Jasmin Ramadan – Kapitalismus und Hautkrankheiten (Buch)

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Jasmin Ramadan - Kapitalismus und Hautkrankheiten (Buch) Cover © Klett-Cotta/Tropen Mittlerweile befindet sich die wunderschöne Schauspielerin Teresa Kugler, die gelegentlich auch modelt, in ihren Frühdreißigern – und die erfolgreichen Jahre liegen hinter ihr. Aus dem übermächtigen Schatten ihrer ebenfalls aus der Schauspielbranche stammenden Mutter Bärbel scheint sie wohl ohnehin nie mehr herauszukommen. Die Jagd nach dem Erfolg hat sie persönlich zu einem charakterlichen Nichts werden lassen, und so lässt Teresa keine Gelegenheit aus, sich eine Linie Koks zu ziehen, den ein oder anderen Drink zu viel zu nehmen, zu kiffen oder sich den nächstbesten Kerl zu schnappen, um ihre sexuellen Energien an ihm freizulassen – um den Typen anschließend schnellstens den Laufpass zu geben.

Der Dreck des Lebens, gefangen in der Seele, brodelnd …

Zu emotionalen Bindungen ist sie nicht fähig, und so flieht sie in ihre Gelegenheitsvögeleien und Drogenkicks, ohne zu wissen, wohin sie eigentlich will. Tiefgründigkeit ist von ihr nicht zu erwarten, und so bleibt ihr Leben ein Knäuel der Unverbindlichkeiten. Doch jedes Mal, wenn sie sich nicht wohl fühlt und ihr bewusst wird, dass sie sich wieder in eine ungute Situation geritten hat, äußert sich dieses Befinden in der (eingebildeten) Bildung von Schleim auf der Haut.

Sie versucht, ihr Leben irgendwie auf die Reihe zu bekommen und glaubt, den Dialog finden zu müssen. Ihr Vater Dietrich hat sich in stiller Übereinkunft von Bärbel, seiner promisk lebenden Frau, getrennt – was natürlich nicht für die Öffentlichkeit gilt, für die seit gut zwanzig Jahren der Schein der intakten Familie bewahrt werden soll. Dietrich und Bärbel koexistieren in beiderseitigem Einvernehmen im selben Haus: Er wohnt auf dem Dachboden und hat dort inzwischen sein eigenes winziges Bad. Gelegentlich hat er Kontakt nach außen – via Internet oder Blick aus dem Dachfenster in den Garten. Die meiste Zeit verbringt er allerdings damit, ein Buch namens „Kapitalismus und Hautkrankheiten“ fertigzustellen, woran er seit Jahren arbeitet. Seine persönliche Hautirritation ist die Schuppenflechte.

Teresas Zwillingsbruder Ture ist im Laufe der Zeit zu einem wahren Neurotiker und zu einem fürwahr obsessiven Menschen geworden. Früher war er der fette Außenseiter, und heute hält er seinen Körper konsequent „in shape“. Er verdient sein Geld mit Synchronsprechrollen und Hörbuchaufnahmen, vor allem aber leiht er seine Stimme zahlreichen Werbespots in Funk und Fernsehen. Noch mehr Geld verdient er allerdings damit, all die Werbeaufnahmen zu überwachen und bei Vertragsverstößen wie etwa zu lange gesendeten oder wider die Regeln abgeänderten Spots Entschädigung einzuklagen. Doch das ist nur eine von vielen Marotten. Zudem tickt er, nachdem er Sex mit einer Frau hatte, sofort aus – aus ihm brechen Aggressionen hervor und er jagt seine Sexualpartnerinnen sofort aus seiner Wohnung. Wie der Rest seiner Familie ist auch er nicht dazu in der Lage, zu irgendwem eine innige Verbindung aufzubauen. Alles bleibt oberflächlich. Und seine Hautreaktion in Stresssituationen zeigt sich, indem sich an seinem Körper Pusteln bilden.

… und die Haut als der Filter, der jenen Dreck sichtbar werden lässt.

Zwar finden die beiden – Ture und Teresa – selbst nahezu immer Halt in ihrem anderen Zwillingsgeschwisterteil und wissen sich einander zu beruhigen, doch keiner kann so recht in den Kopf des anderen hineinschauen. Doch während die zwei miteinander reden, kommen sie dank Ture zum einen einem Familiengeheimnis auf die Spur, zum anderen finden sie Stück für Stück Hinweise darauf, weshalb sich ihre Eltern mit einem befreundeten Ehepaar bis aufs Blut verkracht haben. Ein Trip in die Vergangenheit beginnt, der nicht nur Teresas Leben in Aufruhr bringt.

„Kapitalismus und Hautkrankheiten“ entpuppt sich recht früh als ein kleines Panoptikum der skurrilen Charaktere, der Abgründe, der Neurosen, der Abgefucktheit, der Egozentriker – und der Frage, inwiefern auch kapitalistische Mechanismen mit der menschlichen Haut zusammen hängen. Sucht man nach einer Identifikationsfigur in diesem Roman, so wird man, wenn man nicht gerade selbst hochneurotisch und charakterlos ist, wohl kaum fündig – im Gegenteil: Man entwickelt zu praktisch jedem Protagonisten und Coprotagonisten eher Antipathien oder zumindest ein hohes Maß an Skepsis.

Dennoch wird der Leser gelockt wie ein Hund, dem man die Wurst immer wieder vor der Nase wegzieht, man lechzt nach Aufklärung, nach dem Warum-ist-es-heute-so-wie-es-ist. Hierbei nimmt man die Entgleisungen und Irrläufe des Gewschwisterpaars immer wieder gern in Kauf, ganz gewahr dessen, dass sich beide immer mehr in ihren persönlichen Sumpf hinein navigieren könnten, Kollateralschäden hin oder her. Und da vorn, irgendwo, da wird sie vermutet. Die Hoffnung. Die Wendung. Eine Antwort auf eine Frage, die zu stellen man gar nicht in Erwägung zog.

So simpel und roh die Sprache der Autorin, die die literarische Vorgeschichte und Quasi-Vorlage zum gleichnamigen Film „Soul Kitchen“ lieferte und mit „Das Schwein unter den Fischen“ einen packenden Coming Of Age-Roman geschrieben hat, auch ist, so gewaltig sind die Worte, die Seite für Seite dem Leser entgegengefeuert werden. Man wird förmlich mit schmutzigen Händen geohrfeigt, weggestoßen und am Kragen wieder herangezerrt, und trotz der oftmals bewusst tiefenarmen Charaktere brennen sich Bilder im Kopf ein, welche eine Intensität entwickeln, die verblüfft. Man ist der schweigende Zuschauer in einem Szenario, dessen Hauptbestandteil der Kulisse die Ungewissheit ist. Literarische Pinstelstriche werden zu einem Gesamten, das Aufschluss und/oder Verwirrung bringt.

Mit ihrem dritten Roman beweist die 1974 in Hamburg geborene Tochter eines Ägypters und einer Deutschen, dass sie sich nicht auf eine Schiene festlegt und auch in verschiedenen Metiers Vielschichtigkeit walten zu lassen in der Lage ist. Stets erschafft sie Figuren, die Rätsel aufgeben und den Leser somit herausfordern – und in „Kapitalismus und Hautkrankheiten“ ist es die Suche, die vorantreibt und auch den Verfolger der Geschichte zum Weiterlesen anspornt. Ebenso möchte Letzterer erfahren, welche Sehnsüchte es sind, die das steuernde Element der Charaktere darstellen.

Wenn etwas die drei Ramadan-Werke miteinander verbindet, ist es neben dem konsequenten Ignorieren typischer Erzählungen nach dem „Einleitung, Steigerung, Höhepunkt, Rückschlag, noch ein Höhepunkt, runder Schluss“-Schema die Vorliebe für fertige, kaputte oder zumindest sonderbare Personen. Solche, die Fragen aufwerfen. Solche, die ihre Marotten haben. Solche, die so viel mehr Reiz auf den Lesenden ausüben, weil sie auf irgend eine Weise interessant sind. Die Autorin öffnet die Tür einen Spalt und lässt den Leser entscheiden, wohin er geht – soll heißen: wie er das Tun und Lassen der Figuren auslegt.

„Kapitalismus und Hautkrankheiten“ trotzt dem Mainstream und riskiert das Nischendasein – und strahlt durch seinen Individualismus und seine Eigenheiten etwas aus, das nur schwierig zu beschreiben ist. Eine Aura womöglich, eine, die das Buch umgibt wie ein sonderbarer Duft oder Klang, bei dem man ergründen möchte, woher er kommt und was er bedeuten soll.

Cover © Tropen/Klett-Cotta

  • Autor: Jasmin Ramadan
  • Titel: Kapitalismus und Hautkrankheiten
  • Verlag: Tropen/Klett-Cotta
  • Erschienen: 26.04.2014
  • Einband: Hardcover mit Schutzumschlag
  • Seiten: 218
  • ISBN: 978-3-608-50121-6
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite beim Verlag

Wertung: 12/15 dpt

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Über den Autor

Chris Popp

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Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 5 min
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