Ulrich Holbein – Knallmasse (Buch)

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Ulrich Holbein - Knallmasse (Cover © homunculus Verlag)Für Roboter wie Knallmasse ist der Planet, auf dem sie leben, das Schönste, was es geben kann. Im Staat des Dröhnens DeziBel ist alles laut, es zischt und quietscht. Es rattert metallisch, die Motoren knattern. Alles ist schön schwarzdunkelhellgrau. Licht beleuchtet in nötigstem Maße das Nötigste. Und dann diese wunderbaren Kanten und Ecken. Alles ist so herrlich hart. Die Klobigkeit der Dinge, sie ist die reinste Erfüllung. Alles ist perfekt durchdacht. Morgens steht Knallmasse, nachdem er über Nacht am Energieschlauch aufgeladen wird, auf, zieht sein Sehinstrument auf und begrüßt seinen Roboterhund Stöpsel. Dann geht es im Omnibus in die Zentralschule, und er sowie seine 66 Mitschüler mit solchen Namen wie Kotzbirne, Erzhälfte, Quälmuffe, Kernfurchung, Staubmüller, Spannscheibe, Teilmacher und Halbleiter, organisieren sich mechanisch verschränkt wie Tetrisblöcke stehend im Bus. Gehäuse an Gehäuse. Devot nehmen sie sich die nahezu bibelähnlichen Durchsagen von Frau Dr. Dr. Dr. Druckmüller, welche gern auch Krachsymphonien über die Schüler hineinbrechen lässt – wie melodisch! – zu Herzen.

Knallmasses „Spezies“, wenn man sie so titulieren kann, verachtet alles Organische, alles Weiche, alles Runde. Den Robotern wird regelrecht übel, wenn sie so etwas auch nur ansehen müssen – wie beispielsweise in Weltgeschichte, als sie bei Frau Dr. Schallreiter Dokumentarfilme über das Weiche und Runde zu ertragen haben. Noch widerlicher wird es bei Frau Dr. Kackflasche im Biologieunterricht, denn dort müssen die 67 Schüler der Klasse leibhaftiges Anschauungsmaterial betrachten: Zwei eingefangene Wulwiletten, die nächste Stufe der Evolution des Menschen, welche sich auch extraterrestrisch anzusiedeln wusste. Diese Farben, igitt! Und diese Rundungen überall! Und wie ekelhaft weich sie doch sind! Hoffentlich packt Frau Dr. Kackflasche diese missratenen Kreaturen wieder so schnell wie möglich zum restlichen Material. Es ist zum Würgen, wie die aufploppenden Sprechblasen der Wulwiletten platzen und all das gute Blech verunreinigen. Das ist ja fast so schlimm wie das Sarastralische Licht, welches die DeziBeliten fürchten und das immer wieder durch Risse am blechernen Firmanent hindurchzuschimmern droht.

Am besten bekommt man den Kopf beim Sport frei, und zum Glück haben Knallmasse und seine Mitschüler in der dritten und vierten Stunde das Fach Abhärtung bei Frau Dr. Drillbeuter. Da werden Elektronik und  Mechanik mal wieder so richtig neu sortiert und in Schuss gebracht. Knallmasse demonstriert seinen Eifer bei der Roboterversion des Sportunterrichts – doch bei einer der Übungen ereignet sich ein heftiger Crash, welcher seine Programmierung komplett umstülpt. Denn urplötzlich gefällt ihm das Klobige, Kantige, Harte und Düstere nicht mehr. Das Weiche, das Organische, das Runde – wie schön das alles ist! Und die Wulwiletten! Welch liebliche Geschöpfe!

Er weiß, dass das nicht gut für ihn ist, denn nun droht ihm aufgrund seiner invertierten Weltsicht die Aussortierung und Verschrottung. Gemeinsam mit den Wulwiletten Wammarilli und Wurlipello, die füreinander sehr leuchtstarke Liebe verspüren, versucht er, den gnadenlosen dezibelitischen Repressalien zu entkommen – raus in den Kosmos, rein in Welten, die so ganz anders sind als das, was Knallmasse je kannte. Zumal die Dokumentationen aus Frau Dr. Schallreiters Weltgeschichte-Unterricht ja sehr meinungsmachend und einseitig berichten. Eine Reise voller Eindrücke beginnt – eine aufregende, wunderschöne Reise. Doch diese ist mit einigen Komplikationen verbunden, denn Knallmasse kann beispielsweise nicht einfach essen wie organische Wesen. Und man jagt ihn immer noch. Als das organische Leben um ihn herum auch noch die eine oder andere Nebenwirkung auf seinen Organismus, pardon, Mechanismus hat, wird es zusätzlich kompliziert. Doch die Wulwiletten geben ihren neuen Freund nicht auf und versuchen alles, damit Knallmasses Wohl gewährleistet ist.

Der gebürtige Erfurter, Baujahr 1953, veröffentlichte diesen Roman in dessen Urversion bereits 1993, doch nun hat Ulrich Holbein, der mal im nordhessischen 350-Seelen-Dorf Allmuthshausen bei Homberg/Efze im Knüllgebirge, mal im fränkischen Bamberg residiert und seine Werke gestaltwerden lässt, „Knallmasse“ komplett überarbeitet. Und auch die zahlreichen Illustrationen im Buch sowie das Cover stammen vom „Öko-Dandy und Weltliebhaber“ (Zitat Autorenbeschreibung im Buch) sowie „Polysoph und Müsli-Mystiker“ (Eigenbeschreibung, z.B. hier nachzulesen) himself.

Es dauert nur wenige Zeilen, bis man erstaunt feststellen darf, mit welcher Fabulierlust dieser sehr spezielle Schriftsteller ans Werk geht. Ohne sie als sinnfreien Füllstoff zu verwenden, weiß Holbein mit unglaublich vielen Beschreibungen und Bezeichnungen die kompletten Settings in „Knallmasse“ in Schriftform zu visualisieren – kein Detail wird ausgelassen, und dennoch wird der Leser mit genügend Erzählstoff Stück für Stück durch das Abenteuer des klobigen Klapperkastens geführt. Geschickte dramaturgische Bögen sowie eine einfache, aber nie anspruchslose Erzählweise, machen es möglich.

In dieser skurrilen Science-Fiction-Story spielt Holbein jedoch nicht nur mit des Lesers Phantasie, sondern auch mit der Sprache. Hierzu gehören verdrehte Sätze, eine manchmal kauzige und verschrobene Art der Formulierungen, Unmengen von Alliterationen, wahnwitzige und zuweilen exzessive Aufzählungen. Er erschafft Kontraste, nimmt zu Beginn die Farbsättigung fast komplett aus dem erzählerischen Bild und lässt dann perfekt geplant eine Farbbombe nach der nächsten detonieren. Und wo am Anfang noch die detailgenaue Technik und die perfekte Mathematik die Vollkommenheit der dezibelitischen Welt darstellen, wird später das Chaos des Organischen (und das organisierte Chaos darin) ähnlich einer wilden Mischung aus Kaleidoskop und Korallenriff in all seiner Pracht und Schönheit auf die innere Leinwand projiziert.

Wie bei zahlreichen anderen SciFi-Geschichten, schwingt in „Knallmasse“ eine subtil politische Note mit, und nicht selten lässt sich der Roman auch als eine Parabel auf die Gesellschaft, insbesondere deren Mechanismen, deuten – Stichwort Anderssein.

Dem gegenüber steht hohes komödiantisches Potenzial – und so hässlich und dystopisch vieles auf der einen Seite und so dramatisch vieles auf der anderen Seite ist, hat „Knallmasse“ schon allein durch all die Absurdität dessen einen satirischen Charakter. Die kontrastierende Schönheit, die immer mehr durchbricht wie die Sonne durch den aufklarenden Himmel, sorgt dann für eine Glückshormonausschüttung, die ihrerseits schon wieder beinahe „too much“ ist. Der Roman ist sozusagen ein kleines Buchstabenmeer, dessen Gezeiten etwas heftiger ausfallen als man es vom Zwischenspiel von Mond und Erde kennt – hier schwappen die Wellen gnadenlos über, die Oberfläche schaukelt. Auch hinsichtlich Genres tut das Buch den Teufel, die Ufer nicht auszuweiten.

Auf der Verlags-Buchseite steht abschließend: »Knallmasse ist ein Roman für alle Leser zwischen 14 und 114 – so spannend wie George Orwell, verrückt wie Lewis Carroll und sprachgewaltig wie Arno Schmidt.«, und damit wird genau ins Schwarze getroffen. Denn Holbeins überbordende Phantasie und seine ausufernden Niederschriften derselben wissen perfekt zu unterhalten. Originell ist zudem, wie das Werk hier und da selbstreferentiell geschrieben wurde. Da werden Hinweise auf vergangene Kapitel oder Buchseiten in die Geschichte eingeflochten, teilweise sogar von den Figuren selbst erwähnt. Das wirkt inmitten dieser eigenwilligen Erzählung umso schräger, sodass man gelegentlich einfach nur amüsiert den Kopf schütteln muss. 

Freunde der verspielten Erzählkunst, die lachen und mitfiebern möchten und auch absurden Szenarien und skurrilen Charakteren nicht abgeneigt sind, greifen mit „Knallmasse“ definitiv nicht daneben. Würde man diese Geschichte je verfilmen wollen, dann wäre ein Stop-Motion-Film von Tim Burton eigentlich die einzige Wahl.

Cover © homunculus Verlag/Ulrich Holbein

Wertung: 15/15 freudige Schwanzwedler von Stöpsel

 

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Über den Autor

Chris Popp

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Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 5 min
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