Haruki Murakami – Wenn der Wind singt/Pinball 1973 – Zwei Romane (Buch)

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Haruki Murakami - Wenn der Wind singt/Pinball 1973 Cover © DuMontWenn der Wind singt (1979)

Wirklich Neues in der Literatur zu erfinden dürfte modernen Autoren nur noch selten gelingen. Alles ist schon gesagt worden, und nur das „wie“ entscheidet noch darüber, ob ein Schriftsteller unserer Zeit innovativ ist oder nicht. Ein Schlüssel dazu ist der Schreibstil. Autoren, die eine unverkennbare Stimme haben, haben – ähnlich Sängern, die man beim ersten Ton erkennt – einen wichtigen Teil der Show schon im Kasten.

Haruki Murakami ist so ein Autor. Man könnte wahllos eine Stelle aus einem seiner Bücher herausnehmen, und man würde erkennen, dass er es ist.

Sein erster Roman „Wenn der Wind singt“, der erst Jahrzehnte nach seiner japanischen Erstveröffentlichung vom Autor für eine deutsche Übersetzung freigegeben wurde, zeigt sehr deutlich, dass Murakamis Stimme bereits zu diesem Zeitpunkt schon voll entwickelt war. Im Vorwort zur deutschen Ausgabe gibt Murakami sogar zu, dass er seine Stiltechnik durch das Schreiben in Englisch und Rückübersetzen ins Japanische ganz bewusst entwickelt hat.

Der namenlose 21-jährige Ich-Erzähler stellt mit einer dahin geworfenen Bemerkung ein für Murakamis Gesamtwerk gültiges Axiom auf, wenn er sagt: »Es war eine Zeit, in der jeder möglichst cool sein wollte. Als die Schule zu Ende war, beschloss ich, nur noch die Hälfte von dem zu sagen, was ich wirklich dachte.«

Ergänzt man hinter »… dachte« noch »… und fühlte«, hat man eigentlich schon den Kern von Murakamis Prosa entblößt. Im Grunde genommen schreibt Murakami in jedem seiner Werke in wechselnden Inkarnationen immer wieder über den männlichen Charakter, den er uns in „Wenn der Wind singt“ zum ersten Mal vorstellt. Der anonyme Erzähler ist wortkarg, lässt keine Emotionen an die Oberfläche kommen, obwohl man spürt, dass er zutiefst traurig und melancholisch ist. Seine Art mit anderen Menschen zu sprechen erweckt in uns das permanente Gefühl, das gesamte Buchpersonal rede in den knappen Dialogen permanent aneinander vorbei. Der Erzähler geht seinen Grundaufgaben nach wie Studieren und Geld verdienen, aber wirkliches Interesse scheint er an nichts zu haben. Man könnte sagen, ihm ist alles scheißegal.

So auch das Mädchen mit den vier Fingern an einer Hand, das eines Tages in seinem Bett liegt, ihn erst ablehnt, dann schätzen lernt, um schließlich genauso lautlos wieder zu verschwinden wie sie ins Buch getreten ist. Der Erzähler lässt alles lustlos und träge mit sich geschehen und akzeptiert jeden Schritt als sowieso unvermeidlich.

Die einzige dauerhafte Bindung, die er zustande bringt, ist seine Freundschaft zu Ratte, dem Sohn reicher Eltern, der nicht reich sein will. Zwar hat man auch bei den Dialogen der beiden das Gefühl, dass jeder nur geistig in seiner jeweils eigenen Gedankenwelt weilt, aber die beiden schaffen so etwas wie eine feste Bindung.

Eine stringente Handlung hat „Wenn der Wind singt“ nicht. Der Roman spielt 1970 und zeigt eigentlich nicht mehr und nicht weniger als die episodenhaften aber nicht folgenlosen Begegnungen junger Studenten.

Murakami ist einerseits im Recht, wenn er angesichts seines späteren Werkes den Roman als unbedeutend abkanzelt, denn er hat zweifellos seine Schwächen. So fehlt ihm jegliche Struktur. Er wirkt zusammengehauen und ziellos, und enthält zum Teil Dialoge, die philosophisch daherkommen sollen, aber so durchscheinend sind wie zu oft gewaschene Unterwäsche.

Andererseits halte ich Murakamis jahrelange Weigerung, das Buch für Übersetzungen zu sperren, für etwas divenhaft. Denn zum einen hat der Roman etwas, das einen seine Schwächen milde verzeihen lässt. Als Gesamtwerk, ohne Blick auf Details, macht es durchaus Freude, „Wenn der Wind singt“ zu lesen. Die melancholische Grundstimmung weckt die latente Traurigkeit in uns und lenkt unsere Gedanken dahin, wo sie gewöhnlich eher selten verharren. Zum anderen ist der Roman ein wichtiges Puzzleteil aus Murakamis Leben und Werk. Er ist definitiv keine Jugendsünde und gibt einen Blick auf Murakamis Jugend preis, der bisher gefehlt hat. Mit „Wenn der Wind singt“ schließt Haruki Murakami endlich die Lücke seiner literarischen Geburt, und das ist nichts, wofür er sich schämen müsste.

Wertung: 11/15 dpt

Pinball 1973 (1980)

Haruki Murakamis zweiten Roman „Pinball 1973“ als eine Fortsetzung von „Wenn der Wind singt“ anzusehen (so wie Murakami es selbst tut), trifft die Sache nicht ganz. Wieder folgen wir zwar dem namenlosen Erzähler und seinem Freund Ratte – diesmal getrennt unterwegs – , aber die Romane sind relativ isoliert voneinander, die Handlung und die Nebencharaktere beider Werke jeweils eigenständig.

Verglichen mit dem flattrigen „Wenn der Wind singt“ wirkt nun „Pinball 1973“ etwas mehr wie ein fortlaufender Roman, aber immer noch hängen am Ende zu viele Fäden unverarbeitet aus diesem Flickenteppich heraus, um von einem wirklich befriedigenden Lesegenuss sprechen zu können.

Natürlich ist Logik nicht unbedingt das, was Murakami-Leser von einem Murakami-Roman erwarten. Aber, man sollte doch wenigstens das Gefühl haben, dass die Unlogik zumindest einer inneren Logik folgt, was aber in „Pinball 1973“ nicht der Fall ist. Der Roman ächzt und knatscht bedenklich und droht restlos ineinander zu stürzen, würde Murakami nicht schon auch in diesem zweiten seiner frühen, von ihm ungeliebten Romane sehr viel von den Eigenschaften zeigen, die ihm später so große Verehrung seitens seiner Leserschaft zutragen würden.

Der Titel zeigt schon an, in welchem Jahr der Roman spielt. Drei Jahre nach „Wenn der Wind singt“ ist der Ich-Erzähler 24 und inzwischen berufstätig. Bereits der Romaneinstieg ist programmatisch. Der Erzähler berichtet von einem faszinierenden Mädchen namens Naoko, das er Ende der 60er-Jahre kannte und ihn immer noch beschäftigt. Aber schon nach einem kurzen Trip in die Vergangenheit, lässt Murakami Naoko fallen und widmet sich, ohne sich zu schütteln, den nächsten planlosen Gedankensplittern. Der namenlose Erzähler hat zusammen mit einem (namenlosen) Freund ein gut laufendes Übersetzungsbüro, das ihm den Lebensunterhalt sichert. In seiner Wohnung lebt er in einer seltsamen Zweckgemeinschaft mit zwei (namenlosen) Zwillingsmädchen, die bei ihm kostenlose Logis und Unterkunft haben und ihm als Gegenleistung die mütterlichen Dienste sowohl von Haushälterinnen als auch Mätressen bieten. Auch hier hängt alles gefährlich nah am Abgrund des Scheiterns. Man weiß nicht, woher die Zwillinge kommen und was für Ziele sie haben. Sie sind einfach da, und man sucht Hände ringend nach Hinweisen, die all das auch nur ansatzweise erklärbar oder sinnvoll oder wenigstens stimmig machen.

In der parallelen Zweithandlung erfahren wir Neues über Ratte, der ein stilles Verhältnis mit einer Frau hat, aber genau wie der Ich-Erzähler unzufrieden und lustlos durch sein trostloses Leben steuert und nicht die geringste Idee hat, wohin ihn dieser Weg treiben könnte. Sein Studium hat er geschmissen, und die einzige Lösung für ihn ist die Flucht raus aus der Stadt in neues Leben. Wenn die beiden Hauptcharaktere ihr Trübsal blasen und schaufelweise Melancholie und Unmotiviertheit ausschütten, ist man beinahe versucht, ihnen Depressionen zu diagnostizieren, so vereinsamt und antriebslos wirken sie.

Als hätte Murakami es fast vergessen, endet der Roman dann plötzlich mit der existentiellen Flipper-Besessenheit des Erzählers, die in einem Mini-Krimi darin mündet, einen verschwundenen, sehr seltenen Flipper-Automaten zu finden. Dieser Handlungsableger wirkt wie mit dem Hammer eingeschlagen, und nur die Erwähnung des Flipper-Themas zu Anfang des Romans hält mich davon ab zu behaupten, Murakami sei das in letzter Sekunde noch eingefallen.

Und so ist auch „Pinball 1973“ ein Roman voller Schwächen. Murakami scheint mit dem Buch bereits größere Ambitionen angestrebt zu haben als noch mit seinem Erstling, wodurch das Geschriebene in Summe aber schwächer wirkt als Wenn der Wind singt mit all seinem naiven Charme. Wirklich ärgerlich finde ich den Ausspruch des Erzählers bezogen auf seine eigene Gewissenhaftigkeit: »In Auschwitz wäre mir das sicher zupassgekommen.« Völlig daneben!

Gleichzeitig gibt „Pinball 1973“ aber auch einen faszinierenden Blick auf das Saatgut frei, aus dem noch Bedeutsames erwachsen sollte. Haruki Murakami stand in den Startlöchern für Größeres.

Wertung: 9/15 dpt

  • Autor: Haruki Murakami
  • Titel: Wenn der Wind singt/Pinball 1973
  • Originaltitel: Kaze no uta wo kike/Nen no pinboru
  • Übersetzer: Ursula Gräfe
  • Verlag: DuMont
  • Erschienen: 2015
  • Einband: Gebunden
  • Seiten: 268
  • ISBN: 978-3-8321-9782-7
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite
    Erwerbsmöglichkeiten

Wertung:  siehe einzelne Romane


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Informationen folgen noch.

1 Kommentar

  1. Avatar

    Moin,

    Die Rezension hat dafür gesorgt, das Murakami – allerdings mit den Romanen, die hier schon länger bekannt sind! – auf meiner Liste weiter nach oben gerückt ist. Vielen Dank!

    Außerdem finde ich eure „Erwerbsmöglichkeiten“-Seite super! Das ist nämlich mein allererstes Kriterium bei der Wahl der Blogs, die ich in meinen Feed stecke.

    Viele Grüße,
    Ulla

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Haruki Murakami – Wenn der Wind singt/Pinb…

von Frank Duwald Artikel-Lesezeit: ca. 5 min
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