Jean Paul Dubois – Der Fall Sneijder (Buch)

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Jean Paul Dubois - Der Fall Sneijder (Buch) © dtvFrankreich und das Genuss-Image … Vernünftige französische Weine schmecken ohne Luft so gar nicht, Hähnchen bekommt man mit Kopf, Füßen und Innereien, und Austern schmecken ohne Wein nach Meerrotze. Wer sich aber Zeit lässt – und da lehne ich mich mal ganz weit aus dem Fenster -, der findet schon in der einfacheren ländlichen französischen Küche geniale Geschmackserlebnisse, die in Sachen Bodenständigkeit, Nachhaltigkeit und übrigens auch Preisgestaltung einzigartig – und günstig – sind. „Zeit“ ist halt der Faktor, den man bezahlt oder eben selbstkochend selbst investieren muss.

Doch mehr als Fast Food!

Und was hat das jetzt mit Literatur zu tun? Nichts. Außer der Tatsache, dass es dem geneigten Leser bei der Lektüre von „Der Fall Sneijder“ des in Toulouse lebenden Romanciers Jean-Paul Dubois ähnlich gehen könnte – und er nach einer ersten Lektüre erst mal ratlos vor diesem Buch steht und sich denkt „Das war alles?!?“. In Deutschland (noch) eher unbekannt, gehört Dubois in Frankreich zu den renommierten Autoren, die über eine recht ansehnliche Literaturpreis-Ausbeute verfügen und gleichzeitig auch tatsächlich gelesen werden. Dies sollte eigentlich auf den „Fall Sneijder“ auch in Deutschland funktionieren, kommt der Roman doch sehr süffig und mit hohem erzählerischen Tempo daher. Die Seiten blättern sich beinahe von selbst, und viel zu rasch ist der Leser ans Ende dieses 240-seitigen Buches gelangt und hat zunächst einmal eher den Eindruck, literarischem Fast-Food erlegen zu sein. Sicher, die Story um Paul Sneijder, dessen Leben am 4. Januar 2011 um exakt 13:12 Uhr eine dramatische Wendung nimmt, ist mit großer erzählerischer Verve erzählt. Um diese Uhrzeit nämlich stürzt der Aufzug, in dem er sich gemeinsam mit seiner Tochter und zwei weiteren Menschen befindet, in die Tiefe – Paul Sneijder ist der einzige Überlebende dieses Unglücks. Wie sich diese dramatische Wendung auf seine Ehe, sein Arbeitsleben und seine Psyche auswirken, das erzählt dieser Roman mit zahlreichen zwischengeschobenen Episoden, die wechselvolle Beziehung zu seiner Tochter, die aus erster Ehe stammt. All dies beschreibt Dubois sehr unangestrengt, mit ausreichend Pathos, das aber durch perfekt gesetzte skurrile und ironische Kontrapunkte aufgelöst wird.

Philosophie des Aufzugs – und ein wenig Gotteslästerung

Doch – und da sind wir wieder bei der Analogie zu Frankreichs Kulinarik – all dies wäre wenig spektakulär, bestenfalls eben „packend“ aber kaum nachhaltig oder besonders. Besonders machen dieses Buch die klugen und so perfide geschickt eingewobenen philosophischen Einwürfe, die sich mit dem Zufall, noch essentieller aber mit dem „Aufzug“ als architektonischem Geburtshelfer moderner Zivilisationen beschäftigen. Der Rezensent hört an dieser Stelle wieder das enervierte Gähnen und die wenig-euphorisierten Einwürfe „Wow, Aufzüge – gibt’s dazu jetzt auch eine Philosophie – mega-spannend…“ Oh ja, die gibt es – und spannend ist sie zudem – und ja ein wenig coole Gotteslästerung ist auch mit dabei. Zwar kannte die Antike schon Aufzüge, die nach dem recht einfachen Prinzips des Flaschenzugs funktionierten, doch erst als 1853 Elisha Graves Otis im Rahmen einer New Yorker Ausstellung den ersten Personenaufzug mit sicherer Auffangvorrichtung präsentierte, da begann die bewohnbare Vertikalität, die die urbane Architektur wie kaum eine andere Erfindung inspirierte beziehungsweise erst ermöglichte. Denn nun war es möglich, dass Wohn- und Geschäftshäuser in die Höhe gebaut werden konnten – und wichtiger: auch in oberen Stockwerken problemlos bewohnbar waren. Die Faszination dieser Höhe besiegte die christlich geprägte Doktrin, die Vertikale sei rein göttlich. Der Mensch eroberte und domestizierte die Höhe und verdrängte die allein Gott zugewiesene Dimension – zumindest dessen von Kirchenseite propagierte Exklusivität der Vertikalen. Und so wurde das Sinnbild des Kreuzes, mit seiner horizontalen (menschlichen) und vertikalen (göttlichen) Ebene entmystifiziert. Wer Lust hat und über (zu viel) Lebenszeit verfügt, der kann sich in seinen städtischen Archiven Quellen durchlesen, die deutlich machen, wie sehr die Geistlichkeit die Erfindung des Aufzugs mit schimpfender Rohrspatzigkeit begleiteten – die heute geführten Debatten um Homosexualität sind dagegen als beinahe harmlos zu bezeichnen. Viele dieser Überlegungen finden sich aber auch – und mit durchaus großem Unterhaltungscharakter – in diesem Roman, der zudem einige wirklich skurrile Geschichten rund um die Geschichte des Aufzugs und der New Yorker und Pariser Architektur erzählt. Und als wäre all dies nicht genug, lässt Dubois seinen Helden mit professionellem Gassi-Gehen langsam wieder in den Alltag finden. Die genialen Szenen und luziden Beobachtungen, die er seinen Helden über Hundebesitzer anstellen lässt, gehören zu den ersten literarhumorigen Highlights dieses Jahres.

Ein fast logisches Fazit

Jean Paul Dubois ist mit diesem Roman ein ebenso kluger wie unterhaltsamer und lebenskluger Roman gelungen, dem es zu wünschen wäre, dass er nun auch in Deutschland eine große Leserschaft um sich zingeln möge. Der Autor und insbesondere dieses haben es verdient.

Cover © dtv premium

  • Autor: Jean Paul Dubois
  • Titel: Der Fall Sneijder
  • Originaltitel: Le Cas Sneijder
  • Übersetzer: Nathalie Mälzer
  • Verlag: dtv Premium
  • Erschienen: Januar 2014
  • Einband: broschiert
  • Seiten: 240
  • ISBN: 978-3-423-24998-0

Wertung: 13/15 dpt


Über den Autor

Dominik Nuese-Lorenz


Dominiks Nerd-Schreibtisch

Als gebürtiger Freiburger und aufgewachsener Rheinländer bin ich inzwischen seit doch einigen Jahren im Dreieck Bamberg-Bayreuth-Nürnberg gelandet. Nach fast zehn Jahren als Pressepsprecher eines Kinder- und Jugendbuchverlages kam 2012 die Zeit, in der ich meine angedache Doktorarbeit endlich realisieren wollte und beschäftige mich daher gerade mit – grob gesagt – Postnationalen Entwürfen der deutschen Gegenwartsliteratur.

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Jean Paul Dubois – Der Fall Sneijder (Buch…

von Dominik Nuese-Lorenz Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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