sein mag. Ganz im Gegenteil: Gerade, dass es so irritierend ist, macht den sympathisch zurückhaltenden, lakonisch abstrusen Witz aus, den dieses wichtige und spaßige Buch ausmacht. Nicht nur für angehende Zen-Philosoph*innen.

Cover © Ventil-Verlag

Hinweis: Roland van Oystern ist auch Mitglied der booknerds.de-Redaktion – daher ist diese Rezension natürlich noch mehr als sonst als persönlicher Eindruck zu werten und steht damit außer Konkurrenz. Und natürlich liegt es einem Großteil der Redaktion am Herzen, dass das Buch nicht unbeachtet bleibt.  (Anm. v. C. Popp)

Wertung: 13/15 dpt

  • Autor: Ferdinand Führer und Roland van Oystern
  • Titel: Ein Tag Hagel und immer was zu essen da.
  • Verlag: Ventil-Verlag
  • Erschienen: 03/2016
  • Einband: Paperback
  • Seiten: 165
  • ISBN:b978-3-931555-056-5
  • Sonstige Informationen:
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Über den Autor

Tim König


Studiere im Lehramtsmaster Deutsch und Philosophie/Ethik an der Humboldt-Universität Berlin. Mit Freundinnen und Freunden gebe ich die anwesenheitsnotiz heraus, die an der Freien Universität Berlin angesiedelt ist, an der ich meinen Bachelor gemacht habe. Obwohl ich einen Großteil meiner Zeit in hinter Büchern, in Klassenräumen oder vor der Filmleinwand verbringe, habe ich nach wie vor die ein oder andere Liaison mit Film/Comic/Videospiel/Kunstaustellung/Musik. Vor allem Musik, mit einer besonderen Vorliebe für Avantgardistisches, auch in Gestalt von Pop.

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Ferdinand Führer und Roland van Oystern –…

von Tim König Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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