Michael Kleinherne – Nike (Roman)

Ein bischen erinnert die Ausgangssitualtion von Michael Kleinhernes aktuellem Roman „Nike“ an Glattauers Bestseller „Gut gegen Nordwind“.

Auf einem Theater-Wochenend-Workshop begegnen sich Thomas aus München und Nike aus Berlin das erste Mal. Obwohl sich die beiden bei diesem ersten Treffen überhaupt nicht nahe kommen, entwickelt sich kurz darauf ein intensiver Dialog via Mails und anderer Textnachrichten, deren Dynamik sich rasant verselbstständigt. Die räumliche Distanz bzw. der digitale Austausch, um diese zu überwinden, wird zum Motor ihrer Leidenschaft. Aus banalen Alltagssätzen und behutsam formulierten Sehnsüchten entsteht binnen kurzer Zeit eine tiefe Intimität zwischen zwei sich eigentlich ziemlich fremden Menschen.

Nähe und Distanz sind die beiden Pole zwischen denen sich der Plot bewegt, sowohl konkret auf die räumliche Distanz der Figuren bezogen als auch metaphorisch. Nähe und Distanz erzeugen ein Spannungsfeld, das auch die Leser:innen vereinnahmt.

Kleinherne ist ein zurückhaltender Erzähler. Er setzt nicht auf dramatische Szenen oder große Gesten. Seine Sprache ist stellenweise fast nüchtern. Die Sätze, die er seinen Figuren in den Mund legt, wirken alltagsgetrieben. Kleinherne überlässt es uns, den Leser:innen, nachzuvollziehen, woher das Interesse der Beiden aneinander überhaupt kommt.

Thomas und Nike sind von Beginn an ein grundgegensätzliches Paar. Außer einer gewissen gegenseitigen körperlichen Anziehung, die stellenweise sogar mehr wie Neugier wirkt, scheint sie nichts zu verbinden. Beide befinden sich in Lebensphasen, in denen sie ihre aktuelle Situation, beruflich sowie in Bezug auf ihre jeweilige langjährige Beziehung, ziemlich offen in Frage stellen. Der Ausblick auf eine grundsätzliche Richtungsänderung, den eine neue Liebe in Aussicht stellt, erscheint wie eine Flucht bzw. die Chance auf den ersehnten Neuanfang.

Wie in seinen vorherigen Romanen („Absinth“ und „Lea“), stellt Kleinherne auch hier eine Liebesbeziehung in ihren verschiedenen Phasen in den Mittelpunkt, wobei er die Entstehung dieser Liebe ebenso akribisch nachzeichnet, wie deren Scheitern. In diesem Sinne kann man „Nike“ durchaus als eine Art Gegenentwurf zu Glattauers Bestseller lesen.

Subtil geht Kleinherne der Verliebtheit seiner Figuren auf den Grund. Die räumliche Distanz ermöglicht ihnen, die eigenen Sehnsüchte zu projiziieren ohne sie dem Korrektiv eines gemeinsamen Alltags auszusetzen. Tatsächlich empfinden beide bei jeder realen Begegnung zunächst Fremdheit und auch Enttäuschung.

Den Leser:innen wird die Geschichte im zeitlichen Abstand von ca. zwanzig Jahren aus Sicht von Thomas erzählt. Hierfür entwirft der Autor eine schmale Rahmenhandlung, ein langer Spaziergang mit Hund im Altmühltal, dessen kurze und eher banale Einschübe als Kapitelteiler der Haupthandlung dienen. Die Leser:innen werden so zu Komplizen, die die Sicht des sich erinnernden Ich-Erzählers Thomas  teilen.

Erneut spielt Kleinherne mit Nähe und Distanz, diesmal zeitlich. Denn rückblickend ist direkt klar, dass aus der geschilderten Amour fou keine tragende Beziehung wachsen wird. Dem den Ereignissen unmittelbar ausgesetztem Thomas fehlt diese Erkenntnis und aus seinem Erlebnishorizont heraus wird deutlich warum.

Kleinhernes Roman ist keine klassische Liebesgeschichte. Vielmehr ist es die Geschichte zweier Menschen, die sich nach einer neuen Liebe sehnen. Ein stiller Roman, der durchaus nachklingt. Leseempfehlung!

  • Autor: Michael Kleinherne
  • Titel: Nike
  • Verlag: Kulturmaschinen Verlag
  • Erschienen: September 2025
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 234 Seiten
  • ISBN: 978-3967633702

Wertung: 11/15 dpt

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