John Niven – Alte Freunde (Buch)

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John Niven - Alte Freunde (Cover © Heyne Hardcore)«Die entscheidenden Weichen des Lebens: winzige Augenblicke, denen wir keine große Tragweite beimessen. Doch nichts bleibt folgenlos.»

Oder, um es mit De Höhner zu sagen: «Echte Fründe ston zesamme, ston zesamme su wie eine Jott un Pott.»

Der Gourmetkritiker und Bestseller-Autor Allan staunt nicht schlecht, als er seinen alten Freund Craig – einst charismatischer Rockstar – auf der Straße sitzen sieht. Obdachlos, bettelnd. Kurzerhand lädt er ihn in eine Bar ein – und lässt ihn damit zurück in sein Leben. Er nimmt ihn mit nach Hause, gibt ihm einen Platz zum Schlafen, will ihm helfen, sein verkorkstes Dasein wieder auf die Reihe zu kriegen. Doch ist das wirklich eine so gute Idee?

Wie kürzlich schon bei der Rezension zu „Kurzer Abstecher“ erwähnt, sind Irvine Welsh und John Niven zwei absolute, schottische Kultautoren. Niven hat uns zum Beispiel mit „Kill your Friends“ einen ebenso schwarzhumorigen wie bitterbösen und schonungslosen Einblick in die Musikindustrie gewährt. In „Gott, bewahre“ hat er den Allmächtigen in den Urlaub und dessen kiffenden Sohn als Castingshow-Teilnehmer zurück auf die Erde geschickt (Warnung: dieses Buch kann laute Lacher auslösen und beim Lesen in der Öffentlichkeit für verwirrte Blicke der Mitmenschen sorgen). Der Autor hat zweifellos ein Händchen für verrückte Geschichten und eigenwillige Charaktere.

Auch die Charakterzeichnung in „Alte Freunde“ ist ihm erneut gelungen. Vor allem Allan, den wir durch den Großteil des Buches begleiten, ist lebendig und ausgefeilt. Sein Leben in der Londoner Oberschicht wird eindrücklich beschrieben. Wir lernen Allan sehr gut kennen und erfahren Seite für Seite mehr aus seinem Alltag – und welchen Einfluss Craigs Auftauchen darauf nimmt. Irgendwie fühlt sich Allan für Craig verantwortlich und lässt ihn bereitwillig in seinem Haus wohnen. Während der Leser immer mal wieder argwöhnt, ob das alles tatsächlich so idyllisch ist, wie es den Anschein machen will, hat Allan einfach das dringende Bedürfnis, seinem alten Freund etwas Gutes zu tun. Dreißig Jahre liegen zwischen ihrer Freundschaft als Jugendliche und dem Wiedersehen. Eine lange Zeit, in der eine Menge passieren, sich eine Menge verändern kann. Ist es überhaupt möglich, an diese alte Freundschaft anzuknüpfen? Und was ist Allan Craig wirklich schuldig?

Das Lesen wird begleitet von einer anhaltenden Skepsis – was den Plot relativ vorhersehbar macht. Der Twist wird ewig vorbereitet, eingebettet in unzählige, ausschweifende Details. Schlussendlich kommt er dann alles andere als überraschend. Als Leser hat man dem etwas naiven Allan einiges voraus und möchte diesen Typen manchmal gerne schütteln. Dieses Unverständnis für manche seiner Handlungen, seine Kurzsicht und Leichtgläubigkeit, gepaart mit der vom „Normalo“ recht weit entfernten Lebenswelt in der vermögenden Oberschicht, macht es trotz detaillierter Charakterzeichnung schwer, sich mit Allan zu identifizieren. Sein Schicksal interessiert zwar und man verfolgt es gerne, aber man fühlt nicht wirklich mit dem Berufsesser mit.

Niven greift auch in diesem Buch auf seine typischen Themen zurück. Einmal mehr zerstört er die romantisierte Vorstellung der Medienwelt und zeichnet stattdessen ein klares, ernüchterndes Bild. Einmal mehr sind vor allem Drogen und Alkohol allgegenwärtig, aber auch auf eine Prise Sex verzichtet der Autor natürlich nicht. Diese Zutaten gehören dazu, wenn man Niven liest. Und genau diesen Zutaten sind es, die man erwartet, die man eben auch lesen will. Und doch schaffen sie es in „Alte Freunde“ letztlich nicht, dieses besondere schwarzhumorige Vergnügen und diese diebische Freude hervorzurufen, die man in der Regel bei Nivens Büchern empfindet.

Es fehlt der Geschichte schlicht an Handlung. Insgesamt geschieht nicht viel in diesem Buch – im Endeffekt hätte es weit weniger Seiten bedurft, um die alte Freundschaft aufzuwärmen und auf die Probe zu stellen. Nichtsdestotrotz macht es auch dieses Mal wieder Spaß, Niven zu lesen. Irgendwie packt dieser Mann einen am Ende doch. Seine Art, zu erzählen, sein Humor, sein unverklärter Blick auf die Gesellschaft und seine deutliche Sprache reißen einen mit, selbst wenn die Story eher dünn ist. Vor diesem Hintergrund ist auch ein eher durchschnittliches Niven-Werk sicherlich keine verlorene Lesezeit.

Fazit: „Alte Freunde“ ist ganz sicher nicht der beste Niven-Roman – wahrscheinlich rangiert er sogar auf den hinteren Plätzen. Und doch ist es auch dieses Mal wieder eine Reise, die man gerne mit dem schottischen Autor unternimmt. Seine Bücher – auch dieses – machen Spaß, sie sind herrlich kurzweilig und immer auch ein bisschen böse. Die flüssige, aber durchaus derbe Sprache und der fiese Humor befeuern das Bedürfnis weiterzulesen, selbst bei einer eher mäßigen Story, ungemein. John NIven kann nun mal einfach schreiben und Geschichten erzählen. Wer den Schotten für sich entdecken möchte, sollte allerdings mit einem anderen seiner Werke starten, zum Fan werden und erst dann „Alte Freunde“ aufschlagen.

Cover © Heyne Hardcore

  • Autor: John Niven
  • Titel: Alte Freunde
  • Originaltitel: No Good Deed
  • Übersetzer: Stephan Glietsch
  • Verlag: Heyne Hardcore
  • Erschienen: 10/2017
  • Einband: Gebunden
  • Seiten: 352
  • ISBN: 978-3-453-26944-6
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite 
    Erwerbsmöglichkeiten

Wertung: 9/15 gute Taten

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Über den Autor

Jasmina Driller

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Ich halte es wie Herbert Grönemeyer: Bochum, ich komm‘ aus dir! Tief im Westen, wo die Sonne verstaubt, habe ich nicht nur Germanistik studiert und die Liebe zum Schreiben entdeckt, sondern lebe, lese und lache ich mit Mann, Kind und zwei Katzen. Dabei immer im Ohr: Rock(’n’Roll), von den 50er-Jahren bis heute. Jede freie Minute stecke ich meine Nase in Bücher oder auch in meinen Kindle, meist sogar parallel.
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John Niven – Alte Freunde (Buch)

von Jasmina Driller Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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