Jochen Malmsheimer – Ermpftschnuggn Trødå oder: Hinterm Staunen kauert die Frappanz (Soloprogramm, Live 2CD)

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Jochen Malmsheimer - Ermpftschnuggn Trødå Live Soloprogramm 2CDDie „Tresenlesen“-Zeiten mit Sympathikus Frank Goosen sind längst vorbei, und seit dem Jahr 2000 hat es der in Bochum aufgewachsene Essener auf insgesamt sechs Soloprogramme gebracht, wenn man mal das 2002er „Tresenlesen“-Texte beinhaltende Programm „Sack, eine Revue“ außen vor lässt. Und um gleich mit der Tür ins Haus zu fallen: Das sonderbar betitelte „Ermpftschnuggn Trødå oder: Hinterm Staunen kauert die Frappanz“ zeigt den Kabarettisten in unverändert hervorragender Form. Und: Malmsheimer ist mehr als nur „gute Butter“, wie er immer wieder beweist – es ist unverständlich, wieso er immer wieder an jener Passage gemessen wird.

In Zeiten der alten Gags eines hoffmannschen „Hallo erstmal…“, barthscher Wiederholungen, ceylanesker Substanzallergie und bauernschlauem Proletenhumor der schröderschen Sorte sowie einer comedysierung der Kabarettszene ist es stets erfrischend, dass eine kleine Riege der Kabarettisten noch die Fahne des Anspruchs in die Höhe hält. Während allerdings ein Großteil derselben eher das politische Spektrum abdeckt, reist der bärtige Mann mit der Schiebermütze durch das unergründliche Reich der Pubertät, in die Untiefen der Absonderlichkeiten der deutschen Sprache, durch den multimedialen Dschungel, das Schienennetz der Modeentgleisungen, die Unendlichkeit menschlicher Dummheit und schlendert weitere vielfältige Pfade der Gesellschaft entlang.

In diesem rund eineinhalbstündigen Livemitschnitt redet sich Malmsheimer einmal mehr köstlich in Rage, trägt seine Texte hochemotional und stellenweise gewohnt theatralisch vor und neigt, wie man es von ihm bereits von Beginn an kennt, nicht selten zu einer mit Ironieglasur überzogenen, beinahe karikaturenhaften Dramatik. Hierbei beeindruckt es immer wieder, mit welch sprachlicher Gewandtheit und Sicherheit er seine Seelenschmerztrigger zum Besten gibt. Es wird mit Worten jongliert und episch-poetisch vom Bühnenboden abgehoben, dann wieder erbricht sich Malmsheimer in unterhaltsamer Wortklauberei, und in den richtigen Momenten geschieht auch das Wunder einer Landung auf dem Boden der Rhetorik, sprich bei der einfacheren Sprache.

Gut, zum Luftholen vielleicht.

Höhepunkte sind die beiden von dramatischen Kirchenorgeln eingeleiteten „Psalm der Sorge“-Abschnitte, in welchen sich der Nordrhein-Westfale in Gebetsform zum einen über die Eigenarten der Beinbekleidungsmodeentwicklung echauffiert, und im zweiten Psalm darf sich die Fernsehlandschaft mit einer bitter-sarkastischen Ohrfeigensalve konfrontiert sehen, doch die Qualitätskurve steigt durch diese zwei Stücke nicht wesentlich, da sie kaum noch Luft nach oben hat. Zu virtuos führt Malmsheimer sein Publikum durch sein Programm, zu vereinnahmend ist seine Performance – wenngleich man ihn auf vorliegendem Tonträger nur hören und nicht sehen kann-, zu gehaltvoll ist das gesamte Material des „Flieg Fisch, lies und gesunde! oder: Glück, wo ist Dein Stachel?“-Nachfolgesets. Ebenso sind es die intelligenten Verstrickungen innerhalb des Programms, die den Zuhörer immer wieder ungläubig grinsend mit dem Kopf schütteln lassen.

Das Publikum schien hörbaren Spaß an der Vorstellung zu haben, und das überträgt sich ohne Umwege auf den Hörer dieses stark geplätteten Doppelzylinders, denn auch auf Konserve ist „Ermpftschnuggn Trødå“ ein wahrer Genuss. Wieder einmal beweist Jochen Malmsheimer Größe, und man selbst als Freund des guten Kabaretts könnte erneut verzweifeln, dass solche Koryphäen leider nicht in den breiten Medien stattfinden. Stattdessen muss man mit enorm wachem Auge die lokalen Terminkalender entsprechender Auftrittsorte studieren oder mit der Taschenlampe in den verborgensten, dunklen Winkeln des Fernsehprogramms eine von meist mäßigem Erfolg gekrönte Suche unternehmen. Andererseits: Erfolg im Mainstream ist oftmals das mediale Krebsgeschwür, welches den kabarettistischen und komödiantischen Qualitätsanspruch zerfrisst. Meist ohne Gnade. Erfreuen wir uns also lieber an dem, was wir haben. Zum Beispiel an einer sowohl namhaften als auch exzellent schreibenden und agierenden Konstante namens Malmsheimer.

Cover © ROOF Music/tacheles!

  • Künstler: Jochen Malmsheimer
  • Titel: Ermpftschnuggn Trødå oder: Hinterm Staunen kauert die Frappanz
  • Label: ROOF Music/tacheles!
  • Erschienen: 01/2013
  • Spielzeit: ca.93 Minuten auf 2 CDs
  • ISBN: 9-783-86484-021-0
  • Sonstige Informationen:
    Livemitschnitt des 2012er Soloprogramms
    aus der Kaue in Gelsenkirchen,
    2. und 3. November 2012
  • Weblink: www.jochenmalmsheimer.de
  • Inhalt:
    CD1:
    Schillmadeinleböhn (Unverständnis)
    Fragworten (Missverständnis)
    Psalm der Sorge I: Die Hose (Einverständnis)
    Über die Frau zum Mann, kurzer Weg, lange Farbe (Kein Verständnis)
    Wunderwerk Mensch, Widerspruch Mann (Missverständnis)
    Psalm der Sorge II: Das Fernsehen (Unverständnis)
    CD2:
    Ermpftschnuggn Trødå (Rätsel)
    Persönliche, seismische Erfahtung und wohnin sowas führt (Frage)
    Und Deutsch meint einfach (Antwort)
    Dumpftschniggn Phlødå (Lösung)

Wertung: 14/15 dpt

 

 


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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Jochen Malmsheimer – Ermpftschnuggn Trød…

von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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