Komplexes Spiel um Sprache und Identität

Buchcover: Muttersprache (c) Folio Verlag
Buchcover: Muttersprache (c) Folio Verlag

Auf den ersten Seiten gewinne ich den Eindruck, die Autorin möchte mich abschütteln. Der Zorn ihres Protagonisten Paolo prasselt auf mich ein, fünfzig Seiten lang, ohne dass eine Entwicklung in irgendeine Richtung abzusehen ist. Die ständigen Redundanzen sind anstrengend. Das schlichte schwarz-weiße Weltbild des jugendlichen Ich-Erzählers ermüdet. Immerhin: die Worthölle, die die Autorin erschafft, und mir als Leserin zumutet, macht die Lebensnot des Ich-Erzählers greifbar.

Die Geschichte, die Fingerle mit ihrem preisgekrönten Debüt erzählt, ist nichts zum Wohlfühlen. Im Mittelpunkt steht Paolo Prescher, ein junger Mann, der zu Beginn der Handlung noch ein Teenager ist. Er ist psychisch krank, ein von seinen Zwängen Getriebener. Er ist besessen von der Sprache und dem Wunsch nach der Reinheit der Worte.

Für Paolo spiegelt sich das Verhalten seiner Mitmenschen in deren Sprache. Worte, die er mit schlechten Erfahrungen verbindet, erhalten negative Assoziationen, sie werden “dreckig” und er kann sie selbst nicht mehr verwenden ohne zu leiden.

Die Handlung ist in Bozen angesiedelt. An keinem anderen Ort hätte der Roman besser platziert sein können, erzählt die Autorin in einem Interview. Denn hier herrscht ein diffuses Durcheinander an Mehrsprachigkeit, die es der Hauptfigur unmöglich macht, die eigene Identität zu entschlüsseln.

Paolo kommt mit seinem Leben nicht zurecht. Er bleibt ein Fremdkörper innerhalb der eigenen Familie. Vor allem gegen Mutter und Schwester richtet sich sein Hass. Er empfindet beide als unaufrichtig. Die Sexualität der älteren Schwester stößt ihn ab. Der einzige Mensch, den er liebt, ist der Vater. Doch auch dieser ist psychisch krank. Er bietet dem Sohn keinen Halt, denn er hat sich völlig in sein Schweigen zurückgezogen.

Der Suizid des Vaters markiert schließlich eine Wende in Paolos Leben und im Roman. Paolo wird aktiv und der Plot verlässt die deskriptive Ebene. Paolo kehrt der verhassten Heimatstadt den Rücken und geht nach Berlin. Das Italienisch der Mutter und Schwester will er nicht mehr sprechen, er entscheidet sich sein Deutsch zu vervollkommnen. In der fremden Sprache findet er eine Zuflucht.

Er lernt Mira kennen und lieben. Die Italienerin scheint ihm einen Weg zu öffnen, um sich mit dem Italienischen zu versöhnen. Doch mit der Rückkehr nach Bozen kehren Paolos Dämonen zurück …

Fingerles Roman ist in seiner Komposition extrem komplex. Die Autorin verbindet das Schicksal ihrer Hauptfigur mit der kulturellen Besonderheit Bozens, wobei sie unverhohlen Kritik an Politik und  Gesellschaft platziert. Sie verknüpft die psychische Erkrankung ihrer Hauptfigur mit der sprachlichen Besonderheit Südtirols. Der sprachliche Manierismus der Autorin reicht bis zu den Namen ihrer Protagonisten, die allesamt Anagramme sind.

Die Leser*innen der deutschen Übersetzung profitieren durch die vom Folio-Verlag im Anhang ergänzten Fußnoten-Informationen. Diese belegen eindrucksvoll die Vielschichtigkeit von Fingerles Textarbeit.

Der mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnete Roman ist keine der üblichen Familiengeschichten vor einem mehrsprachigen multikulturellen Spannungsfeld. Die Literaturwissenschaftlerin Fingerle spürt tiefenpsychologischen Zusammenhängen zwischen Sprache und Identität nach. Ihr Roman ist zugleich düsteres Psychogram und ein bis ins kleinste Detail mit Bedeutung besetztes Sprachspiel.

  • Autor: Maddalena Fingerle
  • Titel: Muttersprache
  • Originaltitel: Lingua madre 
  • Übersetzer: Maria E. Brunner
  • Verlag: Folio Verlag
  • Erschienen: Februar 2022
  • Einband: Gebundene Ausgabe
  • Seiten: 180 Seiten
  • ISBN: 978-3852568492


Wertung: 12/15 dpt


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