© Eichborn
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Geniales Verwirrspiel

Sylvia Wages Roman „Grund“ ist ein Glanzstück, klug konzipiert und sprachlich absolut top. Mit schwarzem Humor und präzisen Worten erzählt die Autorin auf gut 170 Seiten so leicht, dass es einem fast beiläufig vorkommen könnte, wäre da nicht gleich zu Beginn ein Toter.

„Mein Vater lag tot auf dem Grund des Brunnens. Das ist ein guter Anfang. Für ein Märchen.“

Mit diesen Worten beginnt Wage ihr erzählerisches Verwirrspiel. Das Ausgangsereignis wirft natürlich Fragen auf. Doch je mehr uns die Ich-Erzählerin berichtet, desto weiter scheint sie sich von der eigentlichen Geschichte zu entfernen.

Die Ich-Erzählerin hat mit dem Vater, der auf dem Grund eines Brunnens liegt, die sprichwörtliche Leiche im Keller. Zwanzig Jahre lang hat sie geschwiegen. Hat den Vater verborgen und mit ihm ein düsteres Familiengeheimnis gehütet. Nun bricht sie das erste Mal ihr Schweigen und stellt sich den traumatischen Erlebnissen ihrer Kindheit.

Immer wieder lässt Wage ihre Protagonistin das von ihr selbst Erzählte in Frage stellen.

„Und das war natürlich wieder eine Lüge. Ich lüge andauernd, aber das brauchen gute Geschichten: Lügen und Hoffnungslosigkeit.“

Durch diese Manipulation zieht sie uns ins Geschehen hinein. Unsere Spekulationen darüber, ob man der Geschichte nun eigentlich trauen darf oder nicht, werden zum wesentlichen Teil der Geschichte.

Die Ich-Erzählerin lässt ihr Tatmotiv im Dunkeln. Angst, Hass und Rachegefühle gegenüber dem Vater werden zwar sichtbar, aber deren Ursache wird bis zum Ende nicht ausgesprochen. Je mehr Details berichtet werden, je lückenloser ihr Bericht wird, desto drängender wird die Frage nach dem eigentlichen Grund. Das äußere Bild, das uns die Erzählstimme liefert, gerät immer unglaubwürdiger, wobei das permanent mitgedachte Geheimnis immer mehr an Raum einnimmt.

„Eine gute Geschichte braucht nicht nur absolute Hoffnungslosigkeit, sondern auch Glaubwürdigkeit. Hoffnungslosigkeit ist einfach, da muss man nur die Wahrheit erzählen. Aber Glaubwürdigkeit ist schwer, denn dafür darf man keinesfalls die Wahrheit erzählen.“

Wage konstruiert eine Art doppelten Boden, in dessen Zwischenräumen sie das Unerzählbare platziert. So gelingt ihr das Kunststück, eine Geschichte zu erzählen ohne sie wirklich zu erzählen. Sie erzeugt ein Spannungsfeld, in dem die Leser*innen permanent aufgefordert werden, die genannten Fakten zu hinterfragen.

Doch der noch größere Kunstgriff gelingt Wage außerhalb der beherrschenden Frage, ob die Geschichte, die wir lesen, nun wahr ist oder nicht. Ob Lüge oder Wahrheit  – und die Autorin lässt nicht locker damit, uns aufzufordern, dies herauszufinden – spielt am Ende nur noch eine untergeordnete Rolle. Denn es geht um den Grund. Die eigentliche Wahrheit steckt nicht in der Geschichte sondern in ihrer Ursache. Nicht das, was uns die Protagonistin schlussendlich alles erzählt ist wichtig, sondern warum sie es tut.

Dabei bleibt der Grund hinter allem bis zum Ende ein unausgesprochenes Geheimnis, dessen Grauen jedoch für die Protagonisten ein Echtes, sehr Reales ist.

„Ich sage es mal anders: Das Unsichtbare ist kein Privileg meiner Familie. Das Unsichtbare ist überall, all das, was Menschen anderen Menschen tagtäglich so antun, was Menschen sich tagtäglich so antun lassen. Gewalt, Unterdrückung, Missbrauch.“

Wage überlässt es ihren Lesern und Leserinnen, diese offenen Leerstellen zu füllen. Auf die konkreten Fakten kommt es ihr dabei überhaupt nicht an. Vielmehr zeigt sie, wie die Mechanismen der Verdrängung funktionieren. Sie führt vor, dass die Bereitschaft, an eine Lüge zu glauben, viel ausgeprägter ist als die Bereitschaft, einen Missstand zu entlarven, was wiederum dazu führt, dass Opfer und Mitwissende gemeinsam den Täter vor Entlarvung und Bestrafung schützen.

Wie verheerend sich dieses Wechselspiel aus Scham und Wegsehen auswirkt, wird am Beispiel der Ich-Erzählerin deutlich. Wage inszeniert das Trauma ihrer Protagonistin mit all seinen Konsequenzen sehr authentisch. Unabhängig davon, ob die von ihr erzählte Geschichte am Ende nun stimmt oder nicht, ihr Leidensgeschichte ist absolut real.

“Was ich ihr nicht sagte, war, dass es Dinge gibt, die bleiben. Keine Zeit heilt sie, sie prägen dich auf immer. Egal welchen Weg du einschlägst, egal, ob du fliehst oder bleibst. (…) Es gibt kein Entrinnen aus der Düsternis.“

“Grund” ist der Debütroman von Sylvia Wage. 

2021 nahm sie mit ihrem bis dahin unveröffentlichten Manuskript bei dem von der “Blogger-Jury” ausgeschriebenen Literatur-Wettbewerb um den “Blogbuster-Preis” teil und gewann unter hunderten Einsendungen den ersten Preis. Ein hoffnungsvolles Beispiel dafür, wie jenseits der Mainstream-Mechanismen Literatur gefördert wird und echte Lese-Perlen einem breiteren Publikum zugänglich gemacht werden.

„Grund“ von Sylvia Wage ist (vielleicht noch?) ein Geheimtipp, aber es sollte absolut keiner bleiben!

 

  • Autorin: Sylvia Wage
  • Titel: Grund
  • Verlag:  Eichborn
  • Umfang: 176 Seiten
  • Einband: Gebundene Ausgabe
  • Erschienen: August 2021
  • ISBN: 978-3847900931


    Wertung: 14/15 dpt


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