John Grisham – Die Erbin (Hörbuch, gelesen von Charles Brauer)

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John Grisham - Die Erbin (Hörbuch) Cover © Random House AudioNach mehr als zwei Dutzend Werken begibt sich der Bestsellerautor John Grisham wieder in die Achtziger gen Ford County in Mississippi, wo bereits der 1989er Justizthriller „Die Jury“ spielte – und dementsprechend überrascht es nicht, dass man die damaligen Figuren auch in „Die Erbin“ wieder zu sehen bekommt, allen voran Jake Brigance, einen brillanten Anwalt, der aufgrund seiner Furchtlosigkeit und Ausgebufftheit nie berechenbar ist. Zeitlich spielt vorliegender Thriller etwa drei Jahre nach dem Carl Lee Hailey-Fall des Vorgängerwerkes, in welchem Rassismus einen großen Teil des Dramas eingenommen hatte. Letzteres ist auch in „Die Erbin“ der Fall.

Der schwerreiche Weiße Seth Hubbard hatte Lungenkrebs im Endstadium und wollte sich ob der unerträglichen Schmerzen das Leben nehmen und hat sich schließlich im (fiktiven) Ort Clanton an einem Ahornbaum erhängt, zu welchem einer seiner Mitarbeiter herzitiert wird. Bei der Leiche des millionenschweren Mannes findet der Mitarbeiter Dokumente mit sehr klaren Anweisungen, wie die Beerdigung und die Trauerfeier abzulaufen habe. Ein weiteres enthaltenes Dokument ist ein von Hubbard handgeschriebenes Testament, das ganz entgegen der letzten Version, in welcher seine Tochter, sein Sohn und seine Enkelinnen und Enkel das Vermögen von 24 Millionen Dollar erhalten sollten, besagt, dass seine Nachkommen nun rein gar nichts erben werden und stattdessen 90% des Vermögens an die schwarze Haushälterin Lettie Lang gehen – die restlichen zehn Prozent werden zu gleichen Teilen an seine Kirche und an seinen Bruder Ancil aufgeteilt.

Es überrascht keinesfalls, dass Hubbards Kinder das Testament umgehend anfechten, mit der Begründung, der alte und kranke Mann sei unzurechnungsfähig gewesen – und es überrascht ebenso wenig, dass die Haushälterin reflexartig in die Schublade „gierige, manipulative Frau“ gesteckt wird. Jake Brigance versucht als Letties Anwalt mit allen Mitteln, zu beweisen, dass Hubbards neues Testament rechtens und aus freiem Willen von ihm verfasst und unterschrieben wurde und dass sie selbst nicht darauf hingewirkt oder ihn gar dazu gezwungen hat. Dem Rechtsvertreter und Kämpfer Brigance weht einmal mehr ein scharfer, von bitterem Rassismus durchzogener Wind entgegen, und der Fall scheint offenbar zugunsten der Hubbard-Kinder zu verlaufen. Doch dann findet Brigance Seths BruderAncil, der als verschwunden galt – und was der zu erzählen hat, lässt Hubbards letzten Willen mehr als logisch erscheinen. Und hiermit  – ähnlich, wenn auch verkürzt im schmucken Digipak nachzulesen – wäre beinahe schon zu viel verraten.

Dieser nunmehr 22. Justizthriller ist, so floskelhaft es sich lesen mag, ein echter Grisham durch und durch, mit den typischen Handlungssträngen, der üblichen Komplexität und der gewohnten Vielschichtigkeit – lebendige und interessante Charaktere halten die Story stets in Bewegung, und es ereignen sich beinahe unbemerkt Wendungen, mit denen man so nicht gerechnet hätte. Und das ist etwas, was dem Schriftsteller in zahlreichen seiner Werke hervorragend gelingt: Er erweckt den Eindruck, die Geschichte könne vorhersehbar werden – man denkt: Klar, so wird’s laufen. Doch dann hat sich das Blatt in subtilen Mikrobewegungen gewendet und der Leser/Hörer ist mal wieder den berühmten Holzweg entlangspaziert.

„Die Erbin“ ist keiner dieser Thriller, in denen Dinge Knall auf Fall geschehen. Die Gefühle und die hitzigen Debatten, die Rassenkämpfe, die Vorurteile, all das sorgt bereits für ausreichend Trubel in diesem überlangen Hörbuch. Grisham verzichtet darauf, den Leser/Hörer mit Action und Hysterie bei Laune zu halten, sondern setzt auf „many little movements“ – eine seiner Paradedisziplinen. Doch bei diesem im Original mit „Sycamore Row“ betitelten Buch sind die „movements“ oftmals zu „little“ und hiervon gibt es hier mitunter „too many“, sodass sich phasenweise dann doch einige Längen im Storytelling bemerkbar machen. Diese sind nicht unbedingt als dramatisch zu bezeichnen, doch etwas mehr Tempo oder ein flüssigerer Verlauf wären dann und wann durchaus wünschenswert. Andererseits: Tut dieses reduzierte Tempo gelegentlich nicht auch mal gut?

Prangt bei einem deutschsprachigen Hörbuch der Name John Grisham auf dem Cover, findet man – speziell, was die Erwachsenenliteratur aus seiner Feder betrifft – auch den Namen des sympathischen, 1935 geborenen Schauspielers Charles Brauer wenige Zentimeter davon entfernt wieder – Brauer ist seit Jahren der Stammsprecher der Werke des Autors und weiß durch seine reife, herbe und angenehme Stimme, die stellenweise beinahe tönt, als hätten der Konsum sehr guter Zigarren und edlen Whiskys sie klangveredelt, bis zu einem gewissen Grad zu überzeugen.

Bis zu einem gewissen Grad deshalb, weil Brauers Vortragstempo mitunter doch sehr langsam ist – bliebe es allerdings nur beim langsamen Lesen, wäre das kaum kritischer Worte würdig, denn das Tempo ist eher eine Frage der Geduld und des Geschmacks. Vielmehr sind es die zuweilen… irritierend… langen Pausen mitten in… Sätzen, sodass… man… gelegentlich aus der… Story… zu stolpern droht, weil man sich – beidhändig nach außen kreisende Bewegungen mit nach oben gedrehten Handtellern ausübend und eine fragend-wartende Miene aufsetzend- denkt: „Ja? Und dann?“ – und das ist trotz des Genusses mittlerweiler zahlreicher von Brauer gelesenen Hörücher immer wieder gewöhnungsbedürftig, denn die Vortragsweise wirkt hierdurch mitunter etwas abgehackt.

Allerdings ist es kaum möglich, sich bei den Grisham-Justizthrillern einen anderen Sprecher als ihn vorzustellen – Charles Brauer als Leser und Grisham als Autor, das ist wie füreinander geschaffen. Man wünscht sich, er läse ein wenig flotter und flüssiger, aber man arrangiert sich irgendwann damit. Auf akustischer Ebene kann man demnach die Phrase „ein echter Grisham“ auch auf Brauer anwenden: „Ein echter Brauer“. Und mal ehrlich: Wer sich netto insgesamt vierundzwanzigeinhalb Stunden in ein Tonstudio begibt (die fehlerhaften Takes nicht mit einberechnet), somit wohl einige Tage, gar Wochen daran arbeitet und dabei dermaßen konstant eine solch solide Leistung abliefert – und dabei nicht einfach „nur vorliest“, sondern sich hörbar in die Story hineinversetzt -, dem gebührt größter Respekt.

Cover © Random House Audio

Wertung: 11/15 dpt


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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