Elke Barker – Und zwischen uns das Meer, Erzählungen (Buch)


(c) Axel Dielmann Verlag

Vierundzwanzig Kurzgeschichten von Elke Barker umfasst der von Kurt Drawert herausgegebene Band „Und zwischen uns das Meer“.

Barkers Arbeiten, in langjährigem Zusammenspiel mit der Darmstädter Textwerkstadt entstanden, finden hier eine erste Veröffentlichung. Doch die sogenannte Debütantin ist alles andere als eine Anfängerin. Die Miniaturen sind sorgfältig ausgearbeitete Prosa, der man den langjährigen literarischen Feinschliff anmerkt.

Ihre inhaltlich stark variierenden Texte funktionieren wie Türöffner in andere Erlebniswelten. Atmosphärisch dicht und inhaltlich kompakt beginnt Barker damit die Leser:innen in ein fremdes Leben zu ziehen, um sie dann – scheinbar mittendrin – „stehen zu lassen.“

Die Protagonisten in diesem Erzählband befinden sich meist allein vor großen Entscheidungen oder Veränderungen. Barker macht in ihrer Prosa das Unsichtbare der Empfindungen sichtbar.

Als Paradebeispiel für dieses Erzählmuster kann die Auftakterzählung „Zugabe“ gelesen werden. Die namenlos bleibende Ich-Erzählerin steht vor dem Beginn einer Weltreise. Die letzte Voretappe ist der Shuttle-Transfer zum Flughafen. Sie ist nervös vor dem großen Schritt ins Unbekannte. Die Angst vor der eigenen Courage ist überdeutlich zu spüren. Die Begegnung mit dem Shuttle-Fahrer Rick verwandelt ihr Grundgefühl völlig.

„Rick war anders, das spürte ich sofort. Rick, der mich zum Flughafen brachte (…) Und neben dem ich ruhig wurde, seltsamerweise sofort ruhig.“ Seite 19

Auf nur fünf Seiten gelingt es Barker die Stimmung der Ich-Erzählerin zu verwandeln. Fünf Seiten, auf denen sie geschickt kleinste Signale platziert, die den Sinneswandel der Hauptfigur nachvollziehbar machen. Das Ende der Erzählung ist zugleich ein neuer Anfang, ein angstfreier Aufbruch in ein Lebensabenteuer.

Die letzten Zeilen dieser ersten Erzählung könnten nicht passender sein, um die weiteren Texte des Bandes einzuleiten und ihnen als Motto voranzustehen:

„(…) [Ich] erzählte. Von all den Orten, die ich bereiste. Den Menschen, die ich kennenlernte. Den Verrückten, den Einsamen, den Getriebenen. Denen, die nicht allein sein konnten und denen, die genau das wollten.“ Seite 23/24
 

Die meisten Geschichten von Barkers beschreiben nur ein kurzes Ereignis von wenigen Stunden und auch wenn die Zeiträume etwas größer sind, so bleiben sie immer überschaubar, wie kleine Zwischenstopps auf einer längeren Reise. Barker skizziert Begegnungen zwischen Fremden und Vertrauten, zwischen Fremden, die zu Vertrauten werden, und Vertrauten, die einander fremd werden.

Oft sind die Protagonisten auch ganz allein auf sich gestellt und das Ereignis, dem sie ausgesetzt sind, verstärkt die Einsamkeit noch mehr.

Manche der Geschichten markieren einen Neuanfang, andere erzählen von einem Abschluss, doch nie erzählt Barker ihre Geschichten völlig aus und dieses Offenlassen erzeugt eine ganz eigene Dynamik, ein Echo, welches in die Tiefe dringt. Die Erzählungen machen etwas mit dem Lesenden.

Der Erzählband ist als erster Band einer neuen Literaturreihe angedacht, die die Werke von Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Darmstädter Literaturwerkstatt einem breiteren Lesepublikum zugänglichen machen will.

Diesem durch den Axel Dielmann unterstützten Projekt ist viel Erfolg zu wünschen. Es gibt Literatur auf hohem (Unterhaltungs-)Niveau zu entdecken.

  • Autorin:  Elke Barker
  • Titel:  Und zwischen uns das Meer
  • Teil/Band der Reihe: Bd. 1  Edition Darmstädter Textwerkstadtt
  • Verlag:  Alex Dielmann Verlag
  • Erschienen:  April 2022
  • Einband: Gebundene Ausgabe
  • Seiten: 152 Seiten
  • ISBN:  978-3866383708


Wertung: 13/15 dpt


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