Tommie Goerz – Frenzel (Buch)

Frenzel
© ars vivendi

Die Polizei, dein Freund und Helfer

Es fing schon in der Kindheit an. Irgendwie hatte Frenzel immer Probleme mit der Polizei. Später kamen noch ganz andere hinzu. Schule abgebrochen, Aushilfsjobs, Drogen, Alkohol und letztlich Mitglied in einer Rockergang. Es folgten kleinere Delikte sowie kurze Gefängnisaufenthalte. Dann die Überraschung. Der Vater stirbt, hatte sich nie für ihn sonderlich interessiert, hinterlässt aber zahlreiche Lottoscheine und siehe da, Frenzel ist über Nacht um viereinhalb Millionen Euro reicher. Doch den unerwarteten Geldregen will er sich nicht anmerken lassen, arbeitet erst mal weiter als Türsteher, wo es prompt zu einer Schlägerei kommt. Sein jugendlicher Angreifer stürzt und stirbt. Bei seiner Vorgeschichte kann es nicht gut enden und so wandert Frenzel für neun Jahre in den Bau.

Keine Bewegung! Aussteigen!, brüllte einer und riss Frenzels Tür auf. Wie beschränkt so ein Bulle sein kann. Aussteigen ohne Bewegung. Absurd. Kannste, egal was du machst, ja nur falsch machen.

Endlich draußen, holt ihn seine Vergangenheit immer wieder ein. Aber er hat gelernt sich zu wehren, nimmt Gespräche mit seinem Handy auf und gelangt so in einigen Situationen an genügend Material, um Leute erpressen zu können. Er bietet diesen einen Deal an. Keine Polizei, aber bei Bedarf erhält er eine Gefälligkeit. Nach mehreren Versuchen, in Franken seiner Vergangenheit zu entfliehen, kommt er in eine Stadt, wo er ein zuhause in einem ehemaligen Verwaltungsgebäude findet. Hier residierte mal die Gusa, die Gurken- und Sauerkrautfabrik. Dreißig Jahre steht das Gelände leer, ist verfallen, doch die alten Hallen werden illegal genutzt. Frenzel kümmert sich, räumt auf und erhält noch mehr Gefälligkeitsgutscheine.

Der Deal dafür, dass ich nicht zur Polizei gehe, ist folgender: Wenn ich Sie in den nächsten zwei, drei Jahren einmal brauche, muss ein Anruf genügen, und Sie helfen mir. Nichts Kriminelles, versprochen, aber schnelle Hilfe. Eine Fahrt, ein paar Anrufe, ich weiß es nicht, aber damit sind Sie safe. Endgültig.

Dann steht mal wieder die Polizei vor der Tür. Ob er denn nichts mitbekommen habe? In einer nahegelegenen Straße starb ein Jugendlicher in einem Altkleidercontainer. Offensichtlich ein Unfall, den er selbst verschuldete. Der Junge, Jimmy, ist der Sohn von Charly, einer von vier Stammgästen im „Gadda da Vida“, Frenzels neuer Stammkneipe. Dort lernt er auch Walli und Hanno kennen, die kurz darauf verschwinden. Drei Tage später entdeckt man ihre Leichen in einem Bulli, die Gasflasche aufgedreht, die Fenster geschlossen. Ein weiterer Unfall. Als Frenzel erfährt, dass sich auch noch Charlys Ex-Frau und Jimmys Mutter kurz nach der Beerdigung umgebracht hat, ist dies für Frenzel ein Unfall zu viel. Da er mit der Polizei jedoch nicht spricht und diese untätig bleibt, muss er selber handeln. Zeit und Geld hat er ja im Überfluss. Folglich heißt es, erste Gefälligkeiten einzufordern.

Tempo, Action und sprachlich bestechend

Nach „Meier“ (Krimibestenliste und Friedrich-Glauser-Preis) nun also „Frenzel“ und erneut gibt es Ärger mit der Polizei. Wurde Meier fies von einem Polizisten gelinkt und musste deswegen sogar für einige Jahre in den Bau, so wird Frenzel aufgrund seiner gewalttätigen Vergangenheit von der Polizei immer wieder überwacht und schikaniert. Es scheint so, als würden die „Bullen“ und der Autor keine Freunde mehr werden. Für die Leser ist dies eine gute Nachricht, denn beide Romane sind nicht nur aufgrund ihres geringen Umfanges kurzweilige Unterhaltung. Die Plots sind reichlich ausgefallen, der Schreibstil ist treibend und pointiert.

Frenzel ist trotz schwieriger Jugendzeit in der Gegenwart kein unsympathischer Typ. Der von ihm verursachte Todesfall geht ihm immer noch nah, er ist ein geläuterter Mensch. Allein seine neuen Nachbarn gehen immer wieder auf Distanz, sobald sie von seiner Vergangenheit erfahren, weshalb er öfters seinen Wohnort wechselt. Nach wie vor ist Frenzel von kräftiger Statur, die Knasttätowierungen bewirken ihr übriges. Doch er ist – soweit möglich – zur Ruhe gekommen, trinkt keinen Alkohol mehr und versucht, Leuten in Not zu helfen. Als Walli verschwindet, fordert er eine erste Gefälligkeit ein und macht sich auf die Suche. Es folgt eine Art Roadmovie, nicht nur durch Franken, begleitet von reichlich Musik, deren Trackliste eine unbedingt zu kaufende CD ergäbe.

Reichlich Action, lockere Sprüche und ein ungewöhnliches Setting sind die feinen Zutaten dieses lesenswerten Romans, der es auf die Shortlist des Crime Cologne Award 2022 schaffte.      

  • Autor: Tommie Goerz
  • Titel: Frenzel
  • Verlag: ars vivendi
  • Umfang: 183 Seiten
  • Einband: Hardcover
  • Erschienen: März 2022
  • ISBN: 978-3-7472-0352-1
  • Produktseite


Wertung: 12/15 dpt


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