Franz Hohler – Das Päckchen, das zu tragen Spaß macht

Nein, dieses Buch passt so irgendwie gar nicht in diese Zeit. Es ist so leise, so unaufgeregt, beinahe ein wenig bieder, um nicht zu sagen: klassisch erzählt. Vielleicht liegt es an der Schweiz, in der ein Großteil der Handlung spielt, vielleicht färbt der Beruf des Protagonisten, seines Zeichens Bibliothekar, ab? Oder ist es der deus ex machina, der gleich zu Beginn des Romans dergestalt eingreift, dass Ernst Stricker einen Anruf in einer öffentlichen Telefonzelle annimmt. Am anderen Ende befindet sich Adele Schäfer, die versehentlich diese Nummer gewählt hat und nicht erkennt, dass ein Fremder ihren Anruf entgegennimmt, den sie nun bittet, das Päckchen bei ihr abzuholen. Anstatt die Gelegenheit nun wirklich aufzuklären oder einfach zu ignorieren und heimzufahren, begibt sich Ernst auf den Weg zu Adele Schäfer und nimmt Lügen in Kauf nehmend das Päckchen entgegen, bringt es heim – und belügt dabei auch seine Frau.

Zugegeben: Hanebüchen wirkt die Exposition schon. Doch wie Franz Hohler aus dieser unerhörten Begebenheit mit einem lupenreinen Dingsymbol nicht nur einen Roman nach Art einer Novelle konstruiert, sondern diese Gegenwartshandlung um Ernst Stricker und seine Frau Jacqueline mit der im achten Jahrhundert spielenden Geschichte des jungen Mönchs und Arbogans-Kopisten Haimo und seiner Freundin Maria.

Hohler spielt wieder und wieder mit den Erwartungen seiner Leser. Sein Spiel mit literarische Motiven und Formen sorgt dafür, dass den Leser Vorahnungen beschleichen. Und dennoch gelingt es Hohler, diese gekonnt zu durchkreuzen. Aber keine Angst, so hanebüchen wie zu Beginn wird es nicht mehr.
Eleganz und Sprachwitz kennzeichnen Hohlers Stil schon seit vielen Jahrzehnten und prägen auch ‚Das Päckchen‘. Das ist keine moderne Literatur, literarische Experimente vollziehen sich vielleicht auf einer äußerst subtilen literaturwissenschaftlichen Ebene. Und dennoch baut der Roman eine innere Spannung auf, die sich bis zum Schluss hält.

Der Nukleus selbiger befindet sich dabei weniger im Fadenkreuz der Handlungsstränge, sondern in den Beziehungsgeflechten zwischen Ernst und Jacqueline sowie Haimo und Maria. Sollte noch jemand sagen, Robert Menasses Haupterrungenschaft seines Romans ‚Die Hauptstadt‘ sei, dass die EU als veritabler Gegenstand eines Romans tauge, der möge nun in Anbetracht von ‚Das Päckchen‘ exklamieren, dass auch die Beziehung zwischen Bibliothekaren abendfüllend unterhaltend und knisternd spannend sein kann. Das ist es tatsächlich – und verbunden mit der ausgesprochenen Eleganz des Hohlerschen Sprachwitzes und seiner Fabulierfreude schafft es diese eigentlich aus der Zeit gefallene Werk in die Riege ernstzunehmender Empfehlungen und dringlicher Lesebefehle.

Cover © Luchterhand Literaturverlag

Wertung: 12/15 dpt


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