Jürgen Friedrich Schröder – Feenders

Überleben im Krieg. Irgendwie.

Feenders
© Gmeiner

Ort Rheidersum nahe Leer. 1935. Theodor Strodthoff hat eine unbedachte Bemerkung zu viel gemacht und wandert für sechs Wochen in ein Arbeitslager, wo er unter harten Bedingungen in einem Moor arbeiten muss. Für die fünfzehnjährige Elisabeth „Lilli“ Feenders und ihren achtjährigen Bruder Georg ist die folgende Verhaltensänderung ihres Onkels zunächst nur schwer verständlich, war dieser doch stets besonders lebenslustig. Zu den Sozialdemokraten neigend, war ihm das Naziregime schon immer verhasst, doch diese Einstellung können Lilli und Georg noch nicht verstehen. Lilli erlebt beim BDM eine schöne Zeit, Georg wird später Mitglied bei der Hitlerjugend.

„Noch etwas – es ist allgemein bekannt, dass unsere neuen Herren ihre Gegner in Arbeitslager stecken. Verharmlosend werden sie auch Konzentrationslager genannt.“ „Gegner! Wie sich das anhört! Er hat nur seine Meinung über das braune…“ „Sehen Sie, das kann schon zu viel sein!“

Der 1939 beginnende Krieg verändert jedoch schlagartig das Leben der beiden Geschwister. Lilli erlebt die grauenhaften Folgen hautnah, da die sich als Krankenschwester im Marinehospital Leer um verletzte Soldaten kümmern muss. Derweil ist Georg schockiert, dass einer seiner besten Schulfreunde, ein Jude, eines Tages plötzlich verschwindet. 1943 muss Georg als Flakhelfer zur Marine, wo er selbst im vermeintlich beschaulichen Ostfriesland in große Gefahr gerät. Marijke, die aus dem niederländischen Nieuweschans (im Gegensatz zum Wohnort der Feenders kein fiktiver Ort) stammt, meldet sich nach dem Einmarsch deutscher Soldaten nicht mehr bei ihrer besten Freundin Lilli. Ihr Vater verbietet ihr jeglichen Umgang mit den moffen (herabsetzende Bezeichnung für Deutsche), in ihr selber wächst der Wunsch, sich im „Nederlandse verzet“, dem Niederländischen Widerstand zu engagieren.

Nichts gewusst. Wirklich?

„Feenders“ beschreibt das Leben einer Familie, die ab dem Jahr 1935 immer stärker in das politische Geschehen und dessen Auswirkungen hineingezogen werden. Dabei stellt sich für alle die Frage, wie kann man überleben, ohne gleichzeitig in die Verbrechen der Nationalsozialisten hineingezogen zu werden. Georg, der eigentlich noch zu jung für den Kriegseinsatz ist, wird kurz vor Kriegsende sein persönliches Schlüsselerlebnis haben, was ihn für den Rest seines Lebens nicht mehr loslassen wird. Gleiches gilt für die Freundschaft von Lilli und Marijke, die ebenfalls tragisch enden soll.

„You are too young to smoke! You have to ask your mother first!“ „Old enough to die, old enough to smoke.“

Doch während die Erlebnisse der Familie Feenders und weiteren Figuren den Erzählstrang prägen, fließt noch eine weitere wichtige Frage in den Roman ein. Nach Kriegsende, als die verheerenden Folgen des Krieges und des Holocaust unübersehbar wurden, war eine häufige Aussage, man hätte ja von allem nichts gewusst. Dieses zentrale Thema greift Jürgen Friedrich Schröder auf und zeigt manchmal dezent, nicht selten offenkundig, wie viel und gar nicht so wenige Personen wussten oder wissen konnten. Und wie sie damit umgingen. Beispielhaft sei hier Marijkes Vater erwähnt, der an einem Bahnhof arbeitet und eigentlich nur Verwaltungsarbeiten erledigt. Doch er erkennt bald, dass die Listen die er anfertigt, die Namen niederländischen Juden enthalten, die wenig später in Zügen deportiert werden, woran er innerlich zerbricht.

„Dank der genialen militärischen Strategie unseres Führers können nun beide Fronten in Ost und West problemlos mit der Berliner U-Bahn erreicht werden…“

Das Kriegsgeschehen hat selbst in Ostfriesland verheerende Auswirkungen. Die Angst vor Gestapo und SS ist täglich spürbar, nicht nur die Feenders, sondern auch für Marijke, die sich kurzzeitig im Widerstand engagiert. Dieser wurde in der Literatur bisher eher selten betrachtet, wie die Besatzung der Niederlande insgesamt. Nicht zuletzt deswegen lohnt ein Blick in diesen Roman, der angesichts seiner jugendlichen Hauptfiguren (Lilli, Georg und Marijke) recht eingänglich geschrieben ist und somit auch ein jüngeres Publikum erreichen sollte. Neben der Romanhandlung gibt es immer wieder Einschübe, die das politische Geschehen und den Kriegsverlauf erklären, so dass man zusätzlich die Geschichte des Zweiten Weltkrieges in groben Zügen nachlesen kann.

  • Autor: Jürgen Friedrich Schröder
  • Titel: Feenders
  • Verlag: Gmeiner
  • Umfang: 405 Seiten
  • Einband: Taschenbuch
  • Erschienen: April 2021
  • ISBN: 978-3-8392-2821-0
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite


Wertung: 12/15 dpt

 


Schreibe einen Kommentar

Hinweis: Mit dem Absenden deines Kommentars werden Benutzername, E-Mail-Adresse sowie zur Vermeidung von Missbrauch für 7 Tage die dazugehörige IP-Adresse, die deinem Internetanschluss aktuell zugewiesen ist, in unserer Datenbank gespeichert. E-Mail-Adresse und die IP-Adresse werden selbstverständlich nicht veröffentlicht oder an Dritte weitergegeben. Du hast die Option, Kommentare für diesen Beitrag per E-Mail zu abonnieren - in diesem Fall erhältst du eine E-Mail, in der du das Abonnement bestätigen kannst. Mehr Informationen finden sich in unserer Datenschutzerklärung.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ähnliche Beiträge

Du möchtest nichts mehr verpassen?
Abonniere unseren Newsletter!

Total
1
Share