Martin Michaud – Durch die Tore des Todes

Wendungsreicher Plot mit unglaublicher Gewaltspirale

Durch die Tore des Todes
© Hoffmann und Campe

Sergeant-Détective Victor Lessard wird von seinen Kollegen mit einer spontanen Geburtstagsfeier überrascht. Doch die Freude währt nur kurz, denn ein menschlicher Schädel wurde in einer Abfalltonne gefunden. Nicht irgendein enthaupteter Kopf, sondern der von Commandant Tanguay, Chef des 11. Reviers und damit Nadjas Vorgesetzter. Nach einem schweren Streit haben Victor und Nadja beschlossen, gemeinsam in eine neue Wohnung einzuziehen, aber jetzt drängen die Ermittlungen, denn der Mörder hat bereits den nächsten Mord mit einem Graffiti angekündigt. Zudem bekundet ein Zettel, dass Tanguay der Erste war „… und der Weihnachtsmann wird der Letzte sein.“

Obwohl Victor mehrfach mit Tanguay aneinander geraten war, soll er die Ermittlungen leiten und dabei mit Nadja zusammenarbeiten, schließlich ist sie die dienstälteste Polizistin im 11. Revier. Zunächst geschieht wenig, doch zehn Tage später gibt es die nächste Leiche: Valeri Madaev, gefürchteter Bandenchef und Mitglied der Red Blood Spoilers, einer Gang, die vor vielen Jahren zu Victors großem Absturz beitrug. Damals starben zwei Kollegen, Victor übernahm die Verantwortung, verlor Job und Familie und begann zu trinken. Nun ist er seit acht Jahren trocken und muss sich diesem düsteren Kapitel seiner Vergangenheit stellen. Derweil geht das Morden munter weiter und nach und nach kommen erschreckende Details an die Oberfläche.

Außergewöhnlicher Mainstream-Kracher

Seit dem letzten Fall („Aus dem Schatten des Vergessens“) sind gut sechs Monate vergangen. Es ist Sommer in Montreal, die Temperaturen steigen und mit ihnen die Zahl der brutal zugerichteten Leichen. Das Personal ist vom Vorgänger bekannt, allen voran die stark übergewichtige Jacinthe Taillon, die nun – für ihre Verhältnisse – auf Diät ist und womöglich deswegen noch unflätiger daherflucht als zuvor. Man kann sie an manchen Stellen getrost als „völlig durchgeknallt“ bezeichnen, mitunter wirkt sie wie die Karikatur einer Ermittlerin.

„Du willst wissen, wo ich am Abend des Mordes war. Das ist doch deine Frage, oder? Ich war hier.“ „Allein?“ „Nein … Ich hatte ein Rendezvous mit einer Flasche Glenfiddich. Ein unvergesslicher Abend! Du kannst es nachprüfen, sie liegt noch im Altglascontainer.“

Wie schon beim Vorgänger, dem dritten Teil der Victor-Lessard-Reihe (die ersten beiden Bände sind bislang in Deutschland nicht erschienen), beherrscht Autor Martin Michaud sein Handwerk grundsätzlich solide. Montreal bietet die angemessen dargestellte Kulisse dieses von roher Gewalt geprägten Romans. Wie die einzelnen Verbrechen letztlich zusammenhängen, ist während der Lektüre kaum auszumachen. Zahlreiche Wendungen sorgen für Überraschungen, wobei es schon fast ein Kunstwerk für sich ist, dass Michaud hier den Überblick behalten hat. Zum Schluss ist alles in sich „logisch“, wobei das Wort Logik hier nicht zu laut ausgesprochen werden sollte. Ja, die Morde sowie weitere Verbrechen und deren Motive werden schlüssig aufgeklärt und erklärt, sofern man denn die Motive eines Serienmörders überhaupt nachvollziehbar erklären kann. Allerdings kann man einen Plot auch kaum wahnsinniger konstruieren. Und ja, der Wahnsinn spielt hier eine tragende Rolle.

Leider kann auf den zentralen Clou nicht eingegangen werden, ohne zu spoilern. Nur so viel und bewusst schwammig umschrieben: Es handelt sich um eine sehr, sehr seltene Art von Mörder, die einem in der Geschichte der realen Serienmörder noch nicht begegnet ist. Wer das mag, wird sich vermutlich auch von einem hohen Maß an abstoßenden Gewaltexzessen nicht abschrecken lassen. Der seit einigen Jahren verwendete Begriff „Gewaltpornografie“ wurde oft falsch benutzt, hier trifft er zweifellos zu, denn kaum eine Geschmacklosigkeit wird ausgelassen. Selbst vor Kindern wird Halt gemacht.

Wer auf Cody McFadyen, Chris Carter und wie sie alle heißen steht, der ist hier richtig. Packend schreiben kann Martin Michaud auf jeden Fall, wobei man sich zu Beginn nicht ins Bockshorn jagen lassen darf. „Durch die Tore des Todes“ beginnt mit Kapitel 48, das erste Kapitel folgt auf Seite 382. Diese Versatztechnik ist ebenso ungewöhnlich wie gekonnt eingesetzt, der Rest aufgrund der eruptiven Gewalt aber mindestens Geschmacksache.

  • Autor: Martin Michaud
  • Titel: Durch die Tore des Todes
  • Originaltitel: Violence à l’origine. Aus dem kanadischen Französisch von Reiner Pfleiderer und Sabine Reinhardus
  • Verlag: Hoffmann und Campe
  • Umfang: 429 Seiten
  • Einband: Taschenbuch
  • Erschienen: April 2021
  • ISBN: 978-3-455-01079-4
    Sonstige Produktinformationen: https://hoffmann-und-campe.de/products/384-durch-die-tore-des-todes


Wertung: 9/15 dpt


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