Dieter Thomä – Puer robustus (Buch)

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Dieter Thomä - Puer robustus (Cover © Suhrkamp)Dieses Buch ‚Puer robustus‘ von Dieter Thomä ist an dem Rezensenten in seiner ursprünglichen Inkarnation als gebundenes Buch wenn nicht vorübergegangen, so doch von ihm sträflichst ignoriert worden. Dass dies wirklich sträflich war, erkannte er schon bald, da dessen Autor Dieter Thomä danach in einigen Interview und Podcasts auftauchte und dabei sehr sehr kluge, weitsichtige und relevante Dinge über die Gegenwart von sich gab – unter Rückbezug auf eben jenes Buch, das mit seinem Titel spontan auf den Elfenbeinturm verwies.

Puer robustus also. Der kräftige Knabe, wie wir alten Humanisten dies übersetzen würden. Jedoch geht es dabei nicht um die Physiognomie, zumindest nicht in erster Linie, sondern um ein Phänomen, eine Gestalt, die als Störenfried, Unruhestifter, Unhold oder Schreckbild immer wieder ihren Auftritt in Literatur und Philosophie hat. Denken wir an Wilhelm Tell von Friedrich Schiller. Autoren wie Victor Hugo, Diderot oder auch Karl Marx, Sigmund Freund oder Carl Schmitt haben sich dieser Figur ebenfalls bedient.

Der Störenfried, den Thomä auf Hobbes zurückführt, ist ein chronischer Regelbrecher, der die Macht und die jeweils herrschende politische und gesellschaftliche Ordnung mit seinem Verhalten, seinen Schriften, seinen Handlungen herausfordert, reizt und am Ende womöglich stärkt. Für Dieter Thomä ist diese Figur gar der „Dreh- und Angelpunkt der politischen Philosophie“. Produktiv, am Ende nicht destruktiv, agiert der puer robustus und fordert bestehende Ordnungen und Rahmenbedingungen heraus.

Damit legt er Schwachstellen offen, mischt bestehende Ordnungen auf und ist mit seinen Handlungen und Ideen aber auch an einer Verbesserung selbiger interessiert. Es geht dem Störenfried also keinesfalls darum, Ordnungen zu zerstören, sondern diese bestensfalls zu modifizieren und zu verbessern. Er will sich nicht dauerhaft außerhalb des bestehenden Status quos platzieren, sondern sich re-integriert wissen. Der puer robustus ist nach Thomä daher eine klassische „Kippfigur“, deren Karriere vom Unruhestifter zum Heldenstatus führen kann. Es wundert daher kaum, dass Thomä  seinen robusten Jungen normativ eher positiv besetzt sieht. Er geht sogar einen Schritt weiter, in dem er ihn als unabdingbar für das Überleben politischer Systeme, insbesondere freiheitlich demokratischer Ordnungen ansieht. Der puer robustus als progressive Figur, die die Demokratie vor Langeweile, Verkrustungen und allzu selbstzufriedener Harmonie schützt und wehrhaft macht.

Dieser positiven Figur gegenüber stellt er die dekonstruktivistische Rollenverständnisse all jener, die sich selbst dauerhaft außerhalb geltender Normen, Ordnungen und Überzeugungen sehen – und diese mit größtmöglicher Gewalt und Vehemenz abzuschaffen gedenken. Gleichwohl sind diese „massiven Störenfriede“ in höchstem Maße an einem Aufbau neuer Ordnungen, dann aber ausschließender, repressiver Ordnungen interessiert. Ihnen gehe die Offenheit, die Integrationsfähigkeit der positiv besetzten Störenfriede ab.

Dieter Thomä gelingt auf über 700 Seiten durchaus so etwas wie eine atemberaubende philosophische Abenteuergeschichte. Thomä zieht nicht nur alle Register klassischer akademischer Abhandlungsprosa – die finden wie natürlich in Form beredter Gelehrtheit, verschwurbelter Sätze, Abschweifungen – aber er kann auch erzählen. Seinen Stoff hat er dramaturgisch exzellent aufbereitet, mit erzählerischen Phrasen angereichert und bringt auch sich als Verfasser dieser Abhandlung mit poetologischen Überlegungen ein.

Thomä liefert nicht nur eines von sicherlich vielen möglichen Modellen, so manche Diskussion und Disktutanten, Lautsprecher und Meinungs“führer“ einzuordnen. Er zeigt vor allem aber auch, dass wir, wollen wir in unserer freiheitlich demokratischen Grundordnung weiterleben, diese – konstruktiven! – Störenfriede brauchen, um unsere Demokratie lebendig, agil und „wehrhaft“ zu halten. Diese gilt es zu identifizieren, um sich genau diesen Diskussionen zu stellen, anstatt desintegrativen Parolen auf dem Leim zu gehen und in selbigem stecken zu bleiben. In diesem Sinne lässt sich das auch der Taschenbuch-Ausgabe beigefügte Nachwort über Donald Trump lesen.

So entsteht ein süffig zu lesendes Philosophie-Abenteuer, das den kulturgeschichtlichen und gesellschaftstheroretischen Horizont des Rezensenten zu kleineren Teilen reaktiviert, zu viel größeren Teilen immens erweitert hat. Dieter Thomä ist mit seinem puer robustus ein großer lehrreicher, erzählerisch interessanter und relevanter Wurf gelungen!

Cover © Suhrkamp

  • Autor: Dieter Thomä
  • Titel: Puer robustus. Eine Philosophie des Störenfrieds. Mit einem neuen Nachwort zu Donald Trump
  • Verlag: Suhrkamp
  • Erschienen: 07/2019
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 738 Seiten 
  • ISBN: 978-3-518-29875-6 
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite 

    Wertung: 13/15 

Über den Autor

Dominik Nuese-Lorenz


Dominiks Nerd-Schreibtisch

Als gebürtiger Freiburger und aufgewachsener Rheinländer bin ich inzwischen seit doch einigen Jahren im Dreieck Bamberg-Bayreuth-Nürnberg gelandet. Nach fast zehn Jahren als Pressepsprecher eines Kinder- und Jugendbuchverlages kam 2012 die Zeit, in der ich meine angedache Doktorarbeit endlich realisieren wollte und beschäftige mich daher gerade mit – grob gesagt – Postnationalen Entwürfen der deutschen Gegenwartsliteratur.

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Dieter Thomä – Puer robustus (Buch)

von Dominik Nuese-Lorenz Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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