Cay Rademacher – Geheimnisvolle Garrigue (Buch)

Schlägt ein Serienmörder nach 23 Jahren wieder zu?

Geheimnisvolle Garrigue
© Dumont

Sonntag, 15. März. Der junge Brigadier Yves-Laurent Sylvain meldet seine Freundin Laetitia Fabre vermisst. Wenig später meldet ein Rentner den Fund eines Mountainbikes am Eingang zum Tunnel du Rove in Marignane. Dort finden Capitaine Roger Blanc und seine Kollegen einen linken Schuh, der der Vermissten gehört. Böse Erinnerungen werden wach, denn exakt dreiundzwanzig Jahre zuvor, verschwand Stéphanie Couderc, die bis heute nie wiedergesehen wurde. Auch damals wurde ein linker Schuh an gleicher Stelle gefunden. In den folgenden Wochen verschwanden seinerzeit drei weitere Frauen, die als „Disparnes du Rove“, die Verschwundenen von Rove, bekannt wurden. Inzwischen ein Cold Case, der Blanc und sein Team vor Rätsel stellt. Sollte der vermeintliche Serienmörder nach über zwei Jahrzehnten erneut zugeschlagen haben? Warum aber dann die lange Pause? Oder ist ein Nachahmungstäter am Werk? Während die Ermittlungen auf Hochtouren anlaufen droht Gefahr von ganz anderer Seite, denn der französische Präsident verhängt den Ausnahmezustand. Quarantäne für die ganze Nation inklusive harter Ausgangsbeschränkungen. Corona hat Frankreich erreicht.

Wir haben momentan nicht sehr viele Beamte zur Verfügung. Sie werden anderweitig eingesetzt.“
„Vielleicht ist das eine perverse Art von Waffengleichheit. Der Täte hat ja auch nicht so viele potenzielle Opfer zur Auswahl.“
„Werden Sie nicht zynisch, mon Capitaine.“
„Ich bin nicht zynisch. Ich stelle fest, dass es offenbar wichtiger ist, Straßenkontrollen durchzuführen und Bürgern ohne ausgefülltes Formular einhundertfünfunddreißig Euro abzuknöpfen, als nach einem Mörder zu suchen!

Am nächsten Tag verschwindet Chloé Aliphat am Strand. Kurz darauf finden die Ermittler auch von ihr einen linken Schuh am Tunnel du Rove. Gleich drei Personen geraten in den Fokus der Ermittler: Pierre Fabre, der Bruder von Laetitia, der zudem in deren beste Freundin Chloé verliebt ist. Eine Liebe, die allerdings keine Erwiderung erfährt. Romain Trossero, der damalige Freund von Stéphanie Couderc und seinerzeit Hauptverdächtige. Und nicht zuletzt Brigadier Sylvain selbst, der mit den beiden jungen Frauen eng befreundet war. Alle drei machen es Blanc nicht einfach, sagen offenbar bei ihren Befragungen nicht die Wahrheit und verhalten sich auffällig.

Neunter Fall für Capitaine Roger Blanc

„Geheimnisvolle Garrigue“ ist bereits der neunte Fall für Capitaine Roger Blanc, der vor gut einem dreiviertel Jahr in das Polizeirevier von Gadet versetzt wurde. In dem fiktiven Ort ermittelt er an der Seite von Fabienne und Marius, wobei überraschend auch Sylvain an den Ermittlungen beteiligt wird. Man ist halt über jeden Helfer froh, denn der Ausnahmezustand und die damit verbundenen Straßen- und Ausgangssperren binden fast das gesamte Polizeipersonal. Doch Stopp! Sylvain ist mit Laetitia liiert, mit deren bester Freundin Chloé eng befreundet und darf dennoch an den Ermittlungen teilnehmen; inklusive Zugang auf den aktuellen Ermittlungsstand? Wie immer die praktische Polizeiarbeit in Frankreich aussehen mag, aber normalerweise werden solche Personen wegen Befangenheit umgehend von den Ermittlungen ausgeschlossen. Überhaupt ist der Plot an manchen Stellen arg konstruiert. So ist beispielsweise das damals vierte Opfer die Schwägerin von Laetitias Mutter und Sylvains Vater war seinerzeit der Lehrer von Stéphanie Couderc.

Bocccaccio hat in seinem Decamerone ein paar reiche Florentiner Schnösel beschrieben, die sich in der Toskana verstecken, während die Pest in ihrer Heimatstadt wütet.“
„Covid-19 ist nicht die Pest und die Provence nicht die Toskana.“
„Haben Sie Boccaccio gelesen?“
„Man kann nicht jeden Schriftsteller kennen.“
„Ein sehr aktueller Autor.

Unabhängig der vorgenannten Punkte, ist „Geheimnisvolle Garrigue“ ein packender Plot, der von der ersten Seite zu fesseln weiß. Schnell werden Verdächtige aufgebaut, die sich in diverse Widersprüche verhaken. Die Polizeiarbeit wird detailliert geschildert, die Einschränkungen des Lockdown nochmal drastisch vor Augen geführt. Ermitteln unter extremen Bedingungen, wobei sich die Frage stellt, wie es überhaupt möglich sein kann, dass sich ein alter oder neuer Täter bei all den Kontrollen überhaupt unentdeckt bewegen kann? Spuren, die vor dreiundzwanzig Jahren nicht weiterverfolgt wurden, führen – wenig überraschend – in die titelgebende Garrigue; ein großes, unwegsames Gelände, welches den bildhaften Hintergrund des Romans liefert.

Das Privatleben von Roger Blanc geht natürlich ebenfalls weiter, hatte sich dieser doch erst kürzlich in seine Nachbarin Paulette verliebt. Gleichwohl liegt der Fokus klar auf den Ermittlungen, das Private wird lediglich dezent eingestreut. Auch die bei anderen, den Buchmarkt seit einigen Jahren überrollenden, Frankreich-Krimis mitunter ausufernden Kochorgien kommen hier nicht vor. Eine angenehme Abwechslung. Der Jubiläumsband der Serie, also Folge 10, ist übrigens für Frühjahr 2023 angekündigt.

  • Autor: Cay Rademacher
  • Titel: Geheimnisvolle Garrigue
  • Verlag: Dumont
  • Umfang: 432 Seiten
  • Einband: Taschenbuch
  • Erschienen: Mai 2022
  • ISBN: 978-3-8321-8186-4
  • Produktseite


Wertung: 12/15 dpt


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