John le Carre - Federball - @ Ullstein

Politische Abrechnung vom großen Spionagemeister

Am 12. Dezember 2020 starb der 89-jährige Ex-Spion David Cornwell, der unter dem Namen John le Carré als Schriftsteller weltberühmt wurde. Sein großes Meisterwerk „Der Spion, der aus der Kälte kam“ mit der Serienfigur George Smiley erschien 1963, sein letzter Roman „Federball“ in Deutschland im Oktober 2019.

Der 47-jährige Nat hat jahrelang für den Britischen Geheimdienst im Ausland gearbeitet, nun ist er zurück in London und leitet in seiner Freizeit den Athleticus Club in Battersea. Für den Einsatz im aktiven Dienst ist er zu alt, vielmehr rechnet er täglich mit seiner Entlassung. Stattdessen bietet man ihm an, die „Oase“ zu übernehmen, eine kleine, heruntergekommene Einheit des Teams „Großraum London“. Es handelt sich dabei um eine inländische russische Außenstation, deren Informanten schon lange keine wertvollen Hinweise mehr liefern. Seine neue Mitarbeiterin Florence entdeckt jedoch einen vermeintlich spannenden Fall, dessen Spur zu einem ukrainischen Oligarchen und dessen dubiosen Geldgeschäften führt. Doch die entscheidende Unterkommission des Finanzministeriums lehnt ab. Zu hohe Kosten, zu unklar der Ausgang, woraufhin Florence ihre Kündigung vom Dienst einreicht.

Quelle PITCHFORK, die irgendwo im Norden Londons in einem Zweizimmerapartment im Erdgeschoss untergebracht ist, hat nicht weniger als drei codierte Subtexte seiner angeblichen dänischen Liebe Anette erhalten, und deren Inhalt hat einen ziemlichen Schauder durch die Oase gejagt, der sich unverzüglich und in aufsteigender Reihenfolge auf Dom Trench, die Russlandabteilung und die Operative Abteilung überträgt.

Nat strauchelt derweil angeschlagen durch die Tage. Abwechslung bietet sein Club und das Badmintonspiel, bei dem er kürzlich den Einzelgänger und politisch motivierten Ed kennenlernte. Dann winkt ein neuer Fall, denn offenbar planen die Russen eine größere Aktion in der Hauptstadt und reaktivieren dazu einen bekannten Schläfer.

Brexit, Trump, Putin und der ganze Mist

John le Carré war stets ein politisch interessierter wie streitbarer Mensch, den die Entwicklung der letzten Jahre und Jahrzehnte sehr beschäftigte. Der Kalte Krieg, einst sein literarisches Lieblingsfeld, ist lange vorbei, die Grenzen zwischen dem guten Westen und dem bösen Osten weitgehend verschwunden. Nicht zuletzt dank Donald Trump und Boris Johnson, die beide ordentlich ihr Fett abkriegen. Wladimir Putin sowieso. So enden die Badmintonmatches zwischen Nat und Ed regelmäßig beim obligatorischen Bier und Eds Monologen über das Elend der Welt; vor allem aber Europas und hier im Besonderen des Königreichs.

„Federball“ ist sicher nicht der spannendste Roman des Autors, gleichwohl für die aktuelle politische Diskussion nicht uninteressant. Kenntnisreich seziert le Carré die Auswirkungen des Brexit auf das Verhältnis der Krone zum restlichen Europa. Die Hoffnung auf den neuen Partner in Übersee verweist er in eine Traumwelt, Trump hält er für einen Wahnsinnigen. Ed vergleicht ihn gar mit Hitler.

Ed wühlte im Spind nach seinem Handy und bestand darauf, mir das Video von Trumps innerstem Kabinett zu zeigen, das sich um einen Tisch versammelt hatte; einer nach dem anderen bekundete seine unsterbliche Loyalität gegenüber dem geliebten Präsidenten.

„Sie legen den Eid auf den Führer ab, verdammt“, gibt er atemlos seine Einschätzung. „Alles wiederholt sich, Nat. Schauen Sie doch.“

Ich schaute. Und ja, es konnte einem übel werden.

Der Alltag eines ausrangierten Ex-Spions, der noch einmal gebraucht wird, ist – wie nicht anders zu erwarten – gut beschrieben. Es geht um Spionage und Gegenspionage, aber vor allem um die Frage von Loyalität. Ist blinde Ergebenheit gegenüber der Krone, die es umgekehrt mit den Menschen nicht mehr ganz so gut meint, wie sich am bereits erwähnten Brexit zeigt, tatsächlich die ultima ratio?

„Federball“ ist nicht sonderlich spannend, aber ein politisch lesenswerter Roman zum Abschluss einer großen Schriftstellerkarriere.

Buchcover © Ullstein Verlag

Wertung: 12/15 dpt 

  • Autor: John le Carré
  • Titel: Federball
  • Originaltitel: Agent Running in the Field
  • Übersetzer: Peter Torberg
  • Verlag: Ullstein
  • Umfang: 349 Seiten
  • Einband: Hardcover
  • Erschienen: Oktober 2019
  • ISBN: 978-3-550-20054-0
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite
    Erwerbsmöglichkeiten

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